Lebenslinien als Spuren der Vertreibung aus der Herminengasse

19. Oktober 2017, 12:35
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Seit Donnerstag finden Öffi-Fahrer in der U-Bahn-Station Schottenring ein Denkmal für die deportierten Juden und Jüdinnen, die einst in der Herminengasse lebten

Wien – Dünne schwarze Linien ziehen sich seit Donnerstag über die Wände des Ausgangs Herminengasse der Wiener U-Bahn-Station Schottenring. Links und rechts des schmalen Tunnels führen zarte Striche von blass gezeichneten Häusern, die sich am anderen Ende des Aufzugs in der Realität wiederfinden, zu den in Blockbuchstaben geschriebenen Namen von rund 30 Konzentrationslagern.

foto: kör/iris ranzinger

Am 19. Oktober 1941 fuhr der neunte Transport vom Wiener Aspangbahnhof ins Ghetto Litzmannstadt ab, bei dem 1.000 Personen deportiert wurden – ein Tag, der symbolisch für die Enthüllung des Mahnmals in der U-Bahn-Station gewählt wurde. Das Projekt von Wiener Linien und Kunst im öffentlichen Raum soll "nicht mit dem Holzhammer" an die Geschichte Österreichs in der Zeit des Nationalsozialismus erinnern, wie die deutsche Künstlerin Michaela Melián dem STANDARD erzählt. Es solle vielmehr "homöopathisch anregen", sich mit dem "kollektiv-unterbewussten Wissen über den mörderischen politischen Akt der Vertreibung in dieser Zeit" auseinanderzusetzen.

Von 600 zu 1.322 Namen

Als Melián das Projekt übernahm, fand sie "eine sehr dürftige Aktenlage" vor, erzählt sie. 600 Namen standen in alphabetischer Reihenfolge auf einer Liste des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes. "Die Liste hat widergespiegelt, wie fundamental die Vernichtungspolitik war." Denn von den meisten Menschen wisse man bis heute nicht, was mit ihnen passiert ist.

foto: kör/iris ranzinger

Gemeinsam mit der Historikerin Tina Walzer wurde das beauftragte Kunstwerk zum Forschungsprojekt. Der erste Schritt: die Liste umzusortieren. Die Namen wurden Hausnummern zugeteilt. Dann wurden Melde- und vor allem Abmeldedaten von Personen in den Gebäuden in der Wiener Leopoldstadt mit den Tagen der Deportationen abgeglichen. Dabei ging es vor allem darum, Menschen zu finden, die in der Herminengasse als Juden verfolgt wurden und dies überlebt hatten oder aus einem anderen Grund nicht auf der Liste der Verfolgten, die das DÖW zur Verfügung gestellt hatte, auftauchten: weil sie noch vor einer Deportation aus Wien hatten fliehen können oder bereits in Wien verstorben waren oder weil sie aus der Herminengasse noch an weitere Adressen zwangsumgesiedelt wurden, bevor ihre Deportation schließlich stattfand.

Schnell wurde klar, dass es einige hundert weitere Opfer gab. Von den 21 Häusern, die die Herminengasse umfasst, standen zu Beginn der NS-Herrschaft elf in jüdischem Besitz. Neun davon wurden enteignet. In zwei Häusern wurden Sammellager eingerichtet, in weiteren acht befanden sich Sammelwohnungen. 1.322 Personen konnten nachgewiesen werden, die zwischen 1938 und 1945 in der Herminengasse gelebt haben. "Bei einigen Hausnummern wurde schnell klar, dass es sich bei den Gebäuden um Sammellager handeln musste", sagt Melián. "Zwischen 1941 und 1943 haben in diesen Häusern über 300 Leute gewohnt."

Eine Linie – eine Person

In ihrem Kunstwerk stellt Melián "eine Linie für jede Person, die aus einem Haus gebracht wurde", dar, diese führt von Wohnhäusern der Herminengasse zu den Konzentrationslagern und Ghettos. Bei 800 Juden und Jüdinnen konnte das Forschungsteam klären, wohin die Menschen gebracht wurden. "Viele wurden mehrfach verbracht und waren in mehreren Konzentrationslagern." Für weitere 500 Personen bleibt eine "Leerstelle". Sie sei "exemplarisch für diejenigen, von denen wir nicht wissen, was mit ihnen passiert ist".

foto: kör/iris ranzinger

Die abstrakte Umsetzung durch Linien sei bewusst gewählt, sagt Melián. "Es ist ein kurzer Tunnel an einem Ort, wo niemand Zeit hat, lange stehen zu bleiben. Es zieht und ist kalt. Es wäre keine würdige Angelegenheit, hier Namen aufzuschreiben oder persönliche Bilder aufzuhängen." Die Linien seien die "zeichnerische Übersetzung" der Geschichten der Menschen, die in den Häusern gelebt haben. "Eine Linie ist viel: eine Lebenslinie, eine Spur der Vertreibung, eine geografische und biografische Strecke." Eine längere Version der Geschichten, gespickt mit persönlichen Fotos und weiteren Aufzeichnungen, erfährt man in dem Buch, das aus der Forschung hervorgegangen ist.

Den Wiener Linien sei es "besonders wichtig, an diesem historisch so belasteten Ort nicht nur eine schlichte Gedenktafel anzubringen", erklärt Günter Steinbauer, Vorsitzender der Geschäftsführung. Mit der Arbeit Meliáns sei es gelungen, die "tragischen Ereignisse auf sensible Art greifbar zu machen und in die heutige Zeit zu übersetzen". (Oona Kroisleitner, 19.10.2017)

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