"Wachstum beruht auch auf unbezahlter Arbeit"

Interview18. Oktober 2017, 09:00
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Die indische Ökonomin Jayati Ghosh forscht zur Rolle von Entwicklungsländern in der Weltwirtschaft. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin fordert von Europa, faire Bedingungen für den globalen Handel zu schaffen

STANDARD: Gemeinsam mit anderen Ökonomen haben Sie in dem 2013 erschienenen Buch "Handelt jetzt! Das globale Manifest zur Rettung der Wirtschaft" neoliberale Dogmen kritisiert und eine verstärkte internationale Zusammenarbeit eingefordert, die sich am Gemeinwohl orientiert. Inzwischen hat Großbritannien für den Brexit gestimmt, Donald Trump ist Präsident der USA, und in Europa blüht der Nationalismus.

Ghosh: Wir haben versucht zu zeigen, dass wir schnell handeln müssen, da ansonsten rechte, chauvinistische Kräfte weiter an Boden gewinnen werden. Leider sind unsere Thesen bestätigt worden. Gerade im Zuge der Wirtschaftskrise hätten die Fehler, die etwa in der Finanzpolitik gemacht wurden, behoben werden müssen. Nun sehen wir diese Entwicklung in Europa und den USA, aber auch im Globalen Süden: Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit nehmen zu, es wird Stimmung gemacht, gegen Migranten, Arbeiter, gegen Frauen.

STANDARD: Sie kritisieren, dass neoliberale Politik nicht nur darin gescheitert sei, Wohlstand gerecht zu verteilen, sondern dass auch der Globale Süden den Norden subventioniere. Wie lässt sich das erklären?

Ghosh: In den Entwicklungsländern meinen die Regierungen, nur über eine Exportorientierung ließe sich Wirtschaftswachstum erzielen. Wir konkurrieren also untereinander, um immer billigere Produkte in entwickelte Ökonomien zu exportieren. Das tun wir, indem wir den Wechselkurs niedrig halten, Löhne und andere Kosten drücken. Davon profitiert der Norden. Auch von der Arbeitsmigration haben Europa und die USA profitiert. In Europa wird Migration gegenwärtig als eine Bedrohung und eine finanzielle Belastung betrachtet, aber Migranten und Migrantinnen haben immer schon zum wirtschaftlichen Erfolg beigetragen: als billige Arbeitskräfte in Fabriken, Spitälern oder in der Landwirtschaft, aber auch als gut ausgebildete Fachkräfte und nicht zuletzt in privaten Haushalten.

STANDARD: In Österreich geht ein Wahlkampf zu Ende, der sich vor allem auf Migration konzentrierte. Von allen Parteien wurde die Bedeutung von Entwicklungshilfe, von "Hilfe vor Ort" betont. Welche Rolle spielt Entwicklungshilfe tatsächlich für den Globalen Süden?

Ghosh: Meiner Meinung nach ist Entwicklungshilfe weit weniger bedeutend, als es grundlegende wirtschaftliche Rahmenbedingungen sind. Westliche Staaten geben sich gerne großzügig – in Wirklichkeit sind die Summen, die in die Entwicklungshilfe fließen, äußerst gering. Zugleich wird wirtschaftliche Entwicklung im Süden aktiv verhindert – zum Beispiel über ein striktes Patentrecht oder politische Einflussnahme, die den eigenen multinationalen Konzernen zugutekommt. Diese sollen möglichst uneingeschränkt agieren können – auch wenn dabei enorme ökologische Schäden entstehen oder die Rechte von Arbeitnehmern missachtet werden. Ich würde also sagen: Gebt uns gerne weniger Entwicklungshilfe, aber ermöglicht endlich faire Rahmenbedingungen für den globalen Handel.

STANDARD: Sie fordern Fairness auch bei der Klimapolitik: Staaten im Globalen Norden sollen ihre CO2-Emissionen und ihren Ressourcenverbrauch stärker einschränken. Politiker wie US-Präsident Donald Trump betrachten hingegen Klimaschutz noch immer als ein Hemmnis für Wirtschaftswachstum.

Ghosh: Was aktuell in den USA passiert, ist wirklich unglaublich. Mittlerweile denke ich aber, dass selbst Trump die Entwicklung nicht mehr aufhalten kann – die klar in die gegenteilige Richtung geht. 2014 hat sich der CO2-Ausstoß erstmals vom Wirtschaftswachstum abgekoppelt: Die Wirtschaft ist global gewachsen, dennoch ist der energiebedingte CO2-Ausstoß nicht gestiegen. China investiert massiv in erneuerbare Energien und hat damit Erfolg. Trump kann indessen gegen Klimaverträge wettern, wie er will – die US-amerikanische Kohleindustrie wird dennoch sterben.

STANDARD: Indien hat indessen mit massiver Umweltverschmutzung zu kämpfen. Trifft diese Frauen härter als Männer?

Ghosh: Allerdings. Selbstverständlich betrifft etwa verschmutzte Luft grundsätzlich jeden, aber Frauen halten sich im Durchschnitt sehr lange im Freien auf, wo sie – vielfach unbezahlte – Arbeit wie das Sammeln von Feuerholz verrichten. Zusätzlich müssen sie aufgrund der zunehmenden Verschmutzung immer mehr Zeit aufwenden, um an Trinkwasser zu gelangen. Das ist auch eine Klassenfrage, aber Frauen sind eben überwiegend für die täglichen Arbeiten im Haushalt zuständig. Weil der Staat kein sauberes Trinkwasser für alle Haushalte zur Verfügung stellt, steigt somit die unbezahlte Arbeit von Frauen weiter.

STANDARD: Im Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums nimmt Indien nur Platz 87 ein. Vor welchen Herausforderungen steht das Land in Sachen Geschlechtergerechtigkeit?

Ghosh: Ich bin überrascht, dass wir überhaupt auf Platz 87 gelandet sind. Indien bietet Frauen kaum Möglichkeiten zur wirtschaftlichen Teilhabe. Die Entwicklung der vergangenen 15 Jahre ist desaströs, ich habe weltweit kein vergleichbares Beispiel gefunden. Wir sind ein Land, in dem es ein Wirtschaftswachstum von rund sieben Prozent jährlich gibt, trotzdem ist der Anteil berufstätiger Frauen auf rund 26 Prozent gesunken. Das heißt nicht, dass Frauen nicht arbeiten würden – sie tun es nur unbezahlt. Unser Wirtschaftswachstum beruht also auch auf der unbezahlten Arbeit von Frauen, die wir nicht anerkennen. Zusätzlich haben wir einen der höchsten Gender-Pay-Gaps weltweit. Und dieser betrifft keineswegs nur den privaten Sektor. Die indische Regierung beschäftigt Frauen, die beispielsweise in Gesundheitsprogrammen arbeiten, nennt sie aber Freiwillige oder Aktivistinnen. Unter anderem sind das die Accredited Social Health Activists, kurz Asha, was Hoffnung bedeutet. Das ist ein besonders zynisches Akronym, denn diese Frauen verdienen rund 500 Rupie monatlich, also knapp sieben Euro. Frauen besitzen auch weit weniger Vermögen. Das ist zwar rund um den Globus so, in Indien ist dies aber aufgrund festgefahrener patriarchaler Strukturen besonders stark ausgeprägt.

STANDARD: Feministische Ökonominnen kritisieren, dass die Wirtschaftswissenschaft eben diese unbezahlte Arbeit einfach ausblendet. Welchen Einfluss hat feministische Theorie auf Ihre Arbeit als Ökonomin?

Ghosh: Ich bin Feministin. Allerdings ist die Auseinandersetzung mit Geschlechterverhältnissen keine Frage der Ideologie, sie ist schlichtweg die Voraussetzung für seriöse wissenschaftliche Arbeit. Wer das indische Wirtschaftswachstum verstehen möchte, benötigt dazu das Wissen, wie Geschlechterdifferenzen unsere Gesellschaft und damit auch unser Wirtschaftssystem formen.

STANDARD: Gewalt gegen Frauen in Indien hat zuletzt international für Schlagzeilen gesorgt. Gibt es auch hier einen Link zur wirtschaftlichen Situation im Land?

Ghosh: Ja, den gibt es. Grundsätzlich ist Gewalt gegen Frauen in Indien kein neues Phänomen, sie hat nur weniger Aufmerksamkeit bekommen. Nach wie vor wird die meiste Gewalt gegen Frauen vom Partner oder Familienmitgliedern verübt, aber es gibt auch einen Anstieg bei Übergriffen im öffentlichen Raum. Unser enormes Wirtschaftswachstum hat kaum neue Jobs gebracht, und somit leben auch viele junge Männer in prekären Verhältnissen. Ihr Zorn richtet sich gegen Schwächere: gegen Minderheiten, niedere Kasten – und auch gegen Frauen. Eine sozial gerechte Politik ist also in vielerlei Hinsicht dringend notwendig. (Brigitte Theißl, 18.10.2017)

Jayati Ghosh (geb. 1955) ist Professorin für Ökonomie an der Jawaharlal-Nehru-Universität in Neu-Delhi und Autorin. Sie schreibt unter anderem für den "Guardian". Auf Einladung der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE) nahm Ghosh an der Fachkonferenz "The new multipolar global order and the challenge of the SDGs" in Wien teil.

  • Westliche Staaten geben sich gern großzügig, sagt Jayati Ghosh. Doch es seien geringe Summen, die in Entwicklungshilfe fließen. Weit wichtiger seien daher die grundlegenden wirtschaftlichen Bedingungen.
    foto: heribert corn

    Westliche Staaten geben sich gern großzügig, sagt Jayati Ghosh. Doch es seien geringe Summen, die in Entwicklungshilfe fließen. Weit wichtiger seien daher die grundlegenden wirtschaftlichen Bedingungen.

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