US-Starökonom: "Die Deutschen brauchen keine Angst zu haben"

Interview18. Oktober 2017, 07:00
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Trotz wachsender Wirtschaft müsse die EZB ihre ultralockere Geldpolitik fortsetzen, sagt Barry Eichengreen

STANDARD: Der Internationale Währungsfonds warnt vor einem Crash am Finanzmarkt. Investoren gehen zu viele Risiken ein, weil sich mit sicheren Investitionen keine Zinsen verdienen lassen. Zentralbanken haben zu dieser Entwicklung mit ihrer lockeren Geldpolitik beigetragen. Ein Fehler?

Eichengreen: Die Zentralbanken haben das getan, was sie tun mussten, um die Wirtschaft zu stabilisieren und die Inflation anzufachen. Wie bei jeder medizinischen Behandlung gibt es Nebenwirkungen. Aber nur deshalb, weil es auf den Finanzmärkten zu Ausschweifungen kommt, dürfen Notenbanken ihre Kernaufgabe nicht aus den Augen verlieren, und diese lautet nun einmal für Preisstabilität zu sorgen.

STANDARD: Und was ist mit den zunehmenden Risiken an den Börsen und Anleihenmärkten?

Eichengreen: Um deren Eindämmung müssen sich die Finanzaufseher kümmern, etwa indem sie Vorgaben und Grenzwerte für bestimmte Investments festlegen.

STANDARD: Die Wirtschaft in der Eurozone wächst so stark wie seit Jahren nicht, die Arbeitslosigkeit geht zurück. Warum sollte die Europäische Zentralbank (EZB) weiter versuchen, die Inflation von derzeit 1,5 auf zwei Prozent hochzubekommen? Der zu geringe Preisanstieg stört doch niemanden.

Eichengreen: Ein Anstieg der Inflation ist essenziell. Sollte es zu einer bösen Überraschung in der Weltwirtschaft kommen, würden wir bei den derzeit niedrigen Inflationsraten rasch in eine Deflation hineingeraten, was fatale wirtschaftliche Folgen hätte. Ich prognostiziere keinen Absturz der Weltwirtschaft. Aber ich schließe auch keinen aus. Eine kluge und vorsichtige Notenbank muss für negative Überraschungen gewappnet sein.

STANDARD: Die deutschen Zentralbanker argumentieren, dass die EZB ihr Anleihenkaufprogramm jetzt beenden muss, weil die Inflation zwar nicht sofort, aber auf mittlere Sicht die Zwei-Prozent-Marke erreichen wird. Wie sehen Sie das?

Eichengreen: Die Inflationsraten waren jetzt seit sechs oder sieben Jahren zu niedrig im Euroraum, und es gibt nach wie vor keinen Beleg dafür, dass sich daran etwas ändert. Wir wissen nicht, wie weit die Arbeitslosigkeit noch sinken muss, damit die Löhne und dann letztlich die Preise wieder steigen. Die EZB und Mario Draghi sollten also Kurs halten und das Kaufprogramm von Staatsanleihen erst beenden, wenn die angepeilte Inflationsrate dauerhaft erreicht ist.

STANDARD: In Deutschland geht schon die Furcht um, dass die Inflation dort sogar auf mehr als zwei Prozent steigen könnte.

Eichengreen: Darin sehe ich kein großes Problem. Es gibt keine wirtschaftliche Studie, die belegen würde, dass eine Inflationsrate, die eine Zeitlang etwas über dem Zielwert liegt, Schaden verursachen würde. Die Deutschen brauchen keine Angst zu haben.

STANDARD: Die US-Notenbank Fed beendet gerade ihre lockere Geldpolitik. Sie hebt die Zinsen an und will mit dem Verkauf der Staatsanleihen beginnen. Könnte das zu Turbulenzen an den Finanzmärkten führen?

Eichengreen: Die Fed dürfte ihren Leitzinssatz heuer um 0,25, im kommenden Jahr nochmal um 0,25 bis 0,5 Prozent anheben. Das sind kleine Veränderungen, kein großes Problem. Was die Staatsanleihen betrifft, redet die Fed eher darüber, ihren Bestand zu reduzieren, indem sie die bestehenden Papiere auslaufen lässt und nicht durch neue ersetzt. Auch das steht weit unten auf meiner Liste an Sorgen. Viel weiter oben steht: Wer wird der nächste Notenbankgouverneur der USA, was geschieht mit dem nordatlantischen Freihandelsabkommen Nafta, und wie wird die US-Steuerreform aussehen? Da lauern die Risiken für die globale Wirtschaftsstabilität derzeit.

STANDARD: Sehen Sie wirklich eine Gefahr, dass der künftige, von US-Präsident Donald Trump ernannte Notenbankchef den Kurs der Fed dramatisch ändert? Die Amtszeit von Janet Yellen an der Spitze der Fed läuft bald, im Februar 2018, ab.

Eichengreen: Wer auch immer die Fed leiten wird, ist umgeben von hunderten, wenn nicht tausenden kompetenten Ökonomen, die man nicht alle über Nacht austauschen kann. Diesen Gedanken finde ich beruhigend. Wenn aber ein finanzpolitischer Extremist die Fed übernimmt, ist das ein Grund zur Sorge.

STANDARD: Ein Extremist? Wer könnte das sein?

Eichengreen: Im Lager von Trump gibt es drei Arten von Radikalen. Die einen denken, dass eine sofortige Rückkehr zu hohen Zinsen zu einer Normalisierung in der Realwirtschaft führt. Vertreter dieser Gruppe würden also die Leitzinsen in den USA rasch und stark anheben und die Bilanz der Fed rasant schrumpfen lassen, ganz gleich, wo die Inflation steht. Das wäre gefährlich. Dann gibt es die Nichtinterventionisten. Sie denken, Notenbanken sollten nur auf Zinspolitik achten und Finanzmärkte selbst in schlimmsten Krisen nicht mit Notmaßnahmen stützen. Auch gefährlich. Die dritte Gruppe schließlich leugnet eine Verbindung von Zinsen und Inflation. Sie würde die Zinsen so lange niedrig lassen, bis die Inflation gefährlich stark ansteigt, so wie das in den 1970er-Jahren in den USA der Fall war. (András Szigetvari, 18.10.2017)

Barry Eichengreen (Jg. 1952) ist Professor für Ökonomie und Politik an der University of California, Berkeley. Er forscht zu Finanzkrisen und dem Finanzsystem. Er ist Autor mehrerer Bücher. Zuletzt erschienen: "Hall of Mirrors: The Great Depression, The Great Recession, and the Uses – and Misuses – of History".

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    Barry Eichengreen prognostiziert keinen Absturz der Weltwirtschaft, schließt ihn aber auch nicht aus.

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