Türkises Meer mit Einsprengseln

16. Oktober 2017, 17:59
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So sieht die Österreich-Karte nach der Wahl vom Sonntag aus

Statt wie ein rot-schwarzes Mosaik rund um einen blauen steirischen "See" im Jahr 2013 sieht die Österreich-Karte nach der Wahl vom Sonntag plötzlich ganz anders aus. Nicht nur, weil das schnöde Schwarz vom tadellos frischen Türkis abgelöst wurde, auch flächenmäßig hat sich die "neue" ÖVP von Vorarlberg bis an die Grenze zum Burgenland ausgebreitet.

Vorerst mit drei Ausnahmen:

  • Wien blieb mit 35 Prozent fest in roter Hand. Die Grünen stürzten mit minus elf Prozentpunkten ins Bodenlose.
  • In Kärnten schafften die Blauen den Dreh: Nur noch in Villach-Land, Klagenfurt und Völkermarkt wurde mehrheitlich SPÖ gewählt, die Hermagorer wechselten zur Liste Kurz – macht plus 15 Prozentpunkte für die FPÖ und damit Platz eins im südlichsten Bundesland. Der 33-Prozent-Polster kommt gerade recht vor der Landtagswahl am 4. März. Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) will das Votum von Sonntag zwar als "Signal" verstehen, an dramatische Folgen im Land glaubt er aber nicht, weil man Kärnten "mit konsequenter, intelligenter und engagierter Arbeit vor dem Ruin gerettet" habe. Grünen-Landesrat Rolf Holub glaubt, dass Kärnten "von den Bundeswellen" nicht verschont bleiben wird.
  • Im Burgenland hatte SPÖ-Chef Hans Niessl schon mehr zu lachen. Nur noch 216 Stimmen halten den Roten hier die ÖVP auf Abstand. Vor der Auszählung der Wahlkarten reichte das trotz des Minus von 4,4 Prozentpunkten noch für Platz eins. Wenn die Stimmen der rund 22.000 Wahlkartenwähler aber in das Ergebnis einfließen, könnte auch diese Bastion fallen. Traditionellerweise sind Wahlkartenwähler nämlich eher Schwarz- als Rot-Sympathisanten. Weshalb sich ÖVP-Landesparteichef Thomas Steiner mit Blick auf die Österreich-Karte auch schon gefreut hat: "Dieser Streifen hier, der wird auch noch türkis." Es wäre das erste Mal seit 1966.

Überall sonst: Türkis, so weit das Auge reicht:

  • Die Steiermark mussten die Blauen abgeben. Mit plus zehn Prozentpunkten liegt auch hier die ÖVP vorn. Die SPÖ rutschte auf Platz drei. Die Liste Pilz kommt in der Heimat des Namensgebers auf 3,6 Prozent der Stimmen – und landet damit vor den Grünen mit ihren bescheidenen 2,4 Prozent.
  • In Oberösterreich ist der ÖVP gelungen, was in den vergangenen 51 Jahren überhaupt nur zweimal möglich gewesen ist: 31 Prozent der Oberösterreicher haben die Türkisen am Sonntag auf Platz eins gehievt, die Grünen erlebten mit einem Minus von 8,9 Prozentpunkten auch hier ein Debakel.
  • Tirol steht für den grünen Totalabsturz. In Hochburgen wie Innsbruck und Telfs verlor man drastisch, keine gute Ausgangslage für die mitregierenden Grünen bei den Landtags- (25. Februar) und Gemeinderatswahlen (April). Für die Blauen haben sich die diversen Skandale (Stichwort: NS-Devotionalien) nicht negativ ausgewirkt. Sie sind landesweit Zweitstärkste und haben mit einem Plus von 6,8 Prozentpunkten satt dazugewonnen. Der große Gewinner heißt ÖVP. Das lässt Landeshauptmann Günther Platter sogar die Olympia-Schlappe vergessen, über die am Montag keiner reden wollte.
  • In Salzburg stürzten die Grünen von 14,8 auf 3,8 Prozent ab. Bitter ist das Ergebnis vor allem im Hinblick auf die Landtagswahl im April 2018. Mit Stand heute wird es für die Grünen als kleinen Koalitionspartner schwer werden, ihr Ergebnis von 2013 (20 Prozent) zu halten. Hinzu kommt, dass Peter Pilz angekündigt hat, bei einem Einzug in den Nationalrat auch in Salzburg anzutreten. Eine Kandidatur von Ex-FPÖ-Landeschef Karl Schnell, der am Sonntag mit seiner Freien Liste Österreich (FLÖ) gescheitert ist, scheint hingegen fraglich – er holte auch im Heimatbundesland nur 0,7 Prozent der Stimmen.
  • Vorarlberg ist jenes Bundesland, das der SPÖ wohl am ehesten zur Freude gereicht: Nirgendwo sonst hat man so viel dazugewonnen – 4,7 Prozentpunkte. Die ÖVP blieb mit 34,5 Prozent vor der FPÖ Erster. Die Neos verloren in der Heimat von Parteichef Matthias Strolz ganze 4,5 Prozentpunkte.
  • Niederösterreichs Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner, die am Sonntag mit einem Stimmenzuwachs von 4,9 Prozentpunkten für die ÖVP gute Figur machte, will über den Termin für die Landtagswahl im Frühjahr seit Montag "im Miteinander entscheiden". Angeblich favorisiert sie einen Termin Ende Jänner mit möglichst kurzem Intensivwahlkampf.

In allen Bundesländern zeigte sich ein starkes Stadt-Land-Gefälle: ÖVP auf dem Land, SPÖ in der Stadt. Wenn nur rurale Gemeinden am Sonntag gewählt hätten, käme die ÖVP auf 38 Prozent und die FPÖ auf 29 Prozent – eine komfortable Zweidrittelmehrheit.

quellen: bmi, austromorph space (christoph fink & ramon bauer)

In urbanen Zentren wie Wien und Graz haben die Sozialdemokraten viele Wähler von den Grünen gewonnen und liegen auf Platz eins – klar mit 33 Prozent im Vergleich zu den Freiheitlichen (23 Prozent) und der Volkspartei (22 Prozent). Details zum Stadt-Land-Gefälle finden Sie im Artikel: "Schwarz-Blau holt Zwei-Drittel-Mehrheit am Land" (ars, mro, mue, riss, ruep, wei, 16.10.2017)

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