Frankreich will gegen sexuelle Belästigung vorgehen

17. Oktober 2017, 07:00
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Im Zuge der Weinstein-Affäre berichten tausende Frauen über ihre Erfahrungen. Staatssekretärin Schiappa will Sexualdelikte nun härter bestrafen

Der Hashtag auf Twitter heißt wenig vornehm "Verpfeif dein Schwein" (#balancetonporc). Wer sich durch die zahlreichen Berichte liest, versteht allerdings die Wut der Betroffenen. Die Journalistin Sandra Muller, von der der Hashtag stammt, erzählte, wie sie angemacht worden sei. "Du hast große Brüste, du bist mein Typ. Ich werd's dir die ganze Nacht besorgen", habe ein früherer Vorgesetzter ihr zugeraunt. Muller forderte Frauen auf, ihre Belästiger "mit Namen und Details" zu outen.

Mit überwältigendem Erfolg: Über das Wochenende kamen mehr als 100.000 Reaktionen zusammen. Einige Frauen nennen Namen – hier den Abteilungsleiter, dort einen Abgeordneten der Nationalversammlung, der jungen Journalistinnen an den Hintern fasste. Aus Angst vor Verleumdungsklagen belassen es aber die meisten bei der Schilderung der Vorgänge. "Abschlussfete, 30 Personen. Drei Männer packen mich, streicheln mich, singen. Der ganze Saal lacht", schreibt Isabelle.

"Du arbeitest nie mehr, kleine Nutte"

"Der Chef wechselt die Sitzplätze im Flugzeug, um sich besser an mich drücken zu können. Nachts ruft er mich im Zimmer an", berichtet Aurore. Oder Julia: "Mein TV-Produzent, ich verweigere seine Avancen. Er darauf: Du arbeitest nie mehr, kleine Nutte. Nie mehr, verstehst du?"

Die Reihe der Berichte ist endlos. Einige Frauen üben Kritik daran: "Ich werde diese Hexenjagd nicht mitmachen", schrieb der Fernsehstar Julia Molkhou. Allein die Lawine der Rückmeldungen macht aber augenfällig, wie viele Frauen sich betroffen fühlen. Die Staatssekretärin für die Gleichheit von Mann und Frau, Marlène Schiappa, erzählte, sie habe sogar den Tweet einer Freundin entdeckt, die im privaten Kreis nie auch nur angedeutet habe, wie sie belästigt worden sei.

Dammbruch durch Weinstein

Es ist, als habe die Weinstein-Affäre in Frankreich als Dammbruch gewirkt. Die Affäre des französischen Ex-Ministers Dominique Strauss-Kahn mit einem New Yorker Zimmermädchen hatte 2011 noch nicht diese Breitenwirkung entwickelt. Am Sonntag erklärte dann auch Präsident Emmanuel Macron, er habe veranlasst zu prüfen, ob Harvey Weinstein die Ehrenlegion entzogen werden könne. Dem Hollywood-Produzenten wird von mehreren Frauen Vergewaltigung und sexuelle Belästigung vorgeworfen.

Schiappa teilte am Montag in einem Interview mit, sie arbeite für Anfang 2018 ein Gesetz zum Thema sexueller Gewalt aus, "um die gesellschaftliche Toleranzgrenze zu senken". Unter anderem soll die Verjährung schwerer Sexualdelikte von zwanzig auf dreißig Jahre verlängert werden.

Das Gesetz soll laut Schiappa auch das Schutzalter für einvernehmlichen Sex auf 13 oder 15 – die Frage ist noch nicht entschieden – erhöhen. Auslöser war unlängst der Fall eines elfjährigen Mädchens, dessen 28-jähriger Freund nicht wegen Vergewaltigung verfolgt wird, wie Sozialpädagogen verlangten, sondern nur wegen "sexueller Gefährdung".

Belästigung auf offener Straße

Mehr zu reden gibt Schiappas Idee, auch sexuelle Belästigung auf der Straße zu ahnden. Die Staatssekretärin, die im Frühjahr eine wichtige Stütze von Macrons Präsidentschaftskampagne gewesen war, denkt dabei nach eigenen Angaben an Männer, die Frauen bis in die U-Bahn oder nach Hause verfolgten. Konservative Politiker fragen, ob damit auch Bauarbeiter "kriminalisiert" würden, wenn sie einer Frau nachpfeifen. Die Radiojournalistin Natacha Polony wandte ihrerseits ein: "Ich mag es, wenn man mir auf der Straße Komplimente nachruft."

Politisch noch heikler ist der Einwand des Soziologen Eric Fassin, der argwöhnt, am stärksten betroffen seien junge Männer einfacher Herkunft oder Immigranten. Sie seien ohnehin schon im Visier der Polizei und hätten auch im Bereich der harmloseren "drague" (Anmache) andere Verhaltensmuster. Schiappa konterte, bei sexuellen Aggressionen dürfe die Abstammung keine Rolle spielen, also auch nicht als mildernder Umstand. (Stefan Brändle aus Paris, 17.10.2017)

  • Marlène Schiappa hat jetzt erst über Twitter erfahren, dass eine Freundin sexuell belästigt wurde.
    foto: afp/bertrand guay

    Marlène Schiappa hat jetzt erst über Twitter erfahren, dass eine Freundin sexuell belästigt wurde.

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