"Pursuit of Happiness": Blaue Bohnen in Bagdad

    15. Oktober 2017, 16:21
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    Die Tanztruppe En-Knap kooperiert beim Steirischen Herbst mit dem Nature Theater of Oklahoma

    Graz – Der wilde Westen. Ein Saloon. Aus dem Glas, das über eine lange Theke zischt, schwappt eichenholzfarbener Brandy. Hinter der Budel steht Barmann Bence, darunter ist die Bottle gesichert, davor lümmelt Lada. Sie schnappt das Glas und schluckt es leer. Jeden Augenblick könnte Calamity Jane durch die Schwingtür stapfen. Aber es kommt nur Luke, der ein Paar Stiefel auf die Bar knallt.

    Im Saloon berauschen sich Menschen, die den amerikanischen Traum leben. Pursuit of Happiness heißt dieses Stück aus dem Jahr 2016, das Kelly Copper und Pavol Liska – Nature Theater of Oklahoma, New York – für Iztok Kovacs Tanzcompany En-Knap aus Ljubljana geschrieben haben. Der Steirische Herbst hat es den Grazern zum Abschluss seiner diesjährigen Ausgabe in der Helmut-List-Halle kredenzt.

    Prompt die erste Schlägerei

    Noch bevor das Sextett im Saloon komplett ist, bricht die erste Schlägerei aus. Mit imitiertem Kinnhakensound wie bei echten Westernfilmen. Weniger typisch für dieselben ist das in slowenisch gefärbtem Midwest-Slang gehaltene Gespräch, das perfekt zu dem kleinen Bücherregal hinter Bence passt. Da ist von "tiefsten, dunkelsten Paroxysmen" (sich steigernden Schüben von Anfällen) die Rede, und Luke jammert, dass sein Glück immer "in eine Nostalgie verpackt" sei. Calamity Jane hätte bei so einem Script wohl blaue Bohnen gespuckt.

    Sehr schnell kommt heraus, dass das Regieduo Copper/Liska die Tanztruppe sich selbst spielen lässt: in der Rolle von Kultur-Amerikanern, die so tun, als wären sie in eine superironische Westernpersiflage hineingeraten. Wen wundert's also, dass Bence verkündet, er habe ein Filmdrehbuch geschrieben. Dessen Inhalt trägt er so leidenschaftlich wie komplett vor, seine fünf En-Knap-Kollegen und -innen spielen seine Erzählung nach. Ab da wird's wirklich böse. Denn im geplanten Film reisen die Tänzer für einen Gig nach Bagdad, wo es ordentlich kracht.

    Reichlich Energydrink

    Dazu fließt reichlich von einem dicklichen Steirer herangekarrter Energydrink ("nur für militärischen Gebrauch"), was offenkundig den Eindruck einer perfiden Austro-Amerika-Connection beflügeln soll. Aus slowenischer Perspektive, Stichwort Untersteiermark, ist das natürlich eine Satire auf die K.-u.-k.-Monarchie, die man da ja auch erst vor 99 Jahren abgeschüttelt hat. Sehr schön verhonigelt wird in Bences Script auch der Tanz: "Ich wage zu sagen, diese Performance ist eine wahre Apotheose dieser Kunstform." Das kommt ebenfalls gut, denn allzulange schon hat sich niemand mehr mit einer Satire über den Tanz befassen wollen.

    So schwingt sich Pursuit of Happiness als burlesker Klamauk auf, dessen populäre Form strapaziert wird, bis ihr die Nähte platzen. Die queeren Bagdad-Cowboys produzieren einen Hurrazynismus, mit dem ganz große Verlogenheiten in populistischen Narrativen aufgeblattelt werden: die den Völkermord in Amerika kaschierende Westernromantik sowieso, aber ebenfalls der vor Bigotterie und Selbstmitleid triefende Kulturmoralismus in den heutigen USA und das perfide Pathos der Kriegsberichterstattung sowie der im Tanz nicht selten zelebrierte Körperkitsch.

    Diese Satire wischt den Schmierfilm des sogenannten "guten Geschmacks" gnadenlos weg. Darunter zeigt sich: Die elende Nostalgiepropaganda vom "amerikanischen Traum" wird ausgeräumt. Endlich. (Helmut Ploebst, 15.10.2017)

    • "Pursuit of Happiness" schwingt sich als burlesker Klamauk auf,  in dem queere Bagdad-Cowboys den Hurra-Zynismus pflegen.
      foto: andrej lamut

      "Pursuit of Happiness" schwingt sich als burlesker Klamauk auf, in dem queere Bagdad-Cowboys den Hurra-Zynismus pflegen.

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