Rot-Grün für Österreich

Userkommentar13. Oktober 2017, 19:32
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Wählte nur die queere Community, würde die ÖVP den Einzug ins Parlament nur knapp schaffen, zeigt eine Studie

Am Sonntag wählt Österreich. 6,5 Millionen wahlberechtigte Österreicherinnen und Österreicher sind aufgerufen, den neuen Nationalrat zu wählen. Wenn man den Umfragen trauen kann, wird die Republik am Montag in einem schwarz-blau-dominierten Land aufwachen.

Wenn nur Schwule und Lesben sowie andere sexuelle Minderheiten wählen dürften, dann würde die Sache allerdings ganz anders aussehen. Anstatt einer satten Mehrheit für Schwarz-Blau gäbe es – laut einer Studie in der queeren Community – eine klare Mehrheit für Rot-Grün. Sowohl die SPÖ als auch die Grünen würden je circa ein Drittel der Stimmen aus der Community erhalten. Die ÖVP hingegen würde den Einzug ins Parlament nur knapp schaffen und die FPÖ sogar deutlich verfehlen. Es gäbe also eine linke Mehrheit im Land beziehungsweise eine Mehrheit links der Mitte.

Interessant für kleine Parteien

Natürlich ist das nur ein Gedankenspiel, und das Ergebnis wird viele wenig überraschen. Wenn wir aber der gängigen Annahme folgen, dass circa zehn Prozent der Menschen in Österreich nicht heterosexuell sind, dann sprechen wir hier von circa 650.000 Wählerinnen und Wählern. Also einer durchaus entscheidenden Anzahl von Menschen. Gerade für die kleineren Parteien lohnt sich die Beschäftigung mit und Vertretung von Homosexuellen. So haben etwa Grüne, Neos und auch die Liste Pilz bei Schwulen und Lesben überdurchschnittlich viel Unterstützung.

Engagiert in Politik und Gesellschaft

Im Vorfeld der Nationalratswahl wurden das erste Mal in einer wissenschaftlichen Studie der Universität Wien und der Justus-Liebig-Universität Gießen das Wahlverhalten und die politischen Einstellungen von Schwulen, Lesben, Bi- Trans- und Intersexuellen (LGBTIQ*) Menschen in Österreich untersucht. Die Ergebnisse der Studie mit 473 wahlberechtigten Teilnehmerinnen und Teilnehmern sind zwar nicht repräsentativ – das kann eine Studie zu einer gesellschaftlichen Minderheit, deren Grundgesamtheit man aus gutem Grund nicht kennt, auch nicht sein – aber man kann dadurch dennoch valide Aussagen treffen.

So engagieren sich Schwule und Lesben etwa überdurchschnittlich in Politik und Gesellschaft. Teilweise – aber nicht nur – in LGBTIQ*-spezifischen Bereichen. Es sind auch keineswegs nur LGBTIQ*-spezifische Themen, die die Menschen interessieren. Diskriminierung und Homophobie spielen nach wie vor eine Rolle, aber es sind vor allem auch soziale Themen, die Schwule und Lesben in Österreich bewegen. Es zeigt sich also, die schwul-lesbische "Community" ist genauso divers wie die Gesellschaft insgesamt, allerdings mit einer klaren linken Schlagseite.

Interessenvertretung

Aber warum wählen Schwule und Lesben eher links? Linke Parteien beziehungsweise Parteien der linken Mitte, wie beispielsweise die Grünen oder die SPÖ, thematisieren offensiv eine rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen und setzen sich aktiv für die Interessen von Schwulen und Lesben, aber auch von Bi-, Trans- und Intersexuellen ein. Auch die Neos kämpfen seit ihrer Gründung für den Abbau von Ungleichbehandlung. Die "neue ÖVP" hingegen sieht bei dem Thema ziemlich alt aus. Sie lehnt ebenso wie die FPÖ die Öffnung der Ehe und eine rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen ab.

Es ist jedoch ein Trugschluss zu glauben, dass alle Schwulen und Lesben links wählen. Es gibt sehr wohl auch nichtheterosexuelle Menschen, die mitte-rechts oder rechtspopulistisch wählen. Das haben unsere Studien eindeutig gezeigt. Eine Mehrheit im Land hätten diese Wählerinnen und Wähler am kommenden Sonntag allerdings nicht. (Tina Olteanu, Michael Hunklinger, 13.10.2017)

Tina Olteanu ist Professorin für Politikwissenschaft am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Demokratieforschung sowie Transformations-, Partizipations- und Korruptionsforschung.

Michael Hunklinger arbeitet am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Seine Forschungsschwerpunkte sind Europapolitik, Demokratieforschung und Queer Studies.

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  • Gerade für die kleineren Parteien lohnt sich die Beschäftigung mit und Vertretung von Homosexuellen.
    foto: apa/herbert neubauer

    Gerade für die kleineren Parteien lohnt sich die Beschäftigung mit und Vertretung von Homosexuellen.

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