Als Frau im Männerberuf: "Ich wollte etwas mit den Händen schaffen"

    16. Oktober 2017, 09:00
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    Die Lehre zum Mechatroniker dauert dreieinhalb Jahre. Sie erfordert Lust an der Technik und abstraktes Denkvermögen, sagt der Ausbildner Peter Gold, "also nichts, was Frauen nicht auch könnten". Und doch sind unter den 2.400 Lehrlingen in Österreich nur 200 Frauen

    Ein halbes Jahr lang hat Bettina Holzinger für ihren ersten Schraubstock gebraucht. Heute erinnert sie sich gern daran zurück, wenn sie über ihre Mechatroniklehre bei der ÖBB erzählt. In einem blauen Hosenanzug spaziert sie durch die Lehrwerkstätte in der Wiener Innstraße, wo sie gerade ihr drittes Lehrjahr absolviert. Holzinger ist hier eine ungewöhnliche Erscheinung. Denn die 29-Jährige ist sowohl die älteste als auch eine von nur zehn Frauen unter insgesamt 104 Lehrlingen, die sich in einem "typischen Männerberuf" ausbilden lassen.

    Vom Reiseschiff in die Werkstatt

    Das stört Holzinger aber nicht, denn sie weiß, dass sie "nicht in die Norm fällt, aber das brauche ich auch nicht. Ich denke nicht darüber nach, was andere denken." Auch Holzingers Lebenslauf ist alles andere als gewöhnlich: Nach einem Abschluss als Hotelfachfrau arbeitete sie sieben Jahre lang in der Gastronomie, die ihr Möglichkeiten zum Reisen und gutes Geld geboten habe, wie sie sagt. Bei einem ihrer Arbeitseinsätze am Schiff leidet Holzinger plötzlich unter starken Bauchschmerzen, die vorläufige Diagnose lautet: Tumor.

    Es folgen Monate der Ungewissheit, in denen die damals 26-Jährige beginnt, ihr Leben von Grund auf zu hinterfragen: "Was will ich eigentlich in meinem Leben machen? Nur arbeiten, keine Freizeit?" Holzinger beginnt sich nach neuen Perspektiven umzusehen, besucht Schnuppertage und probiert "mehrere Sachen aus". Über das Frauen-in-Handwerk-und-Technik-Programm (FiT) des Arbeitsmarktservice (AMS), das Frauen handwerkliche und technische Berufe schmackhaft machen soll, stößt sie auf die Mechatroniklehre der ÖBB. Die macht sie so neugierig, dass sie sich vom langjährigen Mechatroniker und Ausbildner Peter Gold durch ihre zukünftige Lehrwerkstätte in der Innstraße führen lässt. Danach steht für sie fest: Sie will die Lehre machen. "Ich habe realisiert, dass ich etwas mit meinen Händen tun will, eine Arbeit erschaffen will, die ich vorlegen kann." Und auch der Tumorverdacht hat sich zu dem Zeitpunkt, "Gott sei Dank", schon als falsch herausgestellt, erzählt Holzinger rückblickend.

    Das Einmaleins des Mechatronikers

    Im ersten Lehrjahr geht es um das rein Mechanische: Holzinger bohrt, feilt und dreht an ihrem ersten Schraubstock. Im zweiten Jahr geht es weiter mit Elektronik: Die Lehrlinge lernen, wie man lötet und Schaltungen aufbaut, wie man richtig programmiert und eine Maschine dazu bringt, erwünschte Arbeiten durchzuführen. Mittlerweile ist Holzinger in ihrem dritten Lehrjahr, also am Ende ihrer Ausbildungszeit angelangt. In dieser Phase wechseln die Lehrlinge zwischen Theorie- und Praxiseinheiten – auf fünf Wochen Berufsschule folgt die Arbeit auf den Gleisen. Dort lernen die Lehrlinge ihre zukünftigen Arbeitsplätze und späteren Vorgesetzten kennen. Holzinger ist gerade am Bahnhof in Heiligenstadt im Einsatz, wo sie lernt, wie man Störungen behebt. Auch für alle anderen Lehrlinge dreht sich in der Endphase alles um die Sicherheit der Fahrwege, also darum, die Weichen zu kontrollieren oder etwa die Ampeln bei Schrankenanlagen zu reparieren.

    Job mit Zukunft

    Die meisten der Lehrlinge werden später einmal als Fahrdienstleiter, Lokführer oder als Sicherheitstechniker arbeiten. Das sind laut Peter Gold zumindest die häufigsten drei "Traumvisionen", mit denen die Lehrlinge zu ihm in die Werkstatt kommen. Auch Holzinger würde nach der Lehre gerne als Sicherheitstechnikerin arbeiten. Darüber macht sie sich jetzt aber noch keine Gedanken, denn zuerst muss sie die Lehrabschlussprüfung im Februar schaffen.

    Physik, Mathematik und viel Geduld

    Rückblickend war für Holzinger die größte Herausforderung, "im ersten Lehrjahr plötzlich mit 400 Euro im Monat leben zu müssen", am schwersten fiel ihr das Programmieren. "Durchhaltevermögen zu haben und sich etwas zu trauen" sei besonders wichtig, denn "man arbeitet mit Maschinen, zu zurückhaltend sollte man da nicht sein". Das Allerwichtigste sei es aber, den Willen zu haben, mit den eigenen Händen zu arbeiten.

    Auch Ausbildner Gold kann das bestätigen. Als eine der zentralen Kompetenzen, die man in den Beruf mitnehmen sollte, bezeichnet der Mechatroniker ein Grundwissen über Physik und Mathematik und abstraktes Denkvermögen. "Man kommt zu einer Anlage hin, die man noch nie gesehen hat, und muss sich dann zurechtfinden."

    "Was mach ich mit einer Frau?"

    Nichts, was Mädchen nicht auch machen könnten, sagt Gold. Und trotzdem waren laut Zahlen der Wirtschaftskammer (WKO) im vorigen Jahr unter den rund 2.400 Mechatroniklehrlingen in ganz Österreich gerade einmal 200 Frauen. Das sei wiederum eine große Hemmschwelle für andere Mädchen, die bei Schnuppertagen oft skeptisch fragen, ob sie "die einzigen in der Ausbildung sind". Und obwohl Gold und seine Mitarbeiter Frauen bei der Aufnahme nicht bevorzugen, bemühen sie sich doch, ihnen Mut zuzusprechen. Das funktioniere zwar immer noch nicht gut, aber heute weit besser als vor zwanzig, dreißig Jahren. Damals hätten seine Mitarbeiter noch mit der Frage "Was mach ich mit einem Mädchen?" geantwortet, wenn es darum ging, sich um die Frauenquote zu bemühen.

    Heute ist in etwa jeder sechste Lehrling der ÖBB weiblich. Das sei zwar immer noch kein Idealwert, sagt Gold, allerdings mehr als noch vor zwei Jahren, als die konzernweite Frauenquote von 20 Prozent eingeführt wurde. Damals, im Jahr 2015, war nur jeder zehnte Lehrling eine Frau.

    Ausbildnerin gesucht

    Auch Holzinger glaubt daran, dass mehr Frauen sich für eine Lehre in technischen Berufen entscheiden würden, wenn sie nicht nur Männer bei den Schnuppertagen sehen würden. Denn der Umstand, dass alle acht Ausbildner in der Innstraße männlich sind, macht die Sache nicht gerade leichter, sagt Gold und setzt seine Hoffnungen auf Holzinger, die "aufgrund ihres Alters und ihrer Motivation auf jeden Fall eine heiße Kandidatin für eine Ausbildnerin wäre". Die fühlt sich zwar geschmeichelt, möchte aber erst einmal einige Jahre in der Praxis Erfahrung sammeln, bevor sie andere Lehrlinge ausbildet. Dann aber könne sie sich das "eigentlich gut vorstellen". Anderen etwas weiterzugeben stelle sie sich schön vor. (Marija Barišić, 16.10.2017)

    • Bettina Holzinger ist in ihrer Lehrwerkstatt eine von zehn Frauen.
      foto: harun çelik

      Bettina Holzinger ist in ihrer Lehrwerkstatt eine von zehn Frauen.

    • Rückblickend war für Holzinger die größte Herausforderung, "im ersten Lehrjahr plötzlich mit 400 Euro im Monat leben zu müssen".
      harun çelik

      Rückblickend war für Holzinger die größte Herausforderung, "im ersten Lehrjahr plötzlich mit 400 Euro im Monat leben zu müssen".

    • "Ich habe realisiert, dass ich etwas mit meinen Händen tun will, eine Arbeit erschaffen will, die ich vorlegen kann", sagt Holzinger.
      harun çelik

      "Ich habe realisiert, dass ich etwas mit meinen Händen tun will, eine Arbeit erschaffen will, die ich vorlegen kann", sagt Holzinger.

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