Barbara Hannigan: Der schwüle Zauber des Fin de Siècle

    12. Oktober 2017, 13:52
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    Die Sopranistin und Dirigentin präsentierte im Konzerthaus als ersten Teil eines Porträtzyklus ein Programm rund um die Wiener Jahrhunderwende

    "Du singst wie ein Dirigent", bekam Barbara Hannigan von einigen Kollegen zu hören, als sie sich bereits als Interpretin Neuer und Alter Musik einen Namen gemacht hatte. Seit sechs Jahren nun dirigiert die Sopranistin ja tatsächlich – mitunter verbindet sie sogar beide Tätigkeiten bei ein und demselben Konzert und auch bei denselben Stücken. Und das wird sie auch zum Abschluss ihres dreiteiligen Porträts im Wiener Konzerthaus tun.

    Zu Beginn der Reihe konzentrierte sie sich allerdings im Mozart-Saal des Konzerthauses ganz auf ihre ursprüngliche Rolle – und dies mit einem höchst durchdachten Programm rund um die Wiener Jahrhundertwende. Wie anspruchsvoll die Stücke von Arnold Schönberg (Vier Lieder op. 2), Anton Webern (Fünf Lieder nach Richard Dehmel) und Alban Berg (Sieben frühe Lieder) sind, konnte man dabei getrost vergessen.

    Denn die Sängerin hat die Musiksprache der Moderne so stark verinnerlicht, dass sie beim Singen unmittelbar beim wichtigen Ausdruck ansetzen kann – und das so textdeutlich, wie es selbst bei deutschsprachigen Interpreten keineswegs selbstverständlich ist. Ihr Sopran strömt so natürlich und in so vielen Farben, sie unterstreicht dabei Bedeutungsnuancen so souverän, dass stimmlich und gestisch aus den Liedern kleine suggestive Szenen entstehen.

    Schwülen Zauber entlockte sie dann nach der Pause ausgewählten Liedern von Alexander Zemlinsky und Alma Mahler, um dann mit einem Komponisten zu schließen, der eigentlich erst die Voraussetzung für die weiteren Entwicklungen schuf: In den Mignon-Vertonungen von Hugo Wolf (nach Goethe) vertiefte Hannigan die Dramatik nochmals, vermittelte zwischen Sehnsucht, Leidenschaft und Verzweiflung.

    Pianist Reinbert de Leeuw wechselte währenddessen zwischen der Rolle eines absolut zurückhaltenden, unauffälligen und dabei unfehlbar zuverlässigen partnerschaftlichen Begleiters – vor allem bei Schönberg, Berg und Webern – und eines Entfesslers geradezu orchestraler Klangfülle – eher im zweiten Teil mit den tendenziell satteren und zuweilen auch süffigeren Klaviersätzen. (daen, 13.10.2017)

    Bei den weiteren Terminen ihres Porträtzyklus wird Barbara Hannigan am 30. 10. mit dem Emerson String Quartet auftreten und am 7. 12. zugleich singen und das Orchestra Ludwig dirigieren.

    Ö1 sendet den Liederabend am 7. 11. um 19.30

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