Gegenmodell zum Profifußball: "Wir wollen nicht massentauglich sein"

    Interview12. Oktober 2017, 08:48
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    Sie waren als Fans mit dem Hamburger SV in Moskau, Turin und Wien. Jetzt sind Tamara Dwenger und Philipp Markhardt auf den Hamburger Amateurplätzen unterwegs – mit dem von ihnen gegründeten HFC Falke

    Um zehn Uhr ist das kleine Rudi-Barth-Stadion in Hamburg-Altona an diesem sonnigen Septembersamstag noch leer. In zwei Stunden bestreitet der HFC Falke hier sein Spiel gegen die zweite Mannschaft des SC Victoria. Er ist einer der jüngsten Amateurklubs der Stadt, Tamara Dwenger und Philipp Markhardt gründeten ihn gemeinsam mit anderen Fans des Hamburger Sport-Vereins vor drei Jahren. Ihr Stammklub war mit der Ausgliederung der Profiabteilung den letzten Schritt Richtung Kommerzialisierung zu weit gegangen. Der Name des HFC Falke greift auf die Vorgängervereine des HSV zurück, doch der Klub ist ein Gegenmodell zum Profifußball, in dem die Fans und Mitglieder nicht mehr viel zu sagen haben.

    ballesterer: Der HFC Falke ist jetzt zweimal in Folge aufgestiegen. Ist der Aufstieg in die sechste Liga ein Ziel für die Saison?

    Tamara Dwenger: Wir haben die Mannschaft ein bisschen aufgerüstet und wollen oben mitspielen, aber wir müssen nicht auf Gedeih und Verderb aufsteigen. Jetzt ist es einmal wichtig, die neuen und jungen Spieler zu integrieren, damit sie auch Verantwortung übernehmen. Wir haben ja einen relativ alten Kader.

    Philipp Markhardt: In zweierlei Hinsicht. Unsere Spieler sind im Schnitt fünf bis zehn Jahre älter als in den anderen Vereinen. Und wir haben auch relativ viele, die schon von Anfang an dabei sind.

    Dwenger: Vielleicht würde es uns sogar gut tun, ein weiteres Jahr in der Bezirksliga zu bleiben. Das ist doch etwas anderes als die Kreisklasse. Damals hat unsere Mannschaft zweimal die Woche trainiert und ist auf Teams getroffen, bei denen manche Spieler vielleicht gar nicht trainieren. Jetzt spielen wir teilweise gegen sehr ambitionierte Mannschaften. Der Tabellenführer Eimsbütteler TV etwa ist ein großer Sportverein mit ganz anderen Ansprüchen.

    Im Kader stehen auch Spieler, die schon in höheren Ligen aktiv waren. Was ist deren Motivation?

    Dwenger: Viele unserer Spieler interessieren sich für die Art von Verein, die wir sind. Einer unserer Innenverteidiger hat mir einmal gesagt: "Dass ich in einem Verein spiele, bei dem ich das Präsidium mit Namen und Gesicht kenne und die mich kennen und sich für meine Befindlichkeiten interessieren, das habe ich noch nie erlebt."

    Markhardt: Manche haben sich sogar über ihre Mitsprachrechte gewundert.

    Wie demokratisch sind denn Ihre Strukturen?

    Markhardt: Die Mitgliedschaft ist bei Falke höchstes Souverän. Aber wir können nicht jede Entscheidung mit allen besprechen, sonst kommen wir zu nichts. Das Präsidium trifft sich alle ein bis zwei Wochen, dort entscheiden wir aber auch nicht alles allein.

    Dwenger: Wenn wir über Thema X zu fünft diskutieren und merken, dass wir auf keinen gemeinsamen Nenner kommen, tragen wir das in einen erweiterten Kreis. Wir führen alle zum ersten Mal einen Verein, da passieren auch Fehler.

    Ist es schwierig, Menschen für die ehrenamtliche Vereinsarbeit zu finden?

    Dwenger: Es gibt einen festen Kreis von aktiven Personen, das sind 10 bis 15 Prozent unserer Mitglieder. Die bringen dann immer wieder einmal neue Leute mit. Unsere Erfahrung ist, dass Aufrufe via Facebook nicht viel bringen. Viel besser ist es, jemanden direkt anzusprechen – "Kannst du das Merchzelt mitaufbauen?" Dann kommen die beim nächsten Spiel vielleicht von selbst und fragen, ob sie helfen sollen.

    Wie finanzieren Sie den Spielbetrieb?

    Markhardt: Der größte Teil kommt aus den Beiträgen unserer 450 Mitglieder, wir haben ein paar Kleinsponsoren – oder Unterstützer, wie wir sie nennen. Wir haben Merchandiseverkäufe, Eintrittsgelder und Einnahmen aus dem Catering.

    Bleiben wir kurz bei den Unterstützern. Ganz ohne Werbung geht es auch bei Falke nicht. Ist das ein Problem?

    Dwenger: Wir schauen uns Interessenten für Kooperationen genau an, das muss zu uns passen. Mit der Holsten-Brauerei, die viele Jahre lang HSV-Sponsor war und uns jetzt Bier liefert, hat es gepasst. Wir arbeiten nicht profitorientiert. Wir müssen Geld zusammenbekommen, um den Spielbetrieb zu finanzieren, aber wenn am Ende ein Überschuss bleibt, kriegen den nicht Philipp, ich oder die anderen Präsidiumsmitglieder. Das verbleibt im Verein für langfristige Projekte.

    Wofür geben Sie das Geld im Spielbetrieb aus?

    Dwenger: Ein großer Posten ist die Anlage hier, die kostet uns jeden Spieltag Miete. Aber so ein Stadion ist auch etwas Besonderes, manche Spieler entscheiden sich sogar deswegen für den Verein. Wir machen Trainingslager, wir haben einen Physio-therapeuten für die Mannschaft. Unsere Trikots sind auch speziell. Wir haben schon bei der Gründung gesagt, dass wir ein Trikot wollen, das man nur aus den Augenwinkeln sehen muss, um den Verein zu erkennen. Ein normales Dress in guter Qualität wäre im Einkauf um 20, 25 Euro zu haben gewesen, unseres kostet 20 Euro mehr.

    Markhardt: Kurz gesagt: Wir geben für unseren Idealismus viel Geld aus. Auch das Stadionheft, das wir zu jedem Spiel machen, ist durch den Anzeigenverkauf nicht gedeckt. Da haben wir den Anspruch, dass es informativ sein soll und nicht einfach eine Werbebroschüre wie bei anderen Klubs – auch in der Bundesliga.

    Weil das Stichwort Gründung gefallen ist. Wie ist es im Mai 2014 dazu gekommen? Und welche Bedeutung hat der HSV noch für Sie?

    Dwenger: Falke ist ja eine Kopfgeburt. Philipp hat mich damals nach der HSV-Mitgliederversammlung, bei der die Ausgliederung beschlossen wurde, abends in der Kneipe gefragt: "Was machen wir denn jetzt?" Und dann haben wir entschieden, einen eigenen Verein zu gründen. Wir beide haben unsere Verbundenheit zu diesem Klub nie hinterfragt, aber für alle anderen, die danach kommen, muss es irgendwann Klick machen, damit sie sagen: "Das ist jetzt mein Verein."

    Markhardt: Es gibt auch Leute, die anfangs zu Falke gekommen sind und jetzt wieder zum HSV gehen.

    Dwenger: Es gehen auch viele zu beiden Klubs. Wir schauen, wie wir unsere Sache populärer machen können, ohne massentauglich zu werden. Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir den steinigen Weg von ganz unten in die Oberliga gehen wollen.

    Wie ist das Verhältnis zu Ihrem früheren Stadtrivalen, dem FC St. Pauli?

    Dwenger: Hier ist jeder willkommen, solange er sich an die Spielregeln hält. Unser Schiedsrichterobmann ist zum Beispiel St. Paulianer. Aber sicher gibt es auch die Leute, die mich dafür kritisieren, wenn ich am Podcast vom Übersteiger, dem St.-Pauli-Fanzine, teilnehme.

    Markhardt: Bei einigen Leuten herrscht eine Abneigungen gegenüber St. Pauli und genauso umgekehrt. Aber hier sind auch schon Leute im Totenkopf-Pulli gestanden und haben sich Spiele ganz in Ruhe angeschaut. Vielleicht gibt es dann einmal Frotzeleien, aber das war es dann auch.

    Dwenger: Genau so soll es auch sein. Wir sind ein neuer Verein. Falke steht für einen respektvollen Umgang miteinander. Das gilt nicht nur für die Spieler, sondern für alle.

    Wie sind Sie im Amateurfußball generell aufgenommen worden?

    Markhardt: Niemand hat auf uns gewartet. Das haben wir gemerkt, als es etwa um Verhandlungen mit dem Bezirksamt um Trainingsplätze gegangen ist. Die werden damals auch gelesen haben, dass wir die Rebellen vom HSV sind.

    Dwenger: Dann haben sie aber gesehen, dass wir ganz nett sind – wenn auch ziemlich nervig.

    Markhardt: Anfangs hat es bei anderen Vereinen schon ein paar Vorurteile gegeben. In den ersten beiden Spielzeiten wurde kolportiert, dass wir unseren Spielern soundsoviel Geld zahlen. Das ist Quatsch, da wären wir Mitte der Saison pleite gewesen. Heute haben wir ein gutes Verhältnis zu den allermeisten. Grundsätzlich freuen sich die Vereine, dass viele Leute zu den Spielen kommen, daran verdienen sie ja. In der Bezirksliga sind die Zuschauerzahlen sehr bescheiden, wenn da 50 bis 100 Leute zu Auswärtsspielen auftauchen, ist das für alle ein Gewinn.

    In den ersten beiden Saisonen lag Ihr Zuschauerschnitt zwischen 400 und 500. In dieser Spielzeit sind es nur noch etwa 250.

    Dwenger: Zu Anfang war Falke etwas Neues, keiner hat uns gekannt, es hat viele Medienberichte gegeben. Da sind Zuschauer gekommen, um sich das anzuschauen, auch aus anderen Städten. Aber es ist illusorisch, dass im dritten Jahr jedes Wochenende hunderte Leute aus ganz Deutschland auftauchen. Natürlich hätten wir gerne einen Zuschauerschnitt von 500, aber wir verfallen nicht in Panik. So ein Verein muss sich eben entwickeln.

    Wie lässt sich aktives Fansein in diesen Ligen denn ausleben? Fehlen nicht das Gegenüber und die große Bühne?

    Dwenger: Vor ein paar Monaten waren beim letzten Saisonspiel bei der Zweiten von Altona 93 über 1.000 Zuschauer in der Adolf-Jäger-Kampfbahn. Das war ein Rekord für die achte Liga. Es hat einen Fanmarsch zum Spiel gegeben, eine Choreografie und Pyrotechnik. Das war etwas Besonderes, aber so gewinnst du Herzen. Ich habe mit einem Zuschauer geredet, der nur zufällig dort war. Der kommt seither zu jedem Heimspiel. Das war einer der besten Fußballtage meines Lebens. Daneben gibt es eben auch viel Ligaalltag.

    Markhardt: Und ein Auswärtsspiel wie vor ein paar Wochen bei Wellingsbüttel. Dort gibt es keine Stufen zum Stehen, geraucht werden darf wegen der Brandgefahr für den Kunstrasen nur hinterm Zaun, für Getränke musst du eine halbe Weltreise machen. Die Mannschaft spielt zahnlos, und wir verlieren. Beim Tabellenletzten.

    Im Vereinslied von Falke heißt es "Wir haben den Traum, Oberliga zu schauen". Das wären noch zwei Aufstiege. Ist dann Schluss?

    Markhardt: Ich kann mir derzeit beim besten Willen nicht vorstellen, wie wir das mit unseren Strukturen schaffen könnten. Der Sprung von der fünften in die vierte Liga ist so immens, dass ich nicht wüsste, wie wir das Geld zusammenbekommen sollten. Es sei denn, wir gewinnen im Lotto.

    Dwenger: Wir spielen tatsächlich Lotto. Man weiß ja nie. Aber ernsthaft, wenn wir wirklich einmal in die Oberliga kommen, müssen wir – oder das Präsidium, das den Verein dann führt – Pläne in der Schublade haben, wie es weitergehen kann.

    Markhardt: Vielleicht könnten sich neue Leute auch vorstellen, weiter nach oben zu denken. Da sollte man nicht sagen: "Das steht im Falke-Lied, das haben wir so gesungen, also wollen wir nicht mehr." Aber das ist im Moment eine weit entfernte Zukunft.

    Haben Sie die Gründung des Klubs je bereut?

    Markhardt: Nein.

    Dwenger: Grundsätzlich nein. Ich frage mich nur manchmal, was Menschen, die keinen Verein leiten, eigentlich mit ihrer Zeit machen. (Nicole Selmer, 12.10.2017)

    Tamara Dwenger (31) und Philipp Markhardt (37) sind im Präsidium des HFC Falke. Im Sommer 2014 haben sie mit anderen Mitgliedern der HSV-Fanszene den Verein gegründet. Nach zwei Aufstiegen spielt Falke jetzt in der siebtklassigen Hamburger Bezirksliga.

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