Als unsere seltsamen Verwandten noch "wie Unkraut" gediehen

14. Oktober 2017, 18:00
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Massenaussterbeereignisse haben stets die gleichen Folgen, besagt eine aktuelle Studie – auch in Zukunft könnte es wieder eine "Desaster-Fauna" geben

illustration: victor o. leshyk
Keine Dinos, sondern Verwandte unserer Urahnen: zwei Lystrosaurier.

Raleigh – Wozu das aktuelle, vom Menschen verursachte Artensterben führen könnte, das lehrt uns laut Forschern der North Carolina State University ein Blick in die Erdgeschichte: nämlich zu einer "Desaster-Fauna", die von einer geringen Biodiversität geprägt ist, während sich einige wenige Spezies "wie Unkraut" vermehren.

Lange Zeiträume

Das Team um David J. Button besah sich die Folgen von zwei relativ rasch aufeinanderfolgenden Massenaussterbeereignissen. Das erste und zugleich größte bekannte überhaupt fand vor 252 Millionen Jahren am Übergang vom Perm zur Trias statt. Am Ende der Trias, vor 201 Millionen Jahren, folgte dann ein kleineres, aber nichtsdestotrotz folgenreiches – folgenreich nicht zuletzt für uns Säugetiere.

Diese beiden Katastrophen fallen in den Zeitraum vor 260 bis 175 Millionen Jahren, den sich ein Team britischer, US-amerikanischer und argentinischer Forscher nun genauer besah. Sie analysierten die Veränderungen in der Fauna des Superkontinents Pangaea anhand von fast 900 Spezies. Der Untersuchungszeitraum reichte lange genug vor und nach die beiden Massensterben zurück, um langfristige Tendenzen feststellen zu können.

Omnipräsente Krisengewinnler

In beiden Fällen war es laut Buttons Team der gleiche Ablauf. Die globale Katastrophe raffte einen Großteil der Tierarten dahin, ganze ökologische Nischen standen plötzlich leer. Das konnten sich die wenigen Überlebenden zunutze machen – und die waren danach einfach überall: wahre Kosmopoliten.

Ein gutes Beispiel dafür waren die seltsam anzusehenden, aber mit uns Säugetieren verwandten Lystrosaurier: Diese hunde- bis schweinegroßen Pflanzenfresser hatten sich erst kurz vor der Katastrophe an der Perm-Trias-Grenze entwickelt und sie irgendwie überstanden. Mangels Konkurrenz prägten die plumpen Tiere mit ihren auffällig verlängerten Eckzähnen – möglicherweise ein Instrument, um den Boden zu durchwühlen – danach die Landschaften auf ganz Pangaea: eine eintönige Szenerie und laut den Forschern typisch für die Ära nach einem Massensterben.

Wechselspiel der Konkurrenten

Als die Biodiversität wieder zunahm, verschwanden die behäbigen Lystrosaurier recht rasch wieder. Es folgte eine spannende Ära, in der ganz verschiedene Gruppen großer Landtiere miteinander konkurrierten: solche aus der weiteren Säugetierverwandtschaft, die frühen Dinosaurier oder auch solche, die mit den heutigen Krokodilen verwandt waren.

Bis vor 201 Millionen Jahren erneut ein Massensterben Tabula rasa machte, die Dinos am glimpflichsten davonkamen und so für einen langen Zeitraum das Leben an Land dominieren konnten. Die zuvor so erfolgreiche Säugetierverwandtschaft blieb derweil in Randnischen "geparkt", bis vor 66 Millionen Jahren die Karten das nächste Mal neu gemischt wurden – natürlich wieder durch ein Massensterben.

Ausblick auf die Zukunft

Hält das vom Menschen verursachte aktuelle Artensterben nicht nur an, sondern verschlimmert sich noch, werden wir uns erneut auf eine eintönige, auf dem ganzen Planeten recht ähnliche Tierwelt einstellen müssen, so die Forscher. Überlebenstüchtige Spezies können sich zwar nicht mehr zu Fuß weltweit ausbreiten wie zu Zeiten einer einzigen riesigen Landmasse. Aber dafür hat der Mensch bei der kontinentübergreifenden Faunenvermischung schon längst kräftig nachgeholfen.

Wird nicht gegengesteuert, könnte es in mittlerer Zukunft also erneut zu einer "Desaster-Fauna" kommen, artenarm und auf allen Kontinenten annähernd gleich. Offen bleibt in der Studie, welche Spezies die neuen Kosmopoliten sein könnten und sich dann zumindest für einen gewissen Zeitraum "wie Unkraut" vermehren dürfen. (jdo, 14. 10. 2017)

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