Verurteilter Journalist Dündar bezeichnet Erdoğan als Geiselnehmer

11. Oktober 2017, 06:33
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Vor Beginn des Prozesses gegen deutsche Übersetzerin Tolu – Kurz bekräftigt Forderung nach sofortigem Abbruch der Beitrittsgespräche

Ankara – Der frühere "Cumhuriyet"-Chefredakteur Can Dündar hat den türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdoğan als Geiselnehmer bezeichnet. Angesichts des am Mittwoch beginnenden Prozesses gegen die deutsche Übersetzerin und Journalistin Mesale Tolu in der Türkei sagte Dündar der "Bild"-Zeitung, Tolu sei eine Geisel Erdoğans.

"Die einzige 'Schuld', die sich Mesale Tolu sowie die anderen Journalisten und Menschenrechtler aufgeladen haben, ist, dass sie ihrer Arbeit nachgegangen sind", sagte Dündar. In einem Land, in dem es keine Rechtsprechung mehr gebe, sei Tolu eine politische Geisel. "Was wir für sie tun können, ist, sie nicht zu vergessen, die Verfahren, die gegen sie angestrebt werden, zu beobachten und die Ungerechtigkeiten der Welt mitzuteilen."

Anklage wegen Terrorpropaganda

Tolu muss sich zusammen mit 17 weiteren Angeklagten vor dem Gericht in Silivri wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation und Terrorpropaganda verantworten. Die Mutter eines zweijährigen Buben war Ende April festgenommen worden und sitzt seither zusammen mit ihrem Sohn im Frauengefängnis Bakırköy. Ihr drohen 15 Jahre Haft.

Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) bekräftigte angesichts des Prozesses gegen Tolu seine Forderung nach einem Abbruch der Beitrittsgespräche mit der Türkei. Die Verfahren gegen ausländische Journalisten und Menschenrechtsaktivisten wie Tolu und den Deutschen Peter Steudtner seien "ein erneuter Beweis dafür, dass die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei sofort abzubrechen sind", sagte Kurz am Mittwoch.

Dündar war im Mai 2016 unter dem Vorwurf des Geheimnisverrats zu fünf Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt worden. Grund war ein Artikel in der "Cumhuriyet" vom Mai 2015 über verdeckte Waffenlieferungen des türkischen Geheimdiensts an islamistische Rebellen in Syrien. Dündar blieb für die Dauer des Berufungsverfahrens auf freiem Fuß und verließ im Juli 2016 die Türkei. (APA, 11.10.2017)

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