András Schiff: Pathos, Tiefe und Routine

    10. Oktober 2017, 19:01
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    Der Pianist gastierte mit "letzten Werken" im Wiener Musikverein

    Wien – Die letzten Werke, zumindest aus einer Gattung: das war das Programm, mit dem András Schiff im Musikverein gastierte. Die jeweils letzten Klaviersonaten von Mozart, Haydn, Beethoven und Schubert – eine Kombination, an der sich nicht nur die Unterschiede der Komponisten zeigte, sondern auch ein erstaunliches Maß interpretatorischer Durchdringung und Präsenz.

    Dass die Tagesverfassung auch bei großen Künstlern variieren kann, ändert nichts an ihrer Bedeutung, offenbart eher den durch die Tonträgerindustrie beförderten Perfektionswahn. Um Perfektion sollte es im Konzert nie nur gehen, doch diesbezüglich gehört Schiff ohnehin zu den Verlässlichsten. Es war aber hier eine große Bandbreite zwischen Routine und Tiefe zu spüren, die doch verblüffen konnte. Mozarts Sonate in D-Dur (KV 576) war ausgewogen, spritzig, mit gemeißelt klaren Linien und Bravour serviert.

    Doch ausgerechnet die "große" B-Dur-Sonate D 960 blieb beim Schubert-Spezialisten Schiff merkwürdig blass: Das begann bei einer deutlich zu wenig abgestuften Dynamik – vom flüsterndem Pianissimo des Hauptthemas des ersten Satzes ließ sich nur träumen –, setzte sich fort in einer insgesamt eher verwaschenen Gestik und reichte bis zum gebremsten Presto der Coda des Finales. Gewiss gab es Kantabilität im Andante, Glanz im Scherzo – doch weit weniger, als sonst. Die Gelöstheit der zweiten Zugabe, Schuberts "Ungarischer Melodie", suchte man in der Sonate vergebens – ebenso wie die wunderbare Leisheit, die Schiff hier fand.

    Ganz anders aber die beiden Werke des zweiten Teils: Bei Haydns Sonate in Es-Dur (Hob. XVI: 52) vermittelte er zwischen dem durchscheinenden Leidenston und geistvollem Elan, perlend und mit einem energischen Zugriff, als ob er sich bereits auf das Folgende einstimmen würde. Denn in Beethovens c-Moll-Sonate op. 111 bot Schiff geballte Energie und Konzentration, die für einen ganzen Abend gereicht hätte: sich aufbäumend und ruppig das Thema des 1. Satzes, schwebend und zart die Arietta, gesangvoll und doch fragil, das Ende des Variationssatzes nach fulminanter Steigerung zauberhaft entschwebend. Dafür Standing Ovations. Schiff dankte zunächst mit Bachs C-Dur-Präludium und Fuge aus dem 1. Band des Wohltemperierten Klaviers: schimmernd und klar wie eh und je. (daen, 10.10.2017)

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      Klassik, zart schwebend bis energisch: Der ungarische Starpianist András Schiff glänzte mit Beethoven und Haydn.

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