Austin: Stadt der Fledermäuse und Ideen

10. Oktober 2017, 18:56
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Alle Jahre wieder treffen einander österreichische Wissenschafter, die in Nordamerika arbeiten – heuer in der texanischen Hauptstadt Austin

Die texanische Hauptstadt Austin im Oktober: strahlender Sonnenschein, Temperaturen, wie man sie in Österreich bestenfalls im Juli und August erleben darf. Abends füllen sich selbst vor Arbeitstagen die Bars der 6th Street, wo Vertreter der hiesigen Musikszene die Hallen rocken. Bei Sonnenuntergang warten auf einer Brücke über den Colorado River geduldige Touristen, bis sich tausende unter der Brücke lebende Fledermäuse aufmachen, um Nahrung zu suchen. Da und dort hat man hier in diesen Tagen aber auch österreichische, in Nordamerika forschende Wissenschafter getroffen.

Grund ist das einmal im Jahr jeweils in einer anderen nordamerikanischen Stadt stattfindende Treffen dieser Forscher: der Austrian Research & Innovation Talk (ARIT) wird vom Office of Science and Technology Austria in Washington (OSTA) sowie vom Wissenschafts- und vom Verkehrsministerium veranstaltet. Die Stadt scheint ein guter Boden für Ideen in Forschung und Technologieentwicklung (F&E) zu sein: Austin zählt zu den innovativsten Städten in den USA. Die Start-up-Szene gilt neben jener von Kalifornien, zum Beispiel in San José, als eine der aktivsten.

foto: gavin hellier / robertharding / picturedesk.com
Die Skyline der Gründer- und Musikstadt Austin in Texas, wo vergangene Woche das Treffen der österreichischen Forscher aus Nordamerika stattgefunden hat.

Einer der genannten heimischen Wissenschafter heißt Klaus Ackermann und ist gerade als Postdoc am Center for Data Science and Public Policy der University of Chicago tätig. Er forscht in der Gruppe von Rayid Ghani, der Chief Data Scientist in Ex-US-Präsident Barack Obamas Wahlkampagne von 2012 war. In einem aktuellen Projekt wird untersucht, wann Polizisten Gefahr laufen, falsch zu reagieren.

Polizei-Fehlverhalten

Das Team analysiert die seit 2008 automatisch erhobenen Polizeidaten aus Charlotte in North Carolina, aus Nashville in Tennessee und aus der kalifornischen Metropole San Francisco. Da jedes Fehlverhalten zu einer Untersuchung innerhalb der Polizei führt (Internal Affairs), kann man aus der Vergangenheit mittels Machine-Learning ein Muster ableiten, das zeigt, welche Faktoren genau zu diesem Fehlverhalten führen. Ackermann erzählt, es sei vor allem psychischer Stress aufgrund von Selbstmord oder Mord beim Einsatz, der sich negativ beim folgenden Einsatz auswirkt. "Die Polizisten schämen sich vor Kollegen, sie wollen zu keinem Psychologen gehen."

Ein Beispiel für ein denkbar ungünstiges Zusammenkommen belastender Zwischenfälle: Ein Polizist in Chicago sah, wie ein Kind im Zuge eines Bandenkriegs brutal ermordet wurde. Derselbe Beamte wurde dann zu Schießereien zwischen den Gangs gerufen. Damit habe man in Kauf genommen, dass ein Fehler passiert.

Die Vielfalt der Darmbakterien

Ganz andere Ideen fernab einer möglichen direkten Anwendung hat Isabella Rauch im Kopf. Sie ist Postdoc am Department of Molecular and Cell Biology an der University of California in Berkeley und hat in einer im Fachjournal "Immunity" publizierten Arbeit nachgewiesen, wie bestimmte Moleküle (Inflammasome) im Fall einer Darminfektion eine Reaktion der Zellen der Darmschleimhaut auslösen.

Im Gespräch erzählt sie, dass die Vielfalt der Bakterien, die im Verdauungstrakt leben und auch der Abwehr gegen Infektionen dienen, sie so interessiert hat, dass sie als Biochemikerin zu dieser Forschungsarbeit kam. In Austin wurde sie mit dem mit 7500 Euro dotierten Ascina-Award Young Scientists ausgezeichnet. Benannt ist der Preis nach dem Verein Ascina (Austrian Scientists and Scholars in North America), der mehr als 1200 Mitglieder hat.

Das pure Fasziniertsein von Grundlagenforschung treibt auch die Physikerin Sandra Eibenberger an, die den zweiten Young-Scientists-Preis gewann und wie Rauch für ihren Auslandsaufenthalt ein Schrödinger-Stipendium des Wissenschaftsfonds FWF erhielt. Sie erzählt von einer neu entwickelten Methode, die die Arbeit mit sogenannten chiralen Molekülen erleichtert.

Spiegel-Moleküle

Eibenberger hat dazu im Fachmagazin "Physical Review Letters" publiziert. Diese Moleküle gibt es in zwei spiegelgleichen Varianten, "Sie zeigen eine Händigkeit – ähnlich wie die rechte und die linke Hand. Ihre Atome schauen zwar genau gleich aus, man kann die beiden Moleküle aber nicht überlagern." Biologisch betrachtet seien sie gleich, in ihrer Wirksamkeit aber extrem unterschiedlich, sagt die Wissenschafterin. Bei Medikamenten bedeutet das, dass ein Wirkstoff je nach Händigkeit heilt oder einen besonders negativen Einfluss auf den menschlichen Körper hat – was sich zum Beispiel beim Contergan-Skandal zeigte. Ende der 1950er- und Anfang der 1960er-Jahre kamen aufgrund der "Nebenwirkungen" des Medikaments tausende Kinder mit Fehlbildungen zur Welt.

Die Physikerin hat eine Methode entwickelt, mit der man diese Moleküle besser voneinander trennen und später analysieren kann. Eibenberger, derzeit Postdoc in Harvard, wechselt Anfang 2018 an das Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin. "Wieder etwas näher an zu Hause", sagt sie. Mit anderen Worten heißt das: Karriere ist dort, wo es eine Chance gibt. (Peter Illetschko aus Austin, 11.10.2017)

Die Reise nach Austin erfolgte auf Einladung des Rats für Forschung und Technologieentwicklung.

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