Betriebsrat von Air Berlin rechnet mit Kündigungswelle

7. Oktober 2017, 17:58
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Der Poker um die Airline dauert an – Bei der Techniksparte ist die Frist für Angebote erneut verlängert worden – Unsicherheit für die Mitarbeiter wächst – Kritik von der Gewerkschaft Verdi

Berlin/Schwechat – Für die Beschäftigten der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin wird die Lage immer ernster: Der Betriebsrat stellt sich auf massenhafte Entlassungen ein. Das geht aus einer Mitarbeiterinformation des Betriebsrats Nord hervor, die der Deutschen Presse-Agentur vorlag. In dem internen Papier heißt es: "Alle Mitarbeiter werden gekündigt!!!"

Ziel sei es, die nötigen Verhandlungen noch im Oktober "final abzuschließen". Zuvor hatte die "Bild"-Zeitung am Freitagabend darüber berichtet. Der Sprecher der Airline, Ralf Kunkel, wollte sich dazu nicht äußern.

Verdi: "Spielt nicht mit Schicksal von Beschäftigten"

Die Gewerkschaft Verdi kritisierte dies scharf: "Wir sind entsetzt und erwarten, dass Air Berlin zügig Stellung nimmt zu den Kündigungsvorwürfen. Man spielt nicht mit dem Schicksal von tausenden Beschäftigten!", sagte Christine Behle, Mitglied des Verdi-Bundesvorstandes, am Samstag.

Der Betriebsrat Nord vertritt unter anderem die Mitarbeiter der Verwaltung am Standort Berlin. Nach Angaben von Gewerkschaften sind das in der Hauptstadt etwa 1.000 Mitarbeiter. Die "Bild"-Zeitung berichtete auf ihrer Internetseite, dass den Beschäftigten, die noch für den Flugbetrieb gebraucht würden, zum 28. Februar nächsten Jahres gekündigt werden solle.

Betriebsrat empfiehlt Mitarbeitern Arbeitssuche

Die bisher zweitgrößte deutsche Fluggesellschaft mit mehr als 8.000 Beschäftigten hatte Mitte August Insolvenz angemeldet. Vorerst geht der Flugbetrieb weiter, weil der Bund mit einem Kredit einsprang.

Der Betriebsrat empfiehlt in seinem Schreiben: "Alle Kollegen sollten zur Jobbörse gehen und/oder sich bei den entsprechenden Suchmaschinen (...) anmelden." Die Abwicklung von Air Berlin und der Arbeitsplätze werde "im Schweinsgalopp" umgesetzt. Zuvor sollen sich die Fronten zwischen der Geschäftsleitung und dem Betriebsrat verhärtet haben.

Nach dpa-Informationen will Air Berlin Anfang der kommenden Woche Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern führen. Zuletzt hatten Air Berlins Generalbevollmächtigter Frank Kebekus und Vorstandschef Thomas Winkelmann den Beschäftigten noch Hoffnung gemacht: Es gebe gute Kaufinteressenten für die Fluggesellschaft und sie könnten 80 Prozent der beschäftigten übernehmen.

Transfergesellschaft möglich

Am Freitag war bekannt geworden, dass die Angebotsfrist für die Techniksparte der insolventen Fluggesellschaft zum zweiten Mal verlängert wurde. Angebote sind nun noch bis zur übernächsten Woche möglich, wie ein Sprecher sagte. Ursprünglich sollte die Frist Mitte September enden, dann an diesem Freitag.

Verdi hatte zudem mitgeteilt, man habe mit Air Berlin und deren Techniksparte einen sogenannten Rahmentarifsozialplan ausgehandelt. Damit seien die Voraussetzungen für eine Auffanglösung für die Beschäftigten geschaffen, so die Gewerkschaft. Die nun eingetretene Situation bezeichnete Gewerkschafterin Christine Behle als "absurd".

Eine Transfergesellschaft sei möglich, sagte Behle dem RBB – "allerdings fehlt das Geld, weil die Erwerber blockieren". Zugleich kritisierte sie, dass Air Berlin nicht bereit gewesen sei, die Frage der Finanzierung einer solchen Gesellschaft mit in die Verhandlungen mit Kaufinteressenten zu nehmen. "Offensichtlich wurden die Verhandlungen durch den Druck der Erwerber an dieser Stelle blockiert. Das ist verantwortungslos."

Kebekus und Winkelmann verhandeln mit der Lufthansa und mit Easyjet über den Verkauf, das Geschäft soll bis zum kommenden Donnerstag (12. Oktober) unter Dach und Fach gebracht werden. Die Lufthansa will insgesamt 93 der noch 134 Flugzeuge übernehmen, Easyjet 27 bis 30.

Bodenpersonal soll bis Ende Oktober gekündigt werden

Ein Air-Berlin-Sprecher hatte aber bereits am Freitagabend einen Kommentar dazu abgelehnt. Zuvor hieß es in einer Reuters vorliegenden Mitarbeiterinfo des Betriebsrats, dass rund 1.400 Beschäftigten beim Verwaltungs- und Bodenpersonal die Kündigung drohe. Demnach habe die Geschäftsführung Arbeitnehmervertretern am Donnerstag mitgeteilt, dass dem gesamten Bodenpersonal bis Ende Oktober gekündigt werden solle.

Wer für die Aufrechterhaltung des Flugbetriebs benötigt werde, erhalte eine Kündigung zu Ende Februar 2018. Die anderen Mitarbeiter würden wahrscheinlich freigestellt. Ein Insider ergänzte, dass die Kündigungen nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens ausgesprochen werden sollten. Wie aus dem Papier hervorgeht, könnte es zur "Einstellung des Flugbetriebs der Air Berlin" kommen. Aufrechterhalten werden soll hingegen laut Mitarbeiterinfo der operative Service für die österreichische Tochter Niki, die Regionalflugtochter LGW und Maschinen im sogenannten Wetlease, die die Lufthansa von Air Berlin einschließlich ihrer Besatzung gemietet hat. Lufthansa hat auch ein Kaufangebot für Niki und LGW abgegeben.

Große Arbeitgeber aus Berlin werben einem Medienbericht zufolge aktiv um die Air-Berlin-Mitarbeiter. Am Dienstag wollten sie sich in der Firmenzentrale den Angestellten bei einer Job-Messe präsentieren, wie der "Tagesspiegel" (Sonntagausgabe) unter Berufung auf eine interne Rundmail von Personalchefin Martina Niemann an die Belegschaft berichtete. An den Veranstaltungen teilnehmen würden die Deutsche Bahn , der Onlinehändler Zalando, die Service-Tochter des Chemiekonzerns BASF, der Schienenfahrzeugbauer Stadler Pankow, der Autobahn-Maut-Eintreiber Toll Collect, die deutsche Bundesagentur für Arbeit – und weitere Unternehmen, hieß es. Am Freitag wolle sich zudem die Lufthansa-Tochter Eurowings auf einer eigenen Messe um Air-Berlin-Mitarbeiter bemühen. (APA/dpa, 7.10.2017)

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