Fernsehdiskussionen: Hochdruck in der politischen TV-Arena

9. Oktober 2017, 12:05
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Politiker bereiten sich mitunter zu akribisch auf Fernsehduelle vor, denen sie viel Bedeutung zumessen. Wie wichtig sie tatsächlich sind, weiß niemand

Wien – Die Wähler außerhalb Wiens bekommen weniger von ihren Spitzenkandidaten zu sehen als sonst. Am Sonntag waren ÖVP-Chef Sebastian Kurz und SPÖ-Chef Christian Kern jeweils in der ORF-"Pressestunde", am Abend, zur Primetime, trafen sich die beiden wieder zum "Kanzlerfinale" auf Puls 4. Die vergleichsweise neue Vielfalt an Parteien und Fernsehsendern hat zu einer Vielzahl an Einzelinterviews, Zweierkonfrontationen und Elefantenrunden geführt.

Für Termine in den Bundesländern, vor allem in westlichen, bleibe da kaum Zeit, klagt da so manches Kampagnenteam. Aber wer sich als Politiker vor einer bundesweiten Wahl entscheiden muss, ob er auf einem Kirtag ein paar Dutzend Hände schüttelt oder im Fernsehen vor Hunderttausenden seine Standpunkte darlegen kann, überlegt dann doch nicht lange.

Effekte schwer messbar

Zu Recht? Welche Auswirkungen haben Fernsehdiskussionen auf die Wähler? Die Frage sei nicht so leicht zu beantworten, sagt Eva Zeglovits, Chefin des Meinungsforschungsinstituts Ifes. "Wie groß die Effekte sind, ist schwer quantifizierbar und die Forschung aus anderen Ländern kaum anwendbar."

Man könne zwar Versuchspersonen in einer Laborsituation vor den Fernseher setzen und sie vor und nach der Debatte Fragen beantworten lassen. "Das ist aber sehr aufwendig und wird in Österreich meines Wissens nie gemacht." Außerdem wirke ja nicht nur die Diskussionssendung selbst, sondern auch die Berichterstattung, die sich darauf bezieht. "Da ist es ganz schwer, den Effekt herauszufiltern, weil man nie weiß, wer welcher Information ausgesetzt war", sagt Zeglovits.

"Im Duell sitzt ein Mensch"

Diese Schwierigkeit hat sich in den vergangenen Jahren noch verschärft: Denn Sendungen können in den Mediatheken der Sender noch im Nachhinein angeschaut werden, und Parteien stellen besonders günstige Ausschnitte der Diskussionen für ihre Fans auf Facebook. Hinzu kommt laut der Meinungsforscherin, dass sich die Gewohnheiten der TV-Konsumenten verändert haben: "Hat man vor zehn bis 15 Jahren gefragt: 'Haben Sie sich das angeschaut?', hieß das: 'Sind Sie vor dem Fernseher gesessen und haben zugeschaut?'" Heute aber verfolgten nicht wenige Interessierte die Debatten über Liveticker von Online-Medien oder auf Twitter.

Aus Untersuchungen in anderen Ländern wisse man außerdem, dass die Fernsehdebatten für jene Wähler von Bedeutung sind, die eher unentschlossen sind und das Fernsehen als Informationsquelle nutzen. Und: "Überzeugte Wähler holen sich Bestätigung und fühlen sich in ihrer Wahlentscheidung bestärkt", sagt Zeglovits. Sie glaubt, dass die große Zahl an TV-Diskussionen zur Personalisierung der Politik in Österreich beiträgt. "Wähle ich eine Partei oder eine Person? Im Duell sitzt ein Mensch."

Quotenjubel

Eindeutig messbar bleibt: Die Diskussionen werden von vielen Menschen angeschaut. "Man würde erwarten, dass bei doppelt so vielen TV-Duellen weniger Leute zuschauen, aber das ist bis jetzt nicht passiert", stellt Zeglovits fest.

Zwar war die ORF-Konfrontation zwischen der grünen Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek und Neos-Chef Matthias Strolz am vergangenen Donnerstag jene, die bisher auf das wenigste Interesse stieß – aber mit durchschnittlich 483.000 Zuschauern auf hohem Niveau. Die Diskussion zwischen Lunacek und FPÖ-Vertreter Norbert Hofer sahen im Schnitt 676.000, jene zwischen Bundeskanzler Kern und Strolz 620.000.

"Eine Generation" zwischen Privaten und ORF

Im Privatfernsehen sorgen die politischen Formate vor wichtigen Wahlen teils für Quotenjubel: Die "Elefantenrunde" auf ATV etwa sei die erfolgreichste Eigenproduktion in der Geschichte des Senders gewesen, frohlockte dessen Unternehmenskommunikation am Tag nach der Sendung – zu der ATV wie Schwestersender Puls 4 und anders als der ORF auch den exgrünen Listengründer Peter Pilz eingeladen hatte.

"Das Interesse ist riesengroß", sagt auch Corinna Milborn, Infochefin von Puls 4. Vor der Wahl würden sich die Leute sehr genau informieren – dabei würden sich die Zielgruppen der Privatsender und des ORF unterscheiden. Die Jüngeren schauen sich demnach eher die Wahlformate der Privaten an, Ältere bevorzugen den Öffentlich-Rechtlichen: "Da ist eine Generation dazwischen", sagt Milborn. Ihr Publikum seien "die Leute, die nicht jeden Tag die 'ZiB 2' anschauen", aber ihr Wahlrecht ernst nehmen. "Die Unkenrufe, dass es zu viele Diskussionen gibt", sagt die Journalistin, "kommen halt von Leuten, die sowieso dauernd informiert sind."

Versprecher "relativ egal"

Für die Politiker im Studio heißt die Bedeutung, die den TV-Sendungen zugemessen wird, vor allem eines: Druck. Jede Diskussion sei "eine stressige Situation, na klar", sagt Guido Meyn. Der Kommunikationstrainer berät Unternehmer und Politiker, auch vor öffentlichen Auftritten und Fernsehdiskussionen. "Eine TV-Diskussion hat ja ein bisschen was von einer Castingshow: Wer überzeugt die meisten Menschen und wird in die nächste Runde gewählt?" Dieser ständige Druck sei "höllisch anstrengend. Wenn man dann vor die Kameras geht, muss man wieder in Topform sein und versuchen, möglichst gut rüberzukommen."

Es sei aber gar nicht so wichtig, vor der Kamera fehlerfrei zu sein und sich nie zu versprechen, sagt Meyn, "das ist eigentlich relativ egal" – viel wichtiger sei Authentizität und etwas, das der Coach "die Kunst des Nachvollziehbarmachens" nennt: "Wie kann ich meine Position für andere logisch machen, damit sie sagen: Okay, wenn ich in dieser Position wäre, würde ich auch so denken. Wenn das passiert, habe ich schon sehr viel erreicht."

Fragwürdige Methoden im Coaching

Meyn betont, dass es nicht die eine Art gibt, Politiker vor TV-Auftritten zu coachen – und dass auch Methoden angewandt werden, die er problematisch findet. Etwa "Weg von"-Formulierungen, die nur Probleme darstellen, aber keine konkrete Lösung liefern. "Das funktioniert gut, wenn viele Menschen dieses Problem wahrnehmen." Je konkreter aber der Lösungsvorschlag dafür ist, "desto weniger Menschen sagen: Ja, das sehe ich auch so." Deshalb würden viele Politiker in Reden und Diskussionen nur Probleme konstatieren und, wenn überhaupt, lediglich schwammige Lösungen bieten.

"Übercoacht" oder "überbrief"?

Eine Ausnahme sieht der Coach in Strolz. Er biete immer wieder sofortige Zusammenarbeit mit seinem Gegenüber an. Allerdings mache Strolz das "mit viel Druck in der Performance – und das kann dann auch abschrecken", sagt Meyn.

Abschreckend findet so mancher Zuschauer auch, wenn Politiker "übercoacht" wirken. Dieser Eindruck werde oft von engen Mitarbeitern verursacht, erzählt Meyn, die "überbriefen" – also die Kandidatin oder den Kandidaten mit massenhaft Inhalten versorgen. Das führe dazu, "dass sie den ganzen Kopf voll mit Inhalten haben und versuchen, alles abzuhaken. Das merkt man manchmal, und das halte ich für einen großen Fehler", sagt Meyn. Denn die Menge an Inhalten, die sich Zuschauer merken, sei ohnehin begrenzt – und der Kandidat agiere im vorgegebenen Themenstakkato schlicht nicht natürlich. (Sebastian Fellner, 9.10.2017)

Übersicht
Die Zuseherzahlen der bisherigen TV-Duelle

  • Im Privatfernsehen sorgen die politischen Formate vor Wahlen für Quotenjubel: Die "Elefantenrunde" sei die erfolgreichste Eigenproduktion in der Geschichte des Senders gewesen, frohlockte ATV am Tag nach der Sendung.
    foto: apa/georg hochmuth

    Im Privatfernsehen sorgen die politischen Formate vor Wahlen für Quotenjubel: Die "Elefantenrunde" sei die erfolgreichste Eigenproduktion in der Geschichte des Senders gewesen, frohlockte ATV am Tag nach der Sendung.

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