"Cuphead" im Test: So schön und doch so ärgerlich

    Rezension8. Oktober 2017, 10:59
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    Das Run’n’Gun-Game im Stil der 1930er-Comics ist ein künstlerischer Triumph – leider nur für Hardcore-Spieler

    Auf dieses Spiel hat man jahrelang gewartet: Seit 2010 arbeitet das Brüderpaar Chad und Jared Moldenhauer an seinem persönlichen Traumprojekt, seit einer ersten E3-Präsentation 2014 freut sich die ganze Spielewelt auf ein Spiel, dessen außergewöhnliche Ästhetik es vom ersten Moment an zu etwas Besonderem gemacht hat. Der Weg zur Fertigstellung war steinig: In den sieben Jahren der Entwicklung haben die Brüder ihre regulären Jobs gekündigt und ihre Häuser verpfändet, um das Team zu vergrößern und sich ganz dem Traum vom eigenen Indie-Spiel zu widmen. Jetzt ist "Cuphead" (WIndows, Xbox One, 19,99 Euro) endlich erschienen.

    Dass das Spiel ein Produkt großer Liebe ist, sieht man ihm in jeder Sekunde an. "Cuphead" ist mehr als eine Hommage an die Zeichentrickkunst der 1930er-Jahre, die seine Inspiration ist: Es ist bis ins kleinste Detail ein Kunstwerk, das seinen historischen Vorbildern in fast jeder Hinsicht ebenbürtig und zusätzlich interaktiv ist. Die Handlung ist ebenso abgedreht wie schnell zusammengefasst: Als Brüderpaar Cuphead und Mugman – zwei kleine Figuren mit Tassenköpfen – müssen die Spielerinnen und Spieler im Auftrag des leibhaftigen Teufels gegen diverse Monster antreten und deren Seelen einsammeln – sonst sind ihre eigenen Seelen futsch. Gespielt wird allein oder optional im Local-Coop.

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    So spielt sich "Cuphead".

    Ein Kunstwerk durch und durch

    Das Figurendesign ist originell und vom kleinsten bis zum größten Gegner mit so viel Witz und Liebe gestaltet und animiert, dass man oft am liebsten nur staunend zusehen würde. Und das betrifft nicht nur die Spielszenen: Die Sanduhr, die sich während der Ladezeiten dreht, ist sichtlich mit ebenso viel Liebe und Humor animiert wie Figuren in den Shops oder in den Zwischensequenzen. Die Arbeit, die im Zeichnen und Animieren einer derartigen Masse an Figuren steckt, ist atemberaubend. Auch die Musik – essentielles Element der Zeichentrick-Vorbilder – ist mit beschwingtem BigBand-Sound, Swing, Dixieland-Jazz und anderen historischen Stücken wunderbar passend zum Geschehen auf dem Bildschirm gewählt.

    "Cuphead" erfüllt sein zentrales Versprechen mit Bravour: Filter und Effekte wie Körnung oder Fussel wie von einem alten Filmprojektor verstärken den Eindruck, hier tatsächlich einen alten – sehr alten – Zeichentrickfilm zu spielen. Ein Spiel mit originellerem Style, verwirklicht mit derartiger Liebe zum Sujet und Detail, hat man in dieser Qualität noch kaum erlebt.

    Das große Aber

    Umso trauriger, nein, fast tragischer, dass nur die wenigsten Spielerinnen und Spieler "Cuphead" in seiner Gänze gebührend würdigen werden können, denn nicht nur optisch, auch in Sachen Härte orientiert man sich an der ganz alten Schule. Schon die ersten, einfachsten Level werden wohl nur die wenigsten auf Anhieb bewältigen, und für die allermeisten durchschnittlich Begabten wird irgendwo, bei einem der vielen, zauberhaft animierten und zum Niederknien originellen Oberbosse definitiv Schluss sein, lange bevor der Abspann läuft. Zwar lassen sich die Bosskämpfe auch in einem "Simple"-Mode starten, allerdings werden in dem nur Teile der überaus fantasievollen Kampfphasen gezeigt – und wer das Spiel beenden will, muss sie ohnedies auf dem normalen Schwierigkeitsgrad bezwingen.

    Das heißt nicht, dass "Cuphead" unfair wäre: Geduldiges Üben ist hier, wie in allen schweren Spielen der Games-Vorgeschichte, der Schlüssel zum Erfolg. Die Zielgruppe der Hardcore-Gamer wird das wenig stören, schließlich gehört das Bezwingen auch außergewöhnlicher Herausforderungen zum besonderen Reiz, den das Medium auf dieses Publikum ausübt. Das ist natürlich auch völlig legitim – angesichts der ästhetischen Reize, die "Cuphead" allerdings zu bieten hat, schleicht sich dennoch zweifache Betrübnis ein: Zum einen darüber, dass man angesichts der spielerischen Herausforderung oft gar keine Zeit hat, die Schönheit und den Witz seiner Figuren richtig zu würdigen, zum anderen dass sich dadurch sein Massenappeal in Grenzen halten wird.

    Fazit

    Optisch, in Sachen Sound und allgemeiner Präsentation ist "Cuphead" ein künstlerischer Triumph, ein interaktives Kunstwerk, das mit viel Liebe und Humor seinen großen Vorbildern ein interaktives Denkmal setzt.

    Sein Oldschool-Schwierigkeitsgrad lässt es allerdings zum Spiel für eine Nische jener Spielerinnen und Spieler werden, die sich trotz aller unweigerlichen Rückschläge und tausender Tode wieder und wieder seinem Zeichentrickstahlbad stellen wollen. Wer nicht gewillt – oder fähig – ist, sich seinen schwierigen Herausforderungen zu stellen und – vor allem in den letzten Kämpfen – auch heftige Frustrationen zu überwinden, kommt nicht in den Genuss eines wirklich außergewöhnlich gut gemachten Spiels.

    "Cuphead", ist ein Spiel, das man wegen seiner fantastischen Machart gerne viel mehr Menschen empfehlen würde, als dann damit tatsächlich Spaß haben würden. Schade eigentlich. (Rainer Sigl, 6.10.2017)

    "Cuphead" ist für PC und Xbox One erschienen. UVP: 19,99 Euro.

    Hinweis im Sinne der Leitlinien: Das Testmuster wurde vom Hersteller zur Verfügung gestellt.

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