"Der politische Islam" ist nicht vom Himmel gefallen

Analyse1. Oktober 2017, 08:00
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Im österreichischen Wahlkampf kommt "der politische Islam" als der Feind unserer Zivilisation schlechthin vor. Richtig groß wurde er als Verbündeter des Westens

Der politische Islam: Wenn sich denn ein Konsens zwischen allen Wahlkämpfenden finden ließe, dann jener, dass sich bei diesem Wort jedes Verständnis fürs "Fremde" aufhört. Aber das gilt nicht nur für Politiker. Es gebe gar keine Probleme zwischen den Menschen, Einheimischen und (auch muslimischen) Zugereisten.

Die angebliche Angst vor dem Fremden sei nur eine "Divide et impera"-Erfindung der Mächtigen, sagte unlängst mein Nachbar bei einer Podiumsdiskussion. Nur den politischen Islam, den müsse man natürlich bekämpfen.

Wer könnte dem widersprechen? Schwieriger wird es allerdings, wenn man definieren will, wo denn "der Islam" "politisch" wird. Für viele beim Kopftuch, ist das nicht ein politisches Symbol? Eine konservative Golfaraberin würde angesichts der Behauptung, ihre im Luxusgeschäft auf der Kärntner Straße getragene Gesichtsverschleierung enthalte eine politische Botschaft, groß schauen.

Und festgenagelt auf die Frage, ob diese Dame aus – sagen wir – dem mondänen Dubai nun wirklich eine Vertreterin unseres Erzfeindes, des politischen Islam, sei, und wenn ja, warum, würden fast alle heimischen Politiker ins Schwitzen kommen.

Islam als monolithischer Block

Trotzdem spricht man über den "politischen Islam" als etwas eng Definiertes, einen monolithischen Block. Als solcher ist er quasi vom Himmel gefallen, oder besser, er wurde von der Hölle ausgespuckt. Die eher linken Politiker versuchen, ihn vom Islam, der Religion, zu trennen, die eher rechten identifizieren ihn mit dem Islam. Und er hat keine Geschichte, er ist einfach da und hat mit uns nur insofern etwas zu tun, als er "unsere Kultur, unsere Zivilisation, unsere Werte" gefährdet.

Um das klarzustellen: Es gibt sie, die islamistischen Agitatoren hierzulande, und viel zu spät hat man angefangen, ihnen das Handwerk zu legen. Wenn es aber zu den Gründen dafür kommt, dass sie so erfolgreich sind, muss man näher hinschauen. Das schaffen sie nicht nur mit ihrem Programm, sondern auch mithilfe der Defizite unserer Gesellschaft.

Dass ihr Angebot angenommen wird, dass Radikalisierer aus verunsicherten Jugendlichen Soldaten des Jihadismus machen können, dass es ihnen gelingt, Kleinkriminelle in Massenmörder mit einer religiös-politischen Agenda zu verwandeln: Dafür ist der politische Islam nicht der Grund, sondern das Vehikel.

Das revolutionäre Element

Aber das ist eine andere Geschichte. Von der Gefahr, die vom politischen Islam ausgeht, redet man neuerdings auch – in Saudi-Arabien. Ja, ausgerechnet in Saudi-Arabien, das keine Verfassung haben darf, weil das unislamisch ist, hat man den politischen Islam als Feind ausgemacht. Damit will man sich nicht etwa selbst abschaffen. Der politische Islam: Das sind die Muslimbrüder. Diese hätten das revolutionäre Element in den ursprünglich friedlichen Salafismus auf der Arabischen Halbinsel hineingebracht, diesen sozusagen scharfgemacht.

Man könnte es sich so vorstellen: Wenn Osama bin Laden nicht mit den Muslimbrüdern, die Saudi-Arabien in der Nasser-Zeit in den 1960ern en masse aufgenommen hatte, in Berührung gekommen wäre, würde er sich wahrscheinlich heute als frommer 60-jähriger Bauunternehmer in Saudi-Arabien seiner wachsenden Enkelschar erfreuen.

Dass den Saudis diese Darstellung außerhalb ihres eigenen Landes nicht abgenommen wird, ist eine andere Sache: Denn zwar ist die 1928 in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft auch bei uns in Verruf (durchaus zu Recht). Aber als die Wurzel allen Übels wird die Verbreitung des lokalen Salafismus Saudi-Arabiens, des Wahhabismus, ausgemacht. Viele sind hier fest davon überzeugt, dass auch der "Islamische Staat" eine saudische Gründung ist.

Nahöstliche Sicht

Zu mehr Auseinandersetzung reicht es oft nicht – zur tiefen Frustration vieler meist älterer im Nahen Osten geborener Menschen, die einer Welt zugerechnet werden, die es in ihrer Jugend so nicht einmal gab. Für uns ist diese Welt "islamisch" oder "islamistisch", für sie ist sie bestenfalls "reislamisiert", aber das würden sie nicht so freundlich ausdrücken.

Was der "politische Islam" ist, wird man nicht verstehen, wenn man nicht auch die nahöstliche Sicht darauf kennt. Und die verortet ihn eben nicht als autochthone Hervorbringung, sondern als ein westliches Politikinstrument – das nun zugegebenermaßen dem Westen wieder auf den Kopf fällt: der westliche Zauberlehrling im Nahen Osten.

Auch das, absolut gestellt, ist eine vereinfachende Sicht, aber es ist schon etwas dran. Historischer Kontext kann nie schaden, deshalb Prüfungsfrage Nummer eins: Was könnte der Grund dafür sein, dass die Muslimbruderschaft ausgerechnet in Ismailiya gegründet wurde? Richtig, Suezkanal, Briten, Kolonialismus, Antikolonialismus und die islamische Antwort auf die Frage, mit der der arabische Nationalist Shakib Arslan in den 1920ern seinen Essay betitelte: "Warum sind die Muslime zurückgeblieben, und warum sind die anderen fortgeschritten?"

Aufnahme beim US-Freund

So weit, so einfach: Wenn wir zum wahren Islam zurückkehren, wenn wir die Gesellschaften wieder islamisch machen, werden wir mit den Kolonisatoren gleichziehen und diese, beziehungsweise ihre Marionetten, hinauswerfen. Das bliebe dann jedoch – wenngleich in Ägypten in enger Kooperation mit den Muslimbrüdern – den Militärs vorbehalten. Abdul Gamal al-Nasser wandte sich der Sowjetunion zu. Dass die von ihm verfolgten Muslimbrüder beim Partner der USA gegen den Kommunismus Aufnahme fanden, war allzu logisch: in Saudi-Arabien.

Auch dass Riad durch den Export seiner eigenen Ideologie – und viel Geld – dem Helden der arabischen Straße, Nasser, etwas entgegensetzte: Wer im Westen hätte etwas einzuwenden gehabt?

Und so ging es weiter: Was tun gegen den Export der islamischen Revolution aus dem Iran nach 1979 (einem Land, in dem die demokratische Entwicklung von den Geheimdiensten Großbritanniens und der USA durch den Sturz Mossadeghs 1953 abrupt gestoppt wurde)?

Antwort: Saudi-Arabien muss islamischer als islamisch werden, um konkurrenzfähig zu bleiben. Dann der gemeinsame Kampf gegen die Sowjets in Afghanistan ab 1979, wo auch erstmals Osama bin Laden auftaucht ...

Strategisches Bündnis

Nein, der politische Islam ist keine Verschwörung des Westens, aber die Hölle, aus der er hervorkroch, war eine globale, keine nahöstliche. Viele aus dem Nahen Osten stammende Menschen machen ihre Misere an einem Foto fest: Es zeigt König Abdulaziz Al Saud mit Präsident Franklin D. Roosevelt im Februar 1945 auf der USS Quincy.

Das gilt als der offizielle Beginn des großen strategischen Bündnisses der USA mit Saudi-Arabien beziehungsweise mit dem politischen Islam gegen den Kommunismus, Öl gegen strategische Partnerschaft.

Wenn im Westen heute der IS als Kreation Saudi-Arabiens angesehen wird, dann sehen ihn im Nahen Osten ebenso viele als eine des Westens, namentlich der USA und Israels, das in diesen Verschwörungstheorien immer vorkommt. Und während Studien vor den Muslimbrüdern in Europa warnen, ist im Nahen Osten die Meinung verbreitet, dass 2011 der Arabische Frühling ein Versuch des Westens war, die Muslimbrüder in der arabischen Welt an die Macht zu bringen.

Denn, so die Überzeugung, der Westen glaubte ja auch, den türkischen Muslimbruder Tayyip Erdogan – Nato-Verbündeter, Islamist und damit Antidot gegen Al-Kaida & Konsorten – kontrollieren zu können. Wenn sich das als Irrtum herausgestellt hat: selbst schuld. (Gudrun Harrer, 1.10.2017)

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    Ibn Saud und Roosevelt 1945 auf der USS Quincy. Das Treffen gilt als Beginn der Partnerschaft zwischen USA und politischem Islam.

  • Der türkische Präsident Erdogan: Islamist, Nato-Partner und – bis vor kurzem – ein Modell für andere potenzielle islamische Regierungschefs?
    foto: apa / afp / turkish presidential / str

    Der türkische Präsident Erdogan: Islamist, Nato-Partner und – bis vor kurzem – ein Modell für andere potenzielle islamische Regierungschefs?

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    So sehen es viele im Nahen Osten, die glauben, der Westen wollte, dass Muslimbruder Mohammed Morsi ägyptischer Präsident wird.

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