Stefan Sagmeister: "Mein Mann sollte witzig sein"

    Interview3. Oktober 2017, 10:24
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    Wellenartig wird das Rollenbild des Mannes infrage gestellt. Wir wollten vom Grafikdesigner und Glücksforscher Stefan Sagmeister wissen, was es heißt, ein Mann zu sein – oder eine Frau

    Stefan Sagmeister hat es als Grafikdesigner zu Weltruhm und Grammy Awards gebracht. Auch als Glücksforscher machte sich der 1962 in Bregenz Geborene einen Namen. Bei seinen Untersuchungen lernte er eine Menge über Männer und Frauen. Grund, ihm einige Fragen zu stellen.

    foto: victor g. jeffreys ii
    Stardesigner Stefan Sagmeister.

    STANDARD: Würden Sie lieber als Mann oder als Frau wieder auf die Welt kommen?

    Sagmeister: Als Frau.

    STANDARD: Warum?

    Sagmeister: Ich weiß ja mittlerweile, wie es sich als Mann so lebt. Es wäre interessanter herauszufinden, wie sich das Leben für eine Frau anfühlt, und abwechslungsreicher.

    STANDARD: Und an welchem Ort?

    Sagmeister: In Kopenhagen. Dort gibt es gute Schulen, frische Luft, und die Leute sind fein drauf.

    STANDARD: Wie müsste der Mann sein, den Sie sich als Frau wünschen würden?

    Sagmeister: Es müsste einer sein, der versucht, gut zu sein. Einer, der mich mag. Witzig sollte er auch sein. Und er sollte das, was er macht, mit Leidenschaft tun.

    STANDARD: Was, glauben Sie, ist denn der größte Unterschied zwischen Mann und Frau?

    Sagmeister: Diese Frage möchte ich lieber im nächsten Leben beantworten, wenn ich als Frau wieder auf die Welt komme.

    STANDARD: Sie haben sich in Ihrer Arbeit sehr intensiv und über Jahre mit dem Thema Glück beschäftigt, zuletzt im Film "The Happy Film", der vor kurzem als DVD herausgekommen ist. Würden Sie sagen, dass es ein männliches Glück gibt?

    Sagmeister: Ich weiß aus Umfragen, dass Männer genauso glücklich oder unglücklich sind wie Frauen, es gibt keinen messbaren Unterschied. Bei meinen eigenen Freunden und Bekannten verhält es sich ähnlich wie bei den Umfragen: Ich kenne eher glückliche Männer und Frauen, aber natürlich auch Menschen, die es nicht sind.

    STANDARD: In vielen Zeitschriften und Feuilletons ist immer wieder von der Rolle des "neuen Mannes" zu lesen, davon, was er sein muss, was er können muss etc. Was halten Sie von dem Versuch, solche Männerbilder definieren zu wollen?

    Sagmeister: Hmmm, was soll ich dazu sagen? Den einen ist der Mann zu sehr Weichei, den anderen zu sehr Kraftbrühe, den Dritten zu trocken, den Vierten zu saftig. Ich selber mag das komplette Menü.

    STANDARD: Beim Thema Mann geht es oft um Klischees, zum Beispiel wird kleinen Männern wie Napoleon gern ein gewisser Machthunger angedichtet. Sie sind 1,95 Meter groß. Glauben Sie, Sie hätten sich anders entwickelt, wenn Sie einen Kopf kürzer wären?

    Sagmeister: Als Kind wollte ich immer kleiner sein, um auf den Klassenfotos weniger hoch rauszuragen. In der Zwischenzeit bin ich gerne groß, ich sehe bei Konzerten immer über alle Köpfe drüber, dafür muss ich im Flugzeug zusammenklappbar sein. Nach Macht habe ich wenig Hunger, aber ich habe keine Ahnung, ob das mit eine Größe von 1,55 Metern anders wäre.

    STANDARD: Wie steht es sonst mit Klischees und Männern? Kann man diese Rollenbilder überhaupt diskutieren, ohne Klischees zu streifen?

    Sagmeister: Klischees sind oft zutreffend und immer langweilig.

    STANDARD: Würden Sie sich eher als Macho oder als Softie bezeichnen?

    Sagmeister: Um bei den Klischees zu bleiben: Ich bin ein Softeis mit einer winzigen, heißen Kirsche.

    STANDARD: Es gibt da auch diesen Spruch "Ein Mann muss einen Baum pflanzen, einen Sohn zeugen und ein Haus bauen". Was muss ein Mann wirklich?

    Sagmeister: Ich selber habe bisher nichts von den drei Dingen getan. Ich glaube, ein Mann muss anderen helfen und die Fähigkeit haben, andere zu entzücken. Dann macht das Mannsein Sinn.

    STANDARD: Federico Fellini meinte angeblich, ein Mann wäre erst ein Mann, wenn er ein Bordell besucht hätte.

    Sagmeister: Das glaub ich nicht, diesen Satz würde ich dem armen Fellini nicht zumuten.

    STANDARD: Sprechen wir über den Begriff "erwachsen werden", der sich ebenfalls gewandelt hat. Auch für ihn gibt es viele Definitionen. Wie lautet Ihre?

    Sagmeister: Erwachsen werden bedeutet, Entscheidungen zu treffen und diese auch zu verantworten.

    STANDARD: Wann sind Sie erwachsen geworden?

    Sagmeister: Spät, so richtig wohl erst nach dem Tod meiner Mutter, als es "über" mir keine Generation mehr gab. Das war 2010. Mein Vater ist schon früher gestorben.

    STANDARD: Sie haben keine Kinder. Denken Sie darüber nach, wie es wäre, Vater zu sein?

    Sagmeister: Ja, als ich eine Zeit auf Bali verbrachte, dachte ich öfter daran, vielleicht doch noch Vater zu werden, weil ich täglich von vielen Kindern umgeben war, die wirklich Kinder waren. Nach meiner Rückkehr nach New York haben sich diese Gedanken dann wieder verflüchtigt.

    STANDARD: Welche war die beeindruckendste Begegnung mit einem anderen Mann für Sie?

    Sagmeister: Den größten Eindruck bei mir hat sicherlich der ungarische Designer Tibor Kalman hinterlassen. Er hatte eine besonders beeindruckende Art, Ratschläge zu geben. Ich konnte sie nicht nur hören, sondern auch annehmen und umsetzen. Als ich mit 27 nach Hongkong gezogen bin, um dort in einer Agentur zu arbeiten, meinte er: "Gib ja das Geld nicht aus, das die dir zahlen, sonst wirst du ein Leben lang der Prostituierte der Werbeagenturen bleiben." Ich habe mein Geld gespart und konnte später damit mein eigenes Studio in New York gründen.

    STANDARD: Welcher ist der beste Männerfilm?

    Sagmeister: Entweder Magnolia von P. T. Anderson oder Adaptation von Spike Jones.

    STANDARD: Welches ist das beste Männerbuch?

    Sagmeister: Alle sechs Bände von Karl Ove Knausgårds Romanzyklus Mein Kampf.

    STANDARD: Und der beste Männersong?

    Sagmeister: Der stammt aus meiner Jugendzeit. Ich erinnere mich daran, wie ich mit 17 Auto stoppte, um nach Sizilien zu kommen. Ich hörte Junge, wir können so heiß sein von Extrabreit. (Michael Hausenblas, RONDO, 29.9.2017)

    happy film
    Trailer zu "The Happy Film"

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