Digitalisierung: Tourismus braucht virtuelle statt rosarote Brille

27. September 2017, 08:45
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Kirchturmdenken und Fehleinschätzungen haben die Branche zurückgeworfen. Das soll sich nun wieder ändern

Wien – Die rosarote Brille, durch die Tourismuswerber jahrzehntelang Landschaften und Menschen von der schönsten Seite gezeigt haben, hat ausgedient; an ihre Stelle ist die virtuelle Brille getreten. Mit Drohnen werden Kamerafahrten zu den spektakulärsten Orten durchgeführt, um ein Erlebnis für alle Sinne zu bieten – mit Millionen von Daten.

Die Digitalisierung ist dabei, auch und gerade den Tourismus zu revolutionieren. Buchen per Telefon oder Fax war einmal. Im Zeitalter des Internets geht alles unvermittelter, spontaner. Österreichs Tourismusbetriebe seien gut beraten, auf den Zug aufzuspringen. Kirchturmdenken sollte aufgegeben und stattdessen stärker kooperiert werden, sagte Wirtschaftsminister Harald Mahrer (VP) am Dienstag bei der Präsentation der jüngst fertiggestellten Digitalisierungsstrategie für den österreichischen Tourismus.

Daten zusammenführen

Mehr als 70 Experten von Bund, Ländern und Tourismusorganisationen haben mitgearbeitet. Einen Erfolg gibt es bereits zu vermelden: Die von Tourismusorganisationen bisher hermetisch abgeschirmten Datensätze werden auf einer Österreich-Plattform zusammengeführt – ein Gewinn für alle Beteiligten, weil man damit etwa an Autohersteller herantreten könne, um alle Sehenswürdigkeiten (Points of Interest) Österreichs in das Navigationsgerät einzuspeisen. "Hersteller wie BMW wollen nicht die Daten einer Landestourismusorganisation. Die wollen die Daten von ganz Österreich", sagte die Geschäftsführerin der Österreich-Werbung (ÖW), Petra Stolba. "Durch die fragmentierte Datenlage ging das bisher nicht."

Mit dem Ausbau von Breitbandinternet und Glasfaserverkabelung bis ins letzte Tal, digitalen Requalifizierungs- und Weiterbildungsmaßnahmen für Hotelmitarbeiter und richtigem Umgang mit Daten soll der Anschluss an die Weltspitze bei dieser Schlüsseltechnologie gelingen. Laut Umfragen wisse man, dass 67 Prozent der Gäste nicht mehr in die Region zurückkehren, wenn sie keine gute Internetverbindung vorfinden, sagte die oberste Touristikerin in der Wirtschaftskammer, Petra Nocker-Schwarzenbacher. "Das ist nicht nur für unsere Gäste wichtig, auch unser wirtschaftlicher Erfolg hängt davon ab."

Anschluss an Südostasien

Dabei gab es hierzulande mit TIS, dem Tirol Informations System, das später zu Tiscover weiterentwickelt wurde, bereits in den 1990er-Jahren eine der weltweit ersten Tourismusplattformen im Internet. Eine Tiscover-Delegation war sogar in Kalifornien bei den Google-Gründern zu Gast, als diese noch Investoren für ihr Projekt einer Suchmaschine suchten. Tiscover ist inzwischen Teil der deutschen HRS-Gruppe.

Um den Anschluss an Südostasien und den angloamerikanischen Raum in puncto Digitalisierung zu schaffen, stünden für Tourismusbetriebe diverse Geldtöpfe zur Verfügung, sagte Wirtschaftsminister Mahrer. Internationale Hotelketten schöpften jetzt schon aus einem Fundus anonymisierter Daten, folgten Algorithmen und könnten damit ihre Ertragssituation verbessern. Das sollte auch in Österreich möglich sein. Einer Aufstockung des Budgets der Österreich-Werbung stehe er "aufgeschlossen gegenüber", sagte Mahrer. Das ÖW-Budget ist seit Jahren bei rund 50 Millionen Euro eingefroren. Zur Basisabgeltung von 32 Millionen steuert das Wirtschaftsministerium 24 Millionen bei, die Wirtschaftskammer finanziert acht Millionen. (Günther Strobl, 27.9.2017)

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    Österreichs Tourismusbranche will digital stark aufrüsten.

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