Walid Raad: Von untoten Bildern und verborgenen Netzwerken

    26. September 2017, 16:41
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    Fantastische Performance "Kicking the Dead", Spukgeschichten und Fakten des Kunstmarkts

    Graz – Beim Blick auf friedliche, grüne Wiesen, Teiche und Wälder, in denen Jack steht, denkt niemand an rund 450.000 Tote. Doch wie so oft liegt unter der Oberfläche etwas verborgen. Und wie so oft will das Verborgene nicht ruhen. Jack, erzählt Walid Raad vor dem Bild des Amerikaners in einem Wald in Flandern, ist vor den eigenen Geistern zu Hause geflohen, mitten hinein in die einstigen Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges.

    Walid Raad, einer der gefragtesten Künstler der Gegenwart, gastiert beim Steirischen Herbst mit einer Auftragsarbeit im Herzen des Festivals, im Palais Attems, und hebt an zu einer großen Erzählung: Kicking the Dead führt in den Nahen Osten, durch den Kunst- und Immobilienmarkt hindurch und dann zurück zu Jack.

    Raad, ein im Libanon geborener New Yorker, der unter anderem an der Cooper Union School of Art unterrichtet, hat in die über steile alte Steinstiegen erreichbaren Prunkräume des Palais Wunderkammern aus farbenprächtigen Tapeten gebaut. Sie dienen ihm als Bühnenbild einer als Vorlesung inszenierten Performance. Auf den Wänden hat er sorgfältig ausgeschnittene Schwarz-Weiß-Bilder von Köpfen und Architekturen angebracht.

    Wer sich das Ganze allein als Ausstellung ansieht, hat auch viel zu entdecken, es lohnt sich aber unbedingt, an einem "Walk Through" mit dem Künstler teilzunehmen. Eingebettet in Spukgeschichten liefert Raad hunderte Fakten: etwa darüber, wie seine Hochschule, eine der Einzigen in den USA, wo das Studium gratis angeboten wurde, durch Finanzspekulationen hochverschuldet wurde; und wie die Studierenden angesichts drohender horrender Studiengebühren monatelang das Büro des Rektors besetzt hielten. Vom Hauptsitz dieser Hochschule ausgehend, erklärt Raad, wie einige wenige Versicherungskonzerne und Immobilienhaie nicht nur New York fest im Griff haben.

    Auch der US-Präsident und sein Schwiegersohn sind Köpfe in diesem Netzwerk der lebenden und toten Geister. Es reicht weit in den Nahen Osten hinein, etwa nach Abu Dhabi, wo im November der von Jean Nouvel errichtete Ableger des Louvre eröffnet wird. Raad flicht Fiktion und Fakten zu einem wunderschönen Korb – ähnlich jenem, den die Kuppel dieses neuen Museums darstellt. Er behauptet, dass die vom Pariser Louvre nach Abu Dhabi verschickten Kunstwerke in den Transportkisten heimlich ihre Häute getauscht hätten, und er erzählt von Urinanalysen der ausgebeuteten Arbeiter auf der Baustelle des Museums, die in brütender Hitze schwitzen.

    Atemberaubender Bogen

    Raad spricht energisch, obwohl er anfangs anmerkt, er sei nervös und trage seine Kappe zum Zwecke der Konzentration. Dem brillanten Erzähler will man das kaum glauben, auch hier fallen wohl eine fiktive und eine reale Person zusammen. Der Bogen zu Jack und seinen Untoten wird schließlich, atemberaubend elegant, über die Kunsteinkäuferin eines Scheichs und die Kunstsammlung von Erich Maria Remarque und Paulette Goddard gespannt. Die Bilder dieser Sammlung, u. a. von Picasso, van Gogh, Degas, sollen nämlich verstorben sein und als Untote immer wieder aus ihren Transportkisten geflohen sein.

    Ein tröstlicher Gedanke: Kunst flieht und macht sich selbstständig, bevor sie zum reinen Spekulationsobjekt wird, weil das Öl der Welt zur Neige gegangen ist. (Colette M. Schmidt, 26.9.2017)

    Nächster Rundgang 28.9.

    • Teppiche mit Köpfen: Walid Raad knüpft sie zu Erzählungen.
      foto: wolf siveri

      Teppiche mit Köpfen: Walid Raad knüpft sie zu Erzählungen.


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