Vienna Design Week: Neun Insider über das Festival

    Ansichtssache28. September 2017, 08:00
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    Die elfte Auflage der Vienna Design Week (29. September bis 8. Oktober) steht vor der Tür. Zeit für eine Bestandsaufnahme. Was funktioniert? Was könnte man besser machen?


    foto: neukurs

    Thomas Feichtner

    ist Designer und gestaltete unter anderem für Laufen, Augarten und die Neue Wiener Werkstätte.

    "In den Nullerjahren gab es einen regelrechten Boom an Design Weeks, und es ist toll, dass sich das Festival in Wien international etablieren konnte. Ich stehe der Design Week sehr positiv gegenüber und glaube, dass es für Wien sehr wichtig ist, sich auch von dieser Seite zu zeigen. Viele Menschen, die in Wien leben, kommen viel zu selten aus ihrem Bezirk heraus, und die Design Week ist mit ihren jährlich wechselnden Fokus-Bezirken und Locations eine wunderbare Gelegenheit, die Stadt besser kennenzulernen. Das wird jedes Jahr zu einer wahren Entdeckungsreise.

    Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wäre dies, dass man stärker auf Talks setzt, mehr Leute aus der ganzen Welt nach Wien holt und dem ganzen vermehrt einen fachspezifischen Konferenzcharakter verleiht. Wie soll ich sagen? Mein Wunsch-Motto würde lauten: 'Eine Design Week von Designern für Designer.' Aber das liegt wohl in der Natur der Sache, schließlich bin ich Designer."

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    foto: artek

    Bettina Steidl

    ist Leiterin des Designforums Wien im Museumsquartier.

    "Wir, die wir im kreativen Bereich arbeiten, haben das Festival fix in unseren Kalendern eingetragen und freuen uns darauf. Allerdings sollten sich auch alle anderen die Design Week nicht entgehen lassen. Sie ist kostenfrei – es gibt also kein Argument daheimzubleiben. Sowohl in meiner beruflichen Funktion als auch als Privatperson mag ich den Festivalcharakter der Design Week. Und ich schätze das Prozesshafte.

    Im Gegensatz zu Designmessen oder herkömmlichen Ausstellungen wird der Fokus auf Entwicklungen und das Werden von Designprozessen gelegt. Das Spannende liegt nicht im ausschließlichen Präsentieren fertiger und umgesetzter Produkte, sondern im Experimentieren mit Orten, Materialien und Strategien. Ich kenne die Besucherstruktur nicht genau, aber wenn ich mir von der Design Week doch etwas wünschen könnte, wäre es, dass sich auch Zielgruppen, die nicht im Design oder der Kreativwirtschaft tätig sind, mehr angesprochen fühlten."

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    foto: udo titz

    Philipp Bruni

    ist Designer in Wien. Zu seinen Kunden zählen Römerquelle, Manner, Augarten und Do & Co.

    "Ich habe gar nicht mitbekommen, dass die Design Week schon wieder vor der Tür steht, habe mich aber auch in den vergangenen Jahren nicht wirklich mit ihr beschäftigt. Als Designer ist mir das Projekt leider zu regional orientiert, und somit macht es wirtschaftlich gesehen wenig Sinn, mich hier zu präsentieren. Der österreichische Markt ist viel zu winzig, um mit ihm allein das Auslangen zu finden.

    Um international als Designnation eine Rolle zu spielen oder überhaupt erst wahrgenommen zu werden, müsste es viel mehr heimische Unternehmen und Marken geben, die voll auf innovatives Design setzen. Natürlich halte ich das Festival aber grundsätzlich für eine gute Angelegenheit, um das dürftige Designbewusstsein weiter zu stärken. Dies könnte noch besser gelingen, wenn man sich an ein breiteres Publikum wenden würde und auch andere, breitenwirksamere Institutionen wie Messen und Museen stärker einbezöge."

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    foto: daniel gebhart de koekkoek

    Marianne Goebl

    ist Geschäftsführerin der Möbelmarke Artek. Sie war zuvor Direktorin der Messe Design Miami/Basel.

    "Der Vienna Design Week gelingt es, die Designszene mit einem interessierten, breiteren Publikum zusammenzubringen. Es ist nicht so introspektiv, wie es zum Beispiel Messen sind. Es gelingt, Design als kulturelle Disziplin stärker zu verankern. Da gibt es in Wien im Vergleich zur Kunst oder Architektur immer noch Nachholbedarf. Ich bin also ein bekennender Anhänger der Design Week in Wien.

    Da ich das ganze Jahr zwischen Basel, Berlin und Helsinki pendle, ist es für mich besonders schön, während der Design Week nach Wien zu kommen, da ich im Rahmen der Fokusbezirke dann auch noch ein Stück der Stadt kennenlerne, das mir vorher in der Regel fremd war. Heuer wird dies der 15. Bezirk sein. Und die ganze Designsippe kann ich auch auf einen Satz treffen. Und noch etwas: Die Verkupplung von Traditionsunternehmen mit jungen Designern aus aller Welt im Rahmen der Passionswege ist ein jährliches Highlight."

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    foto: dam/kirsten bucher

    mischer'traxler

    Die Designer Katharina Mischer und Thomas Traxler sind auch heuer wieder Teil der Vienna Design Week.

    "Die Design Week ist ein charmantes Festival, das weniger kommerziell ausgerichtet ist als viele andere. Ein Designfestival soll begreifbar machen, wie vielfältig Design ist. Es soll zum Verständnis beitragen, dass Design unseren Alltag besser macht, aber auch Fragen aufwerfen, wie man auf soziale Situationen reagieren kann, Plattformen bietet, unsere Zukunft beleuchtet usw.

    Wenn wir am Festival etwas verändern könnten, dann würden wir eine eigens kuratierte Themenausstellung planen. Außerdem stehen wir sehr auf Vorträge. Wir hören gerne anderen Designern zu, aber scheinbar hat sich das leider bei den anderen Besuchern nicht so durchgesetzt. Und noch was: Wir freuen uns, wenn man auch bei uns vorbeischaut – entweder im "AAA Space " der Galerie Mario Mauroner in der Weihburggasse 26 im 1. Bezirk oder in unserem Studio in der Sechshauser Straße 28 im 15. Bezirk."

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    foto: alice schnür-wala

    Martin Mostböck

    ist Architekt und Designer und wurde mit diversen Preisen ausgezeichnet.

    "Die Design Week ist ein jährliches Highlight für die Designszene, ein Fixpunkt der Impulse setzt, zum Beispiel in Form der zu entdeckenden Locations oder des jährlich wechselnden Gastlandes. Letztes Jahr war das Tschechien, heuer wird es Rumänien sein. Im Ernst, wer kennt sich schon in Sachen rumänisches Design aus? Ich bin jedenfalls schon sehr neugierig.

    Für die teilnehmenden Designer bringt so ein Festival viel Feedback, vielleicht auch Kontakt zum einen oder anderen Unternehmen. Der Designer Rainer Mutsch zum Beispiel stellte vor zwei Jahren im Wiener Rado Store in der Kärntner Straße aus, jetzt präsentiert er eine Uhr für das Unternehmen. Obwohl immer wieder gute Leute von weiter her zur Design Week kommen, ich denke zum Beispiel an Mark Braun oder Jólan van der Wielt, würde ich mir noch mehr Internationalität wünschen, was Personen, aber auch was Themen betrifft. "

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    foto: alice schnür-wala

    Sofia Podreka und Katrin Radanisch

    gründeten das Designbüro Dottings und das Social Business Goodgoods.

    "Durch die Design Week ist das Thema Design hierzulande viel sichtbarer geworden. Auch wir nutzen diese Plattform jedes Jahr, so bleiben wir im Austausch. Wir erinnern uns besonders gern an unseren Beitrag bei den Passionswegen im allerersten Jahr im Hotel König von Ungarn. Das Medienecho war verblüffend, unsere Leuchten von damals wurden sogar bei Ligne Roset ins Programm genommen. Das war eine große Starthilfe für unser Büro.

    Aber überhaupt hat die Design Week der heimischen Szene viel internationale Aufmerksamkeit und Austausch gebracht. Andererseits ermutigt sie auch Unternehmen, sich mit Design auseinanderzusetzen. Man kann gar nicht genug zeigen, wie wichtig Design für die Wirtschaft und Industrieunternehmen ist. Übrigens: Einen Ort, den wir jedes Jahr besonders empfehlen, ist die Festivalzentrale. Dort geht es immer besonders komprimiert zu, und wir sind dort heuer mit unserem Social-Business-Programm Goodgoods vertreten."

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    foto: philipp podesser

    Oliver Elser

    ist Kurator des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt.

    "Mir haben sich vor allem die ungewöhnlichen Orte eingeprägt, die von der Design Week in der ganzen Stadt bespielt wurden: zum Beispiel die Anker-Brotfabrik oder das Palais Schwarzenberg mit den Räumen des Architekten Hermann Czech – eine echte Wiederentdeckung! Oder das irre Haus aus dem vergangenen Jahr, ich meine die ehemaligen Ausstellungshallen von Bothe & Ehrmann im fünften Bezirk.

    Alle, die an der Design Week teilhaben, können sich während dieser Tage über einen kreativen Ausnahmezustand freuen. Besucher, aber auch Anwohner lernen die Stadt neu kennen. Mein größter Wunsch für ein solches Festival ist, dass es nie seinen experimentellen Charakter verliert. Und noch ein Wunsch an die Sponsoren: Noch besser wird die ganze Sache natürlich mit mehr von eurem schönen Geld! Kurz: Ich bin seit Jahren ein großer Fan dieses Projekts und immer wieder gerne dabei."

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    foto: philipp podesser

    Eberhard Schrempf

    ist Geschäftsführer der Creative Industries Styria (CIS), die unter anderem den Grazer Designmonat veranstaltet.

    "Ich halte es im Prinzip für eine Pflicht, dass eine Stadt wie Wien eine Design Week hat – vor allem vor dem Hintergrund, die kulturelle Identität eines Landes weiterzuentwickeln, in dem sich seit dem Jugendstil in Sachen Design nichts wirklich Weltbewegendes mehr getan hat, von ein paar Ausnahmen abgesehen. Persönlich gefallen mir in Wien die Passionswege jedes Jahr ganz besonders, eine großartige Idee.

    Ein Kritikpunkt, der auch andere Design Weeks in der ganzen Welt betrifft, ist die ungeheure Komprimiertheit des Programms, das in der kurzen Zeit einfach nicht bewältigbar ist. Aber das gilt sogar für unseren Designmonat in Graz. Selbst dieser ist manchen zu dicht. Wenn ich an der Design Week in Wien etwas ändern könnte, dann wäre dies weniger Design für Designer und mehr Business für Designer – im Sinn von Vermittlung und Umschlagplatz für Unternehmen, Designer und Publikum. Ich denke, für eine Design Week macht es keinen Sinn, wenn man in der eigenen Suppe vor sich hinköchelt."

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    foto: © katharina gossow

    Lilli Hollein & Julia Hürner

    Zehn Tage im Zeichen des Designs: Mehr als 190 Veranstaltungen in der ganzen Stadt

    Wie in den vergangenen Jahren wartet auch die elfte Auflage der Vienna Design Week mit einem beeindruckenden Programm auf, das es (am besten über viennadesignweek.at) zu studieren gilt, bevor man sich ins Getümmel stürzt.

    Die Festivalzentrale des österreichweit wichtigsten Design-Events teilt sich heuer auf, nämlich auf die Zentrale Nord im "Blauen Haus" (Europaplatz 1) und die Zentrale Süd am Sparkassaplatz 4, beide im 15. Bezirk, dem diesjährigen Fokusbezirk der Design Week.

    In der Zentrale Nord gibt es einen Infopoint, der als Anlaufstelle für die Besucher dient. Talks, Panels und Lectures finden in der Zentrale Süd statt. Als Gastland wurde für diese Ausgabe Rumänien auserkoren, und natürlich wird es neben unzähligen anderen Events auch wieder die besonders beliebten Passionswege geben. (Michael Hausenblas, RONDO, 28.9.2017)

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