Rundschau: Es war einmal der Mensch

    Ansichtssache4. November 2017, 10:00
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    Neue Perspektiven auf "Star Wars" und Romane von Pierre Bordage, John Scalzi, David Marusek, Andreas Brandhorst und Roger Zelazny

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    foto: septime

    Jürgen Bauer: "Ein guter Mensch"

    Gebundene Ausgabe, 224 Seiten, € 22,00, Septime 2017

    Mitteleuropa als neue Sahel-Zone: Wassermangel und sengende Hitze, Ernteausfälle, stillgelegte Fabriken, leerstehende Häuser und Flucht Richtung Norden, ein ausgedörrtes Land voller ausgedörrter Menschen. Dieses düstere Szenario zeichnet der österreichische Autor Jürgen Bauer in seinem jüngsten Roman "Ein guter Mensch", mit dem er aus der Mainstreamliteratur in die Randbereiche der Phantastik einsickert.

    Als Schauplatz dürfen wir eine Kleinstadt in Österreich annehmen – nicht nur wegen der Herkunft des Autors, sondern auch, weil die Frau der Hauptfigur über die Grenze gereist ist und man aus einer ihrer Nachrichten schließen kann, dass dort Ungarisch gesprochen wird. Namen fallen freilich keine, konkrete Verortungen unterlässt Bauer absichtlich ... wie man es von MainstreamautorInnen, die mit ein bisschen SF liebäugeln, ja geradezu gewohnt ist.

    Der gute Mensch

    "In Zeiten wie unseren hast du drei Möglichkeiten. Du kannst schreien, abhauen oder in die Hände spucken und mitanpacken." Hauptfigur Marko Draxler hat sich fürs Mitanpacken entschieden. Unerschütterlich fährt er mit einem Tanklastwagen Wasserrationen aus und lässt sich nicht einmal davon aus dem Konzept bringen, wenn sich eine Frau vor seinem Lkw die Arme aufschneidet, um sich etwas Trinkwasser zu erpressen. Die Dinge müssen schließlich in geordneten Bahnen ablaufen, sonst bricht alles zusammen. ("Wir helfen, so gut wir können. So gut wir dürfen. [...] Ich bin doch trotzdem ein guter Mensch?")

    Beifahrer Gabriel Berger bildet den volatilen Gegenpol zu Marko – und ist zugleich ein weiteres Beispiel für all die Pflichten, die sich Marko auferlegt hat. Er kümmert sich um Berger, den er einst gerettet hat, ebenso wie um seinen kranken und verbitterten Bruder Norbert und dessen Hof; die Eltern haben ihre beiden Söhne schon vor langer Zeit im Stich gelassen und sind in angenehmere Gefilde abgedampft. Und an erster Stelle steht natürlich die überlebenswichtige Wasserverteilung.

    In seiner beharrlichen Pflichterfüllung erinnert Marko ein wenig an Henry Palace in Ben Winters' "Der letzte Polizist". Während man Henry jedoch tatsächlich zutraute, bis zum letzten Moment der Welt seine Aufgabe zu erfüllen, wirkt Markos Bemühen, den Anschein der Normalität aufrechtzuerhalten, zunehmend verzweifelter. Je weiter der Roman voranschreitet, desto mehr fragt man sich, wann Marko zerbrechen wird – und ob es eine Implosion oder Explosion sein wird.

    Der Frosch im kochenden Wasser

    "Ein guter Mensch" fügt sich auf stille, aber eindringliche Weise ins Genre der weichen Apokalypsen (nach Will McIntoshs "Soft Apocalypse"): Studien eines langsamen Niedergangs, der so graduell abläuft, dass die Betroffenen zumeist nicht wissen, wann es Zeit für Konsequenzen ist. Bauer und McIntosh zitieren übrigens beide das Gleichnis vom Frosch, der nicht rechtzeitig aus dem Topf springt, wenn man das Wasser nur langsam genug erhitzt. Subtil geschildert werden auch die politischen Veränderungen, die sich aus den klimatischen ergeben. Betont unauffällig schiebt sich zwischen Radio-Verlautbarungen über Rationierungsmaßnahmen und schönfärberische Floskeln über die Kooperationsbereitschaft der Bevölkerung eine Meldung wie diese: "Die Frage nach den anstehenden Neuwahlen wolle man vorerst nicht stellen und erst zu einem späteren Zeitpunkt diskutieren."

    Die Resignation, die über dem Land liegt, spiegelt Bauer auch auf einer anderen Ebene wider. Die wichtigsten ProtagonistInnen, inzwischen in mittleren Jahren und mehr oder weniger verantwortungsvolle Posten bekleidend, kennen sich alle noch aus der Schule. Manchmal treffen sie sich noch wie früher zu einem gemeinsamen Besäufnis, denken an damals und betrachten dabei einen der alltäglich gewordenen Waldbrände: Sinnbild der Vergänglichkeit.

    Ob Klimawandel, Massenmigration, Ressourcenknappheit oder ungerechte Verteilung – "Ein guter Mensch" ist ein Roman über die Urangst unserer Generation, die sie von den beiden vorangegangenen unterscheidet: nämlich das Gefühl, dass es nicht mehr aufwärts, sondern abwärts geht.

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