Finanzjobs der Zukunft: In Österreich wird abgewartet

18. September 2017, 09:10
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In Österreich würden kommende Veränderungen im Finanzbereich unterschätzt, befürchten Experten. Sie fordern Taten ein

Neue Technologien, Geschäftsmodelle und damit natürlich auch neue Wettbewerber – das sind die Rahmenbedingungen, die aktuell im Finanzbereich weltweit für Erdbeben sorgen. Viele Unternehmen beschäftigen sich deswegen mit der Frage, wie diese neuen Bedingungen die Finanzfunktion verändern und was das für das Schicksal der Beschäftigten heißt.

Unverständliches Abwarten

"Wir sind uns einig, dass Bisheriges durch neue Dienstleistungen ersetzt wird", sagt dazu Agatha Kalandra, Partnerin und Head of Finance Effectiveness bei PwC Österreich. Den Experten sei es ein großes Anliegen, den Wandel voranzutreiben. Das Fazit bezüglich der Anstrengungen in Österreich fällt aber nüchtern bis negativ aus: "Die Unternehmen warten derzeit noch ab – warum, kann ich nicht nachvollziehen." Einige Vermutungen hat Kalandra allerdings: Vielleicht sei das Ausmaß nicht vorstellbar, das könne wiederum daran liegen, dass in den Entscheidungsposten meist keine Digital Natives sitzen.

Uber-Momente für die Branche

Tatsächlich wird der Finanzbereich in Prognosen zur Automatisierung immer als besonders betroffen genannt, weil die Branche eben auf der Verarbeitung von Informationen aufbaut. In der vielzitierten ersten Studie zur Automatisierung von Jobs kamen zwei Oxford-Wissenschafter für den Finanzbereich auf ein Risiko für 54 Prozent der heutigen Jobs. Und auch der ehemalige Chef von Barclays, Antony Jenkins, sprach in einer Rede davon, dass eine ganze Serie an "Uber-Momenten" die Finanzindustrie treffen würde. Jenkins sieht den Jobverlust bei etwa 50 Prozent, 20 Prozent würden es aber sicher sein.

Fintechs mischen mit

Die zweite Komponente der Veränderung sind die neuen Geschäftsmodelle. Laut "New York Times" hat sich das Investment in Start-ups, die den Finanzbereich innovativer machen wollen, sogenannte Fintechs, zwischen 2013 und 2014 auf 12,2 Milliarden US-Dollar verdreifacht. Einsatzbereiche sind vielfältig: von Tools zur Kreditvergabe, die auf viel mehr Daten und Informationen über Kreditnehmer zurückgreifen können als bei der klassischen Analyse, bis zu Robo-Beratern, die personalisierte Investmentportfolios erstellen und Aktienhändler oder Finanzberater ersetzen. Wall-Street-Firmen hätten bereits mehrere Milliarden Dollar an innovative Konkurrenz verloren. Manche investieren als Reaktion großzügig in die neuen Fintechs und schauen sich Fortschritte ab.

Welche Jobs betroffen sind

Während in der Finanzmetropole der Vereinigten Staaten Berichten zufolge bereits Topanalysten von Goldman Sachs und Co durch neue Softwarelösungen bedroht sind, werde es in Österreich in den nächsten drei bis fünf Jahren zunächst noch um einfachere Jobs gehen, sagt Kalandra. "Betroffen ist natürlich die Buchhaltung, aber etwa auch das Thema Payroll – also der Personalbereich." Halt gebe es jedenfalls keinen, "denn die Umstellungen bedeuten für die Unternehmen ja auch Kostenvorteile", sagt die Expertin. Sie appelliere deswegen dringend, sich als Betrieb früh – und damit meint sie jetzt – mit den notwendigen Veränderungen zu befassen.

Das Stichwort laute dabei: Reorganisation. "Die betroffenen Mitarbeiter verfügen über eine Menge an wertvollem Know-how und Erfahrung. Sie werden weiterhin gebraucht", sagt Kalandra. Unternehmen müssten deswegen dringend wegkommen von einem weitverbreiteten Silodenken und in Umschulungen und Weiterbildungen investieren. Außerdem müsse sichergestellt werden, dass Beschäftigte nicht das Gefühl bekommen, ihr Job sei bald nichts mehr wert.

Was geschehen muss

Ob Realtime-Reporting oder Implementierungen mit Robotern – mehrere europäische Länder seien Österreich hier viel voraus. "Es heißt nicht umsonst, dass wir hinter Deutschland zurückliegen", sagt Kalandra. Vor wenigen Wochen habe sie auf einer Veranstaltung mit vielen Finanzverantwortlichen in die Runde gefragt, wer Veränderungen erkennt und der Meinung ist, dass massiv in Technologien investiert werden muss. "Von 20 Leuten haben vielleicht drei aufgezeigt. Das ist erschreckend."

Auf der Mikroebene heiße es jetzt für Unternehmen, Verantwortliche zu ernennen. Als Voraussetzung für alles Weitere müssten außerdem Daten harmonisiert werden, sagt Kalandra.

Welche Fragen aufkommen

Auf der Makroebene tauchen naturgemäß größere Fragen auf: Wie mit der neuen Denke, mit dem größeren Wettbewerb umgehen? Aber auch: Welche Chancen ergeben sich aus den angekündigten Veränderungen – nicht nur für die Unternehmen? In den USA hätten die Fintechs jedenfalls für mehr Auswahl gesorgt, damit die Gebühren für Verbraucher gedrückt und stellenweise auch mehr für Transparenz gesorgt, heißt es in der "New York Times". (Lara Hagen, 18.9.2017)

  • Ist das die Buchhalterin der Zukunft? Heimische Betriebe sollten sich jedenfalls Konzepte überlegen, sagen Experten.
    foto: istock

    Ist das die Buchhalterin der Zukunft? Heimische Betriebe sollten sich jedenfalls Konzepte überlegen, sagen Experten.

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