Das IOC zwischen Wunsch und Wirklichkeit

    14. September 2017, 18:34
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    Die Freude von Paris und Los Angeles über die längst fixierte Vergabe der Spiele 2024 und 2028 kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Chefolympier Thomas Bach bis dato nicht gelang, Krisen zu meistern

    Lima – Thomas Bach lächelte auffällig lange, als sich die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo und ihr Amtskollege Eric Garcetti aus Los Angeles in den Armen lagen. Die umjubelte Doppelvergabe der Sommerspiele 2024 und 2028 in Lima kann der IOC-Präsident als Erfolg verbuchen. Ansonsten überwiegen zur Halbzeit seiner Agenda 2020 die Sorgen.

    Die 2014 auf der IOC-Session in Monaco begeistert durchgewinkte Reform brachte Olympia bislang keinen Gewinn an Glaubwürdigkeit. Im Gegenteil. Anhaltende Skandale erschüttern das IOC, die Zahl der Olympiabewerber ist dramatisch gesunken. Für 2024 gab es bloß zwei Kandidaten. Der erhoffte Imagegewinn gelang Bach noch nicht, dennoch widmete er auf der 131. IOC-Session in Lima am Donnerstag seiner Agenda einen halben Tag.

    Nachhaltigkeit und Glaubwürdigkeit, das waren die beiden Waffen der Reform, mit denen der einstige Fechter zu Felde zog. Wie schlecht es jedoch um die Nachhaltigkeit bestellt ist, bekommt der letzte Gastgeber Rio gerade zu spüren. Die Sportstätten von Barra und Deodoro dümpeln vor sich hin. Rio, ausgelaugt von der Wirtschaftskrise, aber auch vom teuren olympischen Spektakel, hat kein Geld für die Nachnutzung und bettelte das IOC jüngst um 30 Millionen Euro an.

    Die Glaubwürdigkeit des Ringe-ordens wurde zudem durch die jüngsten Skandale weiter beschädigt. Spitzenfunktionär Patrick Hickey trat ob einer angeblichen Verwicklung in den Rio-Ticketskandal aus der Exekutive zurück. Rios OK-Chef, IOC-Ehrenmitglied Carlos Arthur Nuzman, soll seine Finger beim Stimmenkauf vor der Vergabe der Spiele 2009 im Spiel gehabt haben.

    Und dann die hohen Kosten. Noch immer ist Olympia extrem teuer, auch wenn Bach Kostensenkungen für das Bewerbungsverfahren durchsetzte. Und die letzten Ausrichter dienen künftigen Gastgebern, bei denen alles besser werden soll, als abschreckendes Beispiel. Rios Gesamtkosten werden mittlerweile auf 11,4 Milliarden Euro geschätzt.

    Putins Sotschi 2014 mit seinen 50 Milliarden Dollar gilt nach wie vor als Sinnbild des olympischen Gigantismus. Schon jetzt ist klar, dass die Kosten von Tokio 2020 aus dem Ruder laufen.

    "Das ist Frankreich"

    Paris hat nun einen Etat von 6,6 Milliarden Euro aufgestellt, Los Angeles kommt mit 4,8 Millionen Euro aus. In Paris setzt man darauf, dass dank Olympia ein Ruck durchs Land geht. "Das ist ein Sieg für uns, für unsere Jugend, für unser Selbstvertrauen", sagte Hidalgo. Und Staatspräsident Emmanuel Macron schwärmte: "Dieser Sieg, das ist Frankreich!" Und Bach? Der ranghöchste Sportfunktionär hat die Probleme der olympischen Bewegung erkannt und benannt, doch sein Durchgreifen geht nicht weit genug. Der Betrachter hat nie das Gefühl, dass sich wirklich etwas tut.

    So auch bei der bislang größten Affäre während seiner Amtszeit um das staatlich gelenkte Dopingsystem in Russland. Das Riesenreich hatte das IOC mit seinen Dopingpraktiken bei den Winterspielen in Sotschi lächerlich gemacht. Doch statt mit einem Ausschluss der russischen Mannschaft von Rio oder mindestens einem Verbot von Flagge und Hymne ein deutliches Zeichen zu setzen, ließ das IOC viele Russen starten – natürlich in Landesfarben.

    Erstaunlich ist, welch hohen Stellenwert die Agenda 2020 in der Kommunikation des IOC hat. Dass die Reformen aber meistens nicht weit genug gehen und sich im Kern wenig geändert hat, ist bislang die eigentliche Wahrheit der Agenda 2020. (sid, red, 14.9.2017)

    • IOC-Präsident Thomas Bach zeigt, was Sache ist, die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo und Amtskollege Eric Garcetti zeigen sich erfreut.
      foto: apa/afp/fabrice coffrini

      IOC-Präsident Thomas Bach zeigt, was Sache ist, die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo und Amtskollege Eric Garcetti zeigen sich erfreut.

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