Pro & Kontra: Das Sommerende betrauern

    21. September 2017, 10:35
    18 Postings

    Da ist jetzt nichts mehr zu machen oder der nächste Sommer kommt bestimmt

    foto: apa/afp/marin

    Pro
    von Siegfried Lützow

    Wird Rainer Maria Rilke bemüht, kann man fast nur mit Haider kontern.

    Jörg Haider nämlich, der einst in einem, no na, vom Land Kärnten großzügig finanzierten Musikvideo – höchst einfühlsam vom Männerdoppelsextett Klagenfurt untermalt – sein Lieblingslied "Pfiat Gott, liabe Alm" interpretierte.

    Wer jetzt die ausgiebig genossenen Freuden des Sommers verdrängend nur immer neuen Zerstreuungen entgegengiert – Sturm, Maroni, Gansl, Karpfen gebacken, Walzertanz, Marzipanschweinderl, Pummerin, Feuerwerk und ein g'führiger Schnee –, soll ruhig einmal innehalten, dem einstigen Freund und Förderer des Kärntnerlieds lauschen und sich in Trauer suhlen.

    In Trauer über die wertvollen Stunden, die an Stränden, auf Shoppingmeilen und Touristenkaschemmen vertändelt wurden.

    In Trauer über den deplorablen Zustand des für die sommerlichen Zerstreuungen rücksichtslos geplünderten Kontos, in Trauer über geschädigte Haut- und Leberpartien.

    Weil, da ist jetzt nichts mehr zu machen! "Pfiat Gott tausendmal, da Summa ist uma, muaß wieda ins Tal."

    Kontra
    von Gianluca Wallisch

    Wenn der Herbstblues Sie mit festem Griffe packt, dann lassen Sie alles liegen und stehen! Subito! Begeben Sie sich unverzüglich zu Kilometer 135,65 auf der Strada Statale 14. Dort, kurz vor Triest, folgen Sie dem schmalen Fußweg über die Klippen, der in der Abendsonne hoch über dem dunkelblauen Meer nach Westen zum Schloss von Duino führt.

    Sollten Sie eine taugliche Lehrkraft genossen haben, rezitieren Sie jetzt auswendig Rainer Maria Rilke:

    "Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß / Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren / und auf den Fluren lass die Winde los. / Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein; / gib ihnen noch zwei südlichere Tage, / dränge sie zur Vollendung hin, und jage / die letzte Süße in den schweren Wein."

    Bei diesem Stichwort sollten Sie eine Lösung für die Trauer um den vergangenen Sommer haben. Machen Sie kehrt, zuckeln Sie eine halbe Stunde hinauf in den Collio, und fragen Sie nach dem wunderbaren vino novello dort. Trinken Sie!

    Wenn das immer noch nicht funktioniert, erhöhen Sie vorsichtig die Dosis. Der nächste Sommer kommt bestimmt. (RONDO, 15.9.2017)

    Share if you care.