Das Dilemma des H.-C. Strache

Kommentar7. September 2017, 18:12
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Viele FPÖ-Wähler wollen Protest gegen das System, nicht Teilhabe daran

In einer so komfortablen Position waren die Freiheitlichen seit Jahrzehnten nicht mehr: SPÖ und ÖVP können offensichtlich wirklich nicht mehr miteinander – und die kleineren Oppositionsparteien sind zu schwach, um der einen oder anderen bisherigen Regierungspartei als Mehrheitsbeschaffer zur Seite stehen zu können.

Gelassen kann sich Heinz-Christian Strache nun in die diversen Diskussionen mit den übrigen Parteichefs setzen – nie war er persönlich einer Regierungsbeteiligung so nahe wie derzeit. Er versucht das auch durch sein Auftreten zu vermitteln: gelegentlich mit Lesebrille, bei anderen Gelegenheiten mit wohlgesetzter Argumentation, die nahelegt, dass er die Lesebrille tatsächlich auch zum Lesen komplexerer Unterlagen verwendet hat.

Seht her: Hier spricht der künftige Vizekanzler! Seht her: Hier ist einer, der seinen Mitbewerbern politische Bedingungen stellen kann! Seht her: Dieser Mann ist nicht nur ein Haudrauf – der gelernte Zahntechniker kann auch mit feinem Humor dem Bundeskanzler vorwerfen, dass dieser nicht Ökonomie, sondern Marketing studiert hat. Vielleicht, so die Botschaft an Wähler aus den arrivierten Schichten links und rechts der Mitte, vielleicht ist dieser H.-C. Strache ja doch zum Staatsmann gereift.

Derweil zieht Norbert Hofer, der diese Verpuppung schon im Vorjahr hinter sich gebracht hat, durch die nationalkonservativen Salons und erzählt darüber – etwa am Donnerstagabend beim erzkatholischen Zirkel Pro Occidente -, "was wir tun werden, wenn wir Verantwortung für Österreich übernehmen".

Das also ist die komfortable Position, die die Freiheitliche Partei derzeit einnehmen kann.

Die weniger komfortable sieht so aus: In zwölf Jahren seiner FPÖ-Obmannschaft hat Strache als Oppositionsführer die Republik und ihr Führungspersonal bei seinen Anhängern madig gemacht. Auch wenn ihm das potenzielle Koalitionspartner nachsehen sollten – potenzielle Wähler sehen es ihm möglicherweise nicht nach, dass er ausgerechnet jetzt, wo die Macht so nahe ist, so sanft daherkommt. Denn: Viele Anhänger der FPÖ sind ja erst anhand der Propaganda von Strache & Co auf die Idee gekommen, dass es sich bei der Republik Österreich um ein heruntergewirtschaftetes Land handle, in dem die kleinen Leute ungerecht behandelt, ein undurchsichtiges Establishment bevorzugt und allerlei Ausländer auf Staatskosten verhätschelt würden.

Das hat der FPÖ über Jahre Zulauf gebracht. Das hat der FPÖ Umfragewerte gebracht, an denen sie eher als an den 20,5 Prozent der Wahl 2013 gemessen werden wird: Zeitweise konnte sie ja mit 30 und mehr Prozent Wählerzustimmung rechnen.

Aber damit ist es vorbei.

Vorbei auch die Duellsituation, in der sich Strache am Regierungschef reiben konnte. Jetzt liegt in den Umfragen der ÖVP-Chef vorne – und der ist viel zu schlau, um sich auf ein Duell am rechten Rand einzulassen. Dazu kommt: ÖVP-Chef Sebastian Kurz ist es gelungen, den Österreicherinnen und Österreichern zu vermitteln, dass es bei der Wahl am 15. Oktober um die Kanzlerschaft ginge (wobei ihm Kanzler Christian Kern nicht widerspricht).

Vielen FPÖ-Wählern geht es aber nicht um die Kanzlerschaft – in Umfragen nennen sie nicht einmal Strache als ihren bevorzugten Kanzlerkandidaten –, sondern um Protest gegen das System. Und genau den kann Strache derzeit nicht bieten. (Conrad Seidl, 7.9.2017)

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