"Grundeinkommen ist eine Investition in die Zukunft"

Interview3. September 2017, 09:00
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Das bedingungslose Grundeinkommen wird immer populärer. Ökonom Philip Kovce erklärt, warum es ein Gewinn für die Gesellschaft wäre

STANDARD: Herr Kovce, Sie sind ein vehementer Verfechter des Grundeinkommens. Arbeiten Sie heute, oder haben Sie frei?

Philip Kovce: Ich bin nicht unfrei, wenn ich arbeite. Mit dem Begriff Freizeit kann ich also nicht viel anfangen. Die Trennung von Arbeit und Freizeit entstammt dem frühen Industriekapitalismus und ist inzwischen längst überholt. Wer Arbeitszeit als freie Zeit begreift, strebt nicht mehr danach, seine Lebenszeit in Arbeitszeit und Freizeit aufzuspalten.

STANDARD: Für die meisten geht sich das Konzept finanziell wohl nicht aus.

Kovce: Welch ein Irrtum! Ich bin nicht unproduktiv, wenn ich freiwillig tätig bin. Im Gegenteil: Freiwilligkeit ist die beste Voraussetzung für gute Leistung. Ich kann die Bedürfnisse anderer umso besser wahrnehmen, je freier mein Blick ist. Wer hingegen finanziell gezwungen ist, einer Erwerbsarbeit nachzugehen, der gefährdet sich selbst und andere. Er leistet während der Arbeitszeit Dienst nach Vorschrift und agiert hinterher als unglücklicher Komakäufer auf Schnäppchenjagd nach Ersatzbefriedigung.

STANDARD: Menschen, die kreative Arbeit machen, sehen das vielleicht anders als eine Reinigungskraft.

Kovce: Das Problem ist doch: Jeder noch so unkreative Belanglosigkeitskünstler schaut heute auf all die weltbewegenden Pflege- und Reinigungskräfte herab, denen er fehlende Freiwilligkeit unterstellt und die er schon allein deshalb kaum wertschätzt. Dieser Anmaßung liegt weniger ein ökonomisches als vielmehr ein kulturelles Problem zugrunde. Wertschöpfung und Wertschätzung sind zunächst keine ökonomischen, sondern kulturelle Fragen.

STANDARD: Demnach ist uns die Pflege von Angehörigen wenig wert, die Vermehrung von Geld sehr viel. Wobei Letzteres Algorithmen nicht schlechter machen als Menschen. Worauf sollten wir uns einstellen?

Kovce: Digitalisierung ersetzt Menschen als Rechenmaschinen, nicht als Menschen. Alle monotonen, berechenbaren Tätigkeiten lassen sich früher oder später automatisieren. Aufmerksamkeit, Fantasie und Zuneigung lassen sich allerdings nicht automatisieren.

STANDARD: Anfangs überwogen in der Debatte jene, die einen Jobkahlschlag prognostizierten. Jetzt liegt der Schwerpunkt auf den vielen potenziell neu entstehenden Jobs. Kommt damit der Grundeinkommensidee ihre Basis abhanden?

Kovce: Es geht ja beim Grundeinkommen ganz grundsätzlich um die Zukunft der Arbeit. Und dafür gilt: Maschinen werden alle Tätigkeiten übernehmen, die sich mit Zählen, Messen, Wiegen befassen. Von Menschen werden ausschließlich unberechenbare Leistungen gefordert sein. Das sind genau jene Tätigkeiten, die sich nicht standardisieren und auch nicht durch klassischen Leistungslohn vergüten lassen. Sie sind unbezahlbar und auf die Freiwilligkeit angewiesen, welche das Grundeinkommen ermöglicht.

STANDARD: Sie verfassen Manifeste, denken an Volksabstimmungen. Warum? Sie könnten sich damit bescheiden, dass als Unternehmer jeder intrinsisch motiviert arbeiten kann, wenn er will.

Kovce: Was brauchen Unternehmer? Intrinsisch motivierte Mitarbeiter. Die müssen erst einmal gefunden werden angesichts all der äußeren Zwänge, einer Erwerbsarbeit nachgehen zu müssen. Das Grundeinkommen fördert den Unternehmergeist jedes Einzelnen – sodass wir besser für andere und besser zusammenarbeiten können. Deshalb befürworten viele Unternehmer die Idee.

STANDARD: Besonders Vertreter der Technologie-Elite aus dem Silicon Valley. Weil sie um Kundschaft und Geschäftsmodelle fürchten, wenn mehr Menschen prekäre Jobs haben, sagen Kritiker.

Kovce: Auch Pragmatiker haben das Recht, gute Ideen zu befürworten. Allerdings ist der Silicon-Valley-Diskurs in Sachen Grundeinkommen nicht besonders ergiebig. Dort geht es vor allem darum, Menschen als Konsumäffchen mit einer Konsumpauschale auszustatten, damit sie sich das nächste Smartphone leisten können. Während es dem Silicon Valley um Kundenbindung geht, geht es beim Grundeinkommen um ein neues Grundrecht, das den Einzelnen aus Zwängen befreit und die Gesellschaft weiter voranbringt.

STANDARD: Experimente mit Grundeinkommen hatten keine langfristigen Auswirkungen. Ist es doch ein schöner Papiertiger?

Kovce: Daraus lassen sich keine Rückschlüsse auf die Wirkungen eines Grundeinkommens ziehen.

STANDARD: Warum?

Kovce: Weil sich das Grundeinkommen ebenso wenig testen lässt wie sich Demokratie, Menschenrechte oder Rechtsstaat testen lassen. Das Grundeinkommen erhalten alle Mitglieder eines Gemeinwesens lebenslang. Viel interessanter als wissenschaftliche Experimente sind eigene Erfahrungen: Wie wirken Bedingungslosigkeit und Zwang? Welche Leistungen bedürfen äußerer Anreize, welche entstehen freiwillig? Die Antworten darauf sind im Alltag zu suchen, nicht in weltfremden Modellversuchen.

STANDARD: Was die Finanzierbarkeit betrifft, gibt es unterschiedliche Szenarien. Laut den meisten Modellberechnungen wäre es teuer.

Kovce: Teuer ist es vor allem, die derzeitigen Sozialsysteme, die aus dem 19. Jahrhundert stammen und sich längst überlebt haben, weiter zu subventionieren. Das Grundeinkommen ist eine Investition in die Zukunft. Es kostet uns nicht Geld, sondern die Überwindung überkommener Vorstellungen. Wenn wir es wollen, wird es möglich sein. (Regina Bruckner, 3.9.2017)

foto: stephan münnich
Philip Kovce (30) ist Ökonom und Philosoph und forscht am Basler Philosophicum, am Wittener Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre und Philosophie und ist Mitglied des Thinktanks 30 des Club of Rome. 2006 gründete er in Berlin mit anderen die Bürgerinitiative bedingungsloses Grundeinkommen. Zudem gehört er dem Forschungsnetzwerk Neopolis an.
  • Im Juni 2016 stimmten 22 Prozent der Schweizer, im Bild eine Aktion der Befürworter im Vorfeld der Volksabstimmung, für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Die Initiatoren hatten nur mit 15 Prozent Zuspruch gerechnet.
    foto: apa/keystone/peter klaunzer

    Im Juni 2016 stimmten 22 Prozent der Schweizer, im Bild eine Aktion der Befürworter im Vorfeld der Volksabstimmung, für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Die Initiatoren hatten nur mit 15 Prozent Zuspruch gerechnet.

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