Pro & Kontra: Slim-Fit-Anzüge tragen

    Kolumne5. September 2017, 12:29
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    Slim-Fit als Messinstrument des modernen Stoffwechsels, jedoch ist die Bodymass-indexierte Mehrheit eine ganz andere

    foto: reuters/heinz-peter bader
    Prominente Slim-Fit-Träger: Außenminister Sebastian Kurz und Kanzler Christian Kern.

    Pro
    von Ronald Pohl

    In den Jahren, als Europas Punkjugend sich die Wangen durchstach, glänzten auch die Nieten an ihren Halsbändern fett: wie mit Schmalz eingerieben. Anzüge mit Revers, die so breit waren wie der Gaza-Streifen, trugen damals Sozialkundelehrer – oder Gewerkschafter der Chemie Linz AG.

    Ihre eindrucksvolle Wiederauferstehung feierte die Galapanier in den 1980er-Jahren. Als die Talking Heads ihren Slogan "Stop Making Sense" verbreiteten, trug ihr Chef David Byrne einen todschicken Anzug. Lässig war der Zweiteiler, dabei so weit geschnitten, dass alle Bandmitglieder (drei Buben, ein Mädchen) bequem in ihm Platz gefunden hätten.

    Heute könnte Christian Kern, wiewohl sprichwörtlich sozial gesonnen, keinem zusätzlichen Genossen in seinem Sakko Asyl gewähren. Slim-Fit-Anzüge sind insofern zum Messinstrument des modernen Stoffwechsels geworden. Sie gewähren hohen Tragekomfort unter maximaler Schonung vorhandener Textilressourcen. Nicht das Boot, die Panier ist voll. Und wer da meint, er müsse Brot in sich hineinstopfen: Sollen die Leute halt joggen gehen!

    Kontra
    von Andrea Schurian

    Keine Frage, slim-fitte Männlein wie Weiblein sind äußerst angenehm anzusehn und, je nach politischer Präferenz, im Herbst durchaus wählbar. Nur: Die Bodymass-indexierte Mehrheit ist eine ganz andere.

    Ich beispielsweise habe vor vielen Jahren einen gertenschlanken Jungkünstler mit fülligem Lockenhaar auserwählt. Mittlerweile trägt er Glatze – und die Fülle eher um die Leibesmitte. Und? "Ein Bauch ist schon mal eine Ansage": Sicher, Krefeld ist nicht so der Hotspot des Humors, aber wo der dort beheimatete Kabarettist Volker Diefes recht hat, hat er recht.

    Auch in der Kunst ist, scheint's, erfolgreicher, wer sein Werk im Slim-Outfit zu Markte trägt, denken Sie an Damien Hirst, Jeff Koons oder Erwin Wurm. Hermann Nitsch mit seinem imposanten Embonpoint ist die berühmte Ausnahme.

    Schlimm statt slim, zwischen "f" und "t" kein "i", sondern "et": Der Stoffverbrauch nähme an Umfang zu, was wiederum die Wirtschaft ankurbelte (und wenn es der gutgeht, ging's ja bekanntlich uns allen gut). Und der Anzug? Säße körper(fett)betont eng. Also eh slim. Irgendwie. (RONDO, 5.9.2017)

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