Kritik an Qualität auf Netflix: Statt Klasse regiert Masse

    27. August 2017, 16:16
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    Netflix trat mit dem Credo an, das TV zu revolutionieren. Mittlerweile fühlt sich der Dienst für Kritiker "wie schlechtes Fernsehen" an

    "Gypsy", "Glow", "Girlboss", "Ozark", "Paranoid", "The OA": Die Chancen stehen hoch, dass ein Großteil der Nutzer nicht auf Anhieb erklären könnte, worum es in diesen Serien geht. Sie haben zwei Dinge gemeinsam: Sie wurden auf Netflix veröffentlicht und von Kritikern als mittelmäßig bis richtig schlecht eingestuft. Gerade zu diesem Zeitpunkt, als immer mehr Anbieter auf den Streaming-Markt drängen (Stichwort Disney, das gerade eine Trennung von Netflix eingeleitet hat), kommt auf Netflix eine unangenehme Qualitätsdiskussion zu.

    "Altbacken"

    Angestoßen wurde die Debatte von der Washington Post, die Netflix attestiert, "eine Menge altbackener, denkfauler klassischer amerikanischer Fernsehsendungen" zu produzieren. Wie viele Netflix-Sendungen gibt es, bei denen nahezu jeder Anspielungen versteht? Neben "House of Cards", dessen aktuelle Staffel selbst schwächelt, sind da vielleicht noch "Orange is the New Black" und "Stranger Things" zu nennen – drei Sendungen, die Kultstatus haben. Dazu kommen natürlich eine Reihe sehr guter und populärer Serien, etwa "Making a Murderer" oder "Master of None".

    Keine Identität

    Aber dafür, dass Netflix allein heuer sechs Milliarden Dollar für Eigenproduktionen ausgibt, ist die Haben-Seite des Dienstes relativ mau. Netflix fehle zusätzlich so etwas wie eine "eigene Identität", argumentiert die Washington Post. Sendungen von AMC ("Walking Dead", "Breaking Bad", "Mad Men"), FX ("American Horror Story", "The Americans", "Fargo") oder natürlich HBO tragen alle zur Markenbildung ihrer Sender bei. Bei Netflix herrsche hingegen eine zu bunte Mischung an verschiedenen Sendungen.

    Mainstream

    Dabei war Netflix anfangs für seine mutigen Serien bekannt gewesen. Mittlerweile zeigt jedoch die Streaming-Konkurrenz vor, wie man qualitativ hochwertige Serien produziert – etwa Hulu mit "Handmaid's Tale", locker einer der drei besten Serien des Jahres. Netflix brachte hingegen gefühlt ein dutzend neuer Comic-Serien. Deals mit Shonda Rhimes ("Grey's Anatomy", "Scandal"), David Letterman und Adam Sandler lassen vermuten, dass sich der Service weiter in Richtung Mainstream bewegen wird.

    Ersatz der Fernsehsender

    Grundsätzlich zeigt Netflix' Strategie, dass der Anbieter tatsächlich zum Ersatz aller Fernsehsender werden will. Man möchte den Nutzern ein Vollprogramm bieten, sodass diese nie zu anderen Diensten wechseln. Dass in diesem Angebot nicht nur Perlen, sondern auch Durchschnittsware zu finden ist, scheint Netflix egal zu sein. Gleichzeitig führt das zu einer Angleichung mit klassischen Fernsehsendern, die ja auch alle Bedürfnisse der Seher abdecken möchten. Von einem Service, der rein auf ästhetisch hochwertige Inhalte setzt (etwa der Anspruch von HBO) dürfte sich Netflix damit aber verabschieden. (fsc, 27.8.2017)

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