Zahl der Leihräder in Wien steigt rasant: Ofo startet mit 200 Bikes

    25. August 2017, 15:13
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    Wird der Gratis-Testbetrieb angenommen, will die chinesische Firma in Wien expandieren – ab Sonntag sind damit insgesamt 2300 Leih-Bikes in der Stadt verfügbar

    Wien – Der Wiener Leihfahrradmarkt nimmt gehörig Fahrt auf: Erst im Frühjahr brachte die Firma Donkey Republic aus Dänemark mit ihrem lokalen Partner Pedal Power ihre Leihräder auf den Wiener Markt. Derzeit sind nach Eigenangaben 200 im Umlauf. Vergangene Woche folgte O-Bike aus Singapur mit rund 500 Rädern.

    Und am Sonntag startet mit Ofo der nächste asiatische Anbieter in Wien: Das Unternehmen aus Peking schickt vorerst 200 knallgelbe Drahtesel auf die Straße, hieß es bei der Präsentation am Freitag. Dazu kommen mit den Citybikes des stadtnahen Werbeunternehmens Gewista weitere rund 1400 Fahrräder. Insgesamt sind dann ab kommender Woche 2300 Leih-Bikes verfügbar.

    Milliardenschwere Unternehmen

    Die neuen Anbieter, die auf den Wiener Markt drängen, sind längst keine kleinen Start-ups mehr, sondern milliardenschwere Unternehmen. Ofo, vor drei Jahren als Projekt von Pekinger Studenten gegründet, ist mittlerweile nach Eigenangaben der weltweit größte stationsfreie Bike-Sharing-Anbieter. Stationsfrei bedeutet, dass die Räder an keine fixen Stationen angedockt werden müssen (wie bei den Citybikes), sondern überall dort abgestellt werden können, wo es gesetzlich erlaubt ist.

    Ofo hat dank Risikokapitalgebern rasant expandiert, derzeit sind acht Millionen Leih-Bikes unterwegs – vor allem in chinesischen Städten. Das Unternehmen wird aktuell auf drei Milliarden Dollar taxiert. Verfügbar sind die chinesischen Bikes mittlerweile auch schon in US-Städten wie San Francisco oder Seattle, zuletzt kam das britische Manchester dazu.

    Wien erste Stadt auf europäischem Festland

    Wien sei die erste Stadt auf dem europäischen Festland mit Ofo-Bikes, erzählt Fred Dong, ein junger chinesischer Manager in Sakko und T-Shirt. Dong ist für den Launch in Wien verantwortlich, parallel dazu bereitet er mit seinem Team auch die Markteintritte in Schweizer und tschechischen Städten vor. Weitere europäische Städte dürften bald folgen, sobald die nächste volle Schiffscontainerladung mit den gelben Bikes eintrifft.

    Start im zweiten Bezirk

    Die einmonatige Pilotphase in Wien startet ab Sonntag im zweiten Bezirk, der Leopoldstadt, mit 200 Rädern, die in der Nähe der U-Bahn-Stationen und des WU-Campus platziert werden. Nach einer Evaluierungsphase und Analyse werde Ofo weitere Expansionspläne bekanntgeben, sagt Dong. Die Leihräder könnten in Folge auf ein paar tausend aufgestockt werden.

    Anders als der Bike-Sharing-Anbieter Donkey Republic richtet sich Ofo mit seiner Preispolitik vor allem an die lokale Bevölkerung. Bei Donkey Republic zahlt man 14 Euro pro Tag beziehungsweise sieben Euro für zwei Stunden. Bei Ofo kostet das Service nach der Gratis-Testphase 50 Cent für jede halbe Stunde. Beim stationsfreien Konkurrenten O-Bike kostet die halbe Stunde doppelt so viel.

    Schloss mit App und QR-Code zu öffnen

    Ofo funktioniert ähnlich wie die Carsharing-Systeme Car2go oder Drive now. Wer die App herunterlädt, findet auf einer Karte freie Leihräder angezeigt. Diese dürfen übrigens neben Parkständern auch auf Parkspuren oder breiten Gehsteigen abgestellt werden. Hat man ein Leihrad gefunden, entsperrt man es mittels eingescannten QR-Codes, das Schloss am Hinterrad springt automatisch auf. Das Schloss arbeitet mit Bluetooth und GPS.

    Der Nutzer startet in einem speziellen Kreditsystem mit einem Punkt. Wer das Fahrrad allerdings falsch abstellt, bekommt einen Punkt abgezogen und wird nach wiederholtem Falschparken bestraft. Für die Bezahlung ist in Österreich eine Kreditkarte nötig – man wolle in Zukunft jedoch auch Bankomatkarten akzeptieren, heißt es seitens des Unternehmens. Anfangs gebe es nur Eingangräder, nach der Testphase wolle man auch Dreigangräder anbieten, sagt Dong.

    Unternehmen will Arbeitslose beschäftigen

    Ein Serviceteam ist für die Wartung zuständig, überwacht die Verteilung der Räder in Echtzeit und verteilt sie bei Bedarf wieder gleichmäßig in der Stadt. Hier will Ofo mit den Behörden zusammenarbeiten und nach Eigenangaben auch Arbeitslose für das Service- und Reparaturteam rekrutieren.

    Kritiker des chinesischen Unternehmens halten solche Ankündigungen hingegen für eine Farce: Die Räder seien derart kostengünstig hergestellt, dass sich eine aufwendige Reparatur oft nicht lohne – und beschädigte Bikes wohl gleich gegen neue ausgetauscht würden.

    Versperrte Gehsteige und blockierte Radständer

    Der Fahrradbeauftragte der Stadt Wien, Martin Blum, nennt die stationsfreien Bike-Sharing-Anbieter "die bisher größte Disruption für den öffentlichen Fahrrad-Verkehr". Er geht von einem beinharten Verdrängungswettbewerb aus.

    Das funktioniert allerdings nicht überall gut: In Amsterdam begann man diesen Sommer bereits damit, stationsfreie Leihräder zumindest vorläufig wieder zu verbieten – und zwar dort, wo sie Stellplätze für private Amsterdamer Fahrradfahrer besetzen. Auch in China hat es bereits Probleme mit Leih-Bikes gegeben, die vielfach auf Gehsteigen abgestellt wurden.

    Darauf vom STANDARD angesprochen, verweist Fred Dong darauf, dass Ofo in den Niederlanden noch nicht tätig sei und man Konkurrenzangebote nicht kommentiere. Allgemein versuche man jedoch, "so früh vorm Launch wie möglich mit den lokalen Behörden zusammenzuarbeiten". Dong verwies auch auf das Serviceteam, das sich um kaputte oder falsch abgestellte Fahrräder kümmere.

    Kritik gibt es auch wegen der vielen persönlichen Daten und Wegprofile, die Ofo von den Nutzern sammle. Diese würden aber "nicht für Werbung" verwendet werden, sagte Dong. Das Datenzentrum für den Wiener Markt befinde sich in Frankfurt, womit europäisches Recht zur Anwendung komme.

    Veraltetes Citybike-System

    Das seit 2003 existierende Citybike-System der Gewista sieht in Anbetracht der neuen, stationsfreien Konkurrenz aus China etwas alt aus. Der Aufbau des Citybike-Systems dauerte mehr als 13 Jahre und kostete die Stadt mehrere Millionen Euro. Um eine höhere Nutzung zu erzielen, müsse die Distanz zwischen den einzelnen Stationen halbiert werden, sagt Martin Blum. Allerdings fehle es der Stadt aufgrund der hohen Investitionen in Stadt- und U-Bahn-Ausbau an Geld für den Ausbau des Citybike-Systems.

    Ob und wann das Citybike-System ausgebaut werde, stehe nicht fest, sagt Blum. Das bestätigt auch der Betreiber von Citybike, die Gewista, dem STANDARD. Der Betrieb von Citybike sei aber "für die nächsten Jahre gesichert", sagte ein Sprecher. (Felix Diewald, David Krutzler, 25.8.2017)

    • Bald ein vertrautes Straßenbild: die Ofo-Leihräder.
      foto: apa/neubauer

      Bald ein vertrautes Straßenbild: die Ofo-Leihräder.

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