Wie sich die Gehirnleistung verbessern lässt

    20. November 2017, 11:11
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    Nicht nur der Körper, auch der Geist will trainiert werden. Wer das professionell betreibt, ist fit für Gedächtnis-WMs. Dort werden die Potenziale der rechten Gehirnhälfte genutzt. Ein Überblick über kreative Methoden, die eigenen grauen Zellen in Schuss zu halten

    Der Hintergrund zu dem Buch "Moonwalking mit Einstein" von Joshua Foer passt zu der Geschichte, die hier erzählt wird. Foer, ein schusseliger, häufig etwas vergesslicher US-amerikanischer Journalist, bekam von einer Tageszeitung den Auftrag, über eine Gedächtnisweltmeisterschaft zu berichten.

    Foer war mäßig begeistert, die Aufgabe kam ihm wenig ansprechend vor. Doch pflichtbewusst besuchte er im Jahr 2005 die USA Memory Championships, die in einem Firmengebäude in Manhattan, New York, stattfanden.

    Was er sah, begeisterte ihn. Die Menschen, die dort auftraten, waren per se einmal keine Superhirne, auch wenn sie sich beispielsweise 300 zufällig zusammengestellte Wörter binnen fünfzehn Minuten merken konnten. Es waren Menschen, die Erinnern als eine Art Sport betrieben. Anstatt des Körpers trainierten sie das Hirn.

    Neuer Champion

    Foer beschloss, dies an sich selbst auszuprobieren, unterwarf sich einem strengen Training und trat das Jahr drauf bei dem Folgewettbewerb an. Und voilà! Er wurde doch tatsächlich neuer Gedächtnis-Champion der USA. Ganz Journalist, verarbeitete er diese Erfahrungen in dem "Moonwalking"-Buch. Nur zur Einordnung: Joshua Foer ist der jüngere Bruder des amerikanischen Schriftstellers Jonathan Safran Foer.

    Nun muss man sich nicht zu Extremleistungen aufschwingen wie etwa das freie Aufsagen von Kommastellen hinter der Zahl Pi. Solche Fähigkeiten werden im Alltag praktisch nie benötigt. Allerdings meinen Gedächtnisforscher und Altersmediziner, dass das Hirn ebenso in Schuss gehalten werden kann wie der Körper. Beide bauen ab dem 40. Lebensjahr ab.

    Logik mit Fantasie

    Um das Hirn zu trainieren, gibt es unzählige Regeln und Tricks. Sie beruhen im Wesentlichen darauf, nicht so häufig benutzte Areale stärker nutzen. Die Hirnforschung weiß, dass in unserer rationalen Welt vor allem die linke Gehirnhälfte gefordert wird. Dort ist der Sitz von Denk- und Merkprozessen, die mit Schrift, Sprache, Rechnen, Logik oder Zeitgefühl zusammenhängen.

    Die rechte Seite hingegen wird immer dann beansprucht, wenn fantasievolle und kreative Aufgaben zu bewältigen sind – also seltener. Vor allem räumliche Orientierung, Intuition und das Speichern von Bildern sind dort angesiedelt. Um sich die Aufgabenteilung des menschlichen Gehirns zu merken, gibt es eine geniale Eselsbrücke: Links ist Intellekt, rechts ist Kreativität.

    Die Gedächtnissportler, von denen der gewöhnliche Mensch etwas lernen kann, versuchen, möglichst viele Merkaufgaben in die rechte Gehirnhälfte zu verschieben, da dort sozusagen Kapazitäten frei sind. Dazu muss man die Aufgaben, die es zu merken gilt, in möglichst fantasievolle Bilder umbauen. Je lustiger, unmöglicher, auch abstrakter die Bilder und Eselsbrücken sind, desto eher wird die linke Hälfte ansprechen und sich etwas merken.

    Merktechniken

    In Bildern denken! So lautet also der Rat der Gedächtnisforscher. Je nachdem, was man sich merken will, ist die Aufgabe mit einem abstrakten Bild oder einem witzigen Dreh oder einer Eselsbrücke zu versehen. Die Gedächtnis-Champions merken sich vieles in Bildern: Zahlen (auch Zahlengruppen), Personen und ihre Namen, Wörter, Vokabel.

    Rund um diese Bilder wurden unterschiedliche Merktechniken entwickelt, auch Kombinationen davon. Um sich beispielsweise einen Familiennamen zu merken, was vielen schwerfällt, soll man sich ein Bild zum Namen "zeichnen". Das ist recht einfach, wenn jemand Müller heißt. Um da im Kopf ein passendes Bild zu speichern, das sich im Bedarfsfall schnell abrufen lässt, beschwert man geistig die Schultern der Person, deren Namen man sich merken will, mit einem Sack Mehl.

    Der aus dem Tschechischen stammende Name "Ruzicka" etwa wird dann einprägsamer, wenn man weiß, dass er auf Deutsch Röslein heißt. Bei vielen Namen allerdings müsse man, so die Expertenerfahrung, lautmalerisch agieren, bevor sich ein eingängiges Bild kreieren lässt; oder Namen müssen in Silben und Wortteilen portioniert werden.

    Auch Assoziationen sind hilfreich, etwa zu einem Gesichtszug oder zu der charakterisierenden Eigenschaft eines Menschen. Worum es bei sämtlichen Merktechniken geht: Übung macht den Meister.

    Gedächtnis als eine Art Netz

    Trotzdem: Namensverwechslungen von Personen sind ein Phänomen, das die Wissenschaft vor ein Rätsel stellt, weil sie recht häufig sind. Besonders unangenehm sind sie, wenn sie bei nahestehenden Personen passieren. Die Vermutung der Forscher: Das Gedächtnis ist wie eine Art Netz aufgebaut, Verwechslungen und Versprecher können also eine Folge dieser Struktur sein. Deshalb solle man daraus weiters kein großes Aufheben machen, sondern in ruhigen Momenten die Unterschiede zwischen den oft verwechselten Personen visualisieren und sich gezielt Eselsbrücken schaffen.

    Ein Beispiel: Der Film "Die Verführten" heißt in der Originalfassung "The Beguiled". Ist schwierig zu merken, wird aber einfach, wenn man das englische Wort in "die Begeilten" umwandelt.

    Eine Technik, die sich ebenfalls relativ einfach umsetzen lässt und das Schreiben von Listen hinfällig macht, ist die "Routenmethode", auch "Gedächtnispalast" genannt. Dabei visualisiert man im Kopf ein Gebäude, das man gut kennt, zum Beispiel die eigene Wohnung oder das Büro, und legt sich dort eine Route entlang bestimmter Fixpunkte (Eingangstür, Hutablage, Schirmständer, Küche) fest.

    Es sollten plastisch konkrete Orte sein, denn daran werden nun die zu merkenden Punkte einer Liste geknüpft. Katharina Turecek, Ärztin und Buchautorin (Geistig fit – ein Leben lang) plädiert dafür, dass man sich zwar noch eine Einkaufsliste schreiben – diese dann aber nicht in den Supermarkt mitnehmen soll. Stattdessen wird empfohlen, sich mit der Routenmethode zu merken, was alles in den Einkaufswagen soll.

    In Bahnen denken

    Journalist Joshua Foer hatte sich vor der Gedächtnismeisterschaft ein gutes Dutzend solcher Routen zurechtgelegt – für ganz unterschiedliche Aufgaben. Der Nachteil dieser Methode ist jedoch, dass einem die bekannten Orte im Kopf ausgehen können.

    Wenn eine Route nämlich einmal belegt ist, braucht es, so der deutsche Gedächtnisweltmeister Boris Nikolai Konrad ("Alles nur in meinem Kopf"), doch ein paar Wochen, bis man die mit der Route verknüpften Bilder vergessen hat – oder sie zumindest verblasst sind. Erst dann ist dieser Weg wieder frei, um sie mit anderen Inhalten nochmals verwenden zu können.

    Körperliche und geistige Fitness hängen zusammen, wissen Forscher mittlerweile. Die Sportler von Gedächtnis-Championships bereiten sich mindestens ebenso intensiv vor wie die Radfahrer vor einem großen Rennen. Das heißt: Bewegung, genug Schlaf, wenig Stress, gesunde Ernährung, kein Alkohol.

    Drei "L"

    Dies sind Faktoren, die das Hirn wendig erhalten. Auch ein freundliches soziales Umfeld gehört dazu. Es sind die drei "L", die fit halten: Laufen, Lernen, Lachen.

    Auch dem Schlaf wird eine hohe Bedeutung beigemessen, weil in der Nacht eine Gedächtniskonsolidierung stattfindet. Für Probleme, die einen abends belasteten, steht am Morgen plötzlich eine Lösung parat. Viel Schlaf ist übrigens auch im höheren Alter wichtig.

    In der Nacht wird das Gehirn nämlich "gespült", und die Ablagerungen – wahrscheinlich Eiweiße –, die man für das Entstehen von Demenz und Alzheimer verantwortlich macht, werden aus den Gehirnregionen gewaschen. (Johanna Ruzicka, CURE, 20.11.2017)

    • Eine lange Reihe von Binärziffern zu lernen ist Teil einer Gedächtnismeisterschaft.
      foto: apa / dpa / felix kästle

      Eine lange Reihe von Binärziffern zu lernen ist Teil einer Gedächtnismeisterschaft.

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