Krammer: "Es hat schon einmal mehr Spaß gemacht"

    Interview18. August 2017, 18:28
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    Michael Krammer, Präsident von Rapid, spricht über Fehler, Gewalt, Macht, Strafen, die Fanproblematik. Er will den Dialog, hofft auf einen Selbstreinigungsprozess, empfiehlt den Besuch gegen Sturm

    STANDARD: Rapid wirkt außer Rand und Band, leidet offensichtlich an einem Selbstzerstörungstrieb. Wie schaut Ihr Befund aus?

    Krammer Was wir haben, ist die Hypothek des Vorjahres, die wir nach wie vor mitschleppen. Überall. Bei der Beurteilung der sportlichen Leistungen, bei der Beurteilung in den Medien. Unser gesamtes Auftreten ist belastet, ich versuche, die Situation sachlich zu betrachten. Nur mit einer sachlichen Analyse kann man die richtigen Maßnahmen setzen.

    STANDARD: Und die wären?

    Krammer Beginnen wir beim Sportlichen. Die Verunsicherung bei der Mannschaft ist anscheinend nicht draußen, wir hätten das Derby und gegen Mattersburg gewinnen müssen. Das Wichtigste ist der Sport. Schlagen wir die Admira, ist alles andere wurscht. Da gibt es keine Bierbecher. Ich sehe nicht alles schlecht, es ist einiges verbesserungswürdig, vieles spielt sich in den Köpfen ab. Es ist ein gutes Team am Werk, mittelfristig werden wir Erfolge sehen. Ich will der Mannschaft Zeit geben, es ist etwas im Entstehen. Wir werden bis zum Ende der Transferzeit noch das eine oder andere machen. Das Zweite ist die Fanthematik. Jeder Gegenstand, der aufs Spielfeld fliegt, ist einer zu viel. Seit ich auf den Fußballplatz gehe, das sind mehr als 45 Jahre, werden immer wieder Bierbecher und Ähnliches aufs Feld geworfen. Ganz egal, ob in der Unterklasse oder in der Bundesliga.

    STANDARD: Das macht es aber nicht besser.

    Krammer Natürlich macht es das nicht besser. Es war 45 Jahre lang ein unschöner, aber meist unbestrafter Brauch. Es gibt seit einiger Zeit ein Uefa-Reglement, wonach diese Vorgänge schärfer geahndet werden sollen. Mit einem Dreistufenplan. Ermahnung über Platzsprecher, Spielunterbrechung, Spielabbruch. In Österreich wurde das bis vor kurzem nicht so gehandhabt, diese Situation ist somit neu. Beim Derby ist die Stufe zwei erstmals vorgekommen, und einige haben das bis zum Admira-Spiel immer noch nicht kapiert. Aber bitte lassen wir die Kirche im Dorf. Es ist nichts abgebrannt, es wurde niemand verletzt. Wir wollen das nicht, lehnen es ab, werden alles daransetzen, es abzustellen. Durch Dialog und konsequentes Einschreiten. Wenn es um Gewalt, Böller oder um rassistische Beschimpfungen geht, handeln wir. Es gibt 21 Hausverbote.

    STANDARD: Ist das nicht ein bisserl wenig?

    Krammer Nein, die großen Vorfälle sind verjährt. Wir haben eine behördlich genehmigte Lösung für die Pyrotechnik, sie wird zu 95 Prozent eingehalten. Jede Nichteinhaltung ist schlecht. Wir kriegen das Reinwerfen in den Griff.

    STANDARD: Selbsterkenntnis ist bekanntlich der erste Schritt zur Besserung. Werfen Sie sich etwas persönlich vor?

    Krammer Es gibt immer Dinge, die man besser machen kann. Natürlich reflektiere ich. Ein Präsident ist für nichts zuständig und für alles verantwortlich. Mit der Weisheit des Rückblicks würde ich nie wieder den Trainer vor dem Sportdirektor bestellen. Eine Interimsperiode wäre klüger gewesen. Ich weiß, dass mir viele vorwerfen, zu locker mit den Fans umzugehen.

    STANDARD: Stimmt das? Haben die Fans die Macht im Verein übernommen?

    Krammer Nein. Woher nimmt man das? Wäre dann ein Djuricin Trainer, ein Bickel Sportvorstand?

    STANDARD: Es gab im Frühjahr nach dem 0:3 in Ried das von den Ultras gewünschte oder auch erzwungene Treffen bei einer Autobahnraststätte. Junge Spieler waren irritiert, hatten möglicherweise sogar Angst. Soll man so einer Aussprache zustimmen, fällt das noch unter Dialog?

    Krammer Dialog ist wichtig. Ob das der richtige Ort war, sei dahingestellt. Aber es gibt keine Alternative zum Dialog und zur Prävention. Populismus und Repression bringen nichts. Druck erzeugt Gegendruck. Natürlich wäre Eskalation ein Fressen für manche Medien, sie führt aber zu keiner Lösung.

    STANDARD: Ist die Toleranzpolitik aber nicht doch gescheitert? Ein Ordner beim Derby, der vor Jahren an einem Platzsturm beteiligt war, stand in Badeschlapfen am Spielfeldrand und provozierte.

    Krammer Das wird uns nie wieder passieren. Ist einer Rapid-Ordner, hat er einen Rapid-Ordner darzustellen und als solcher zu agieren. Ich bin nicht dafür, dass man über jemanden, der einen Fehler macht, den Stab bricht. Jeder verdient eine zweite Chance, das ist ein Grundprinzip von Rapid. Aber die Optik und das Verhalten waren nicht tolerierbar.

    STANDARD: Was dürfen Fans?

    Krammer Es ist leichter zu sagen, was sie nicht dürfen. Gewalt, Rassismus, Diffamierung.

    STANDARD: Sie machen es teilweise trotzdem.

    Krammer Dann wird es sanktioniert. Ich kann nichts zu hundert Prozent verhindern, ich kann es nur sanktionieren. Wir haben letzte Saison Böllerwerfer sofort ausgeforscht, Verfahren eingeleitet.

    STANDARD: Es hat aber doch den Anschein, dass Rapid eine zu weiche Linie vertritt. Es gibt immer mehr Leute, die sich das Gruselkabinett nicht mehr geben wollen. Die Angst um ihre Kinder haben.

    Krammer Wir schützen die wenigen, die sich aufführen, nicht. Es wurde übrigens auch ein Gebiss am Spielfeldrand gefunden. Das kann man beim Einlass nicht abnehmen, ich ersuche um Verständnis. Ich verwehre mich gegen Pauschalverurteilungen der Rapid-Fans.

    STANDARD: Die Wahrnehmung ist bisweilen eine andere. Wirtschaftsvorstand Peschek stand einst im Block West. Rührt daraus die lasche Vorgehensweise?

    Krammer Nein. Die öffentliche Meinung wird eben von der veröffentlichten beeinflusst. Ich versuche die Dinge zu lösen, die wir lösen können. Ich mache keine populistische Ankündigungspolitik, sage nicht, wir hauen alle raus.

    STANDARD: Bleiben wir beim Populismus. Sie haben in einem Brief an Liga-Präsident Rinner angeregt, ein Verfahren bei der Ethikkommission gegen Austrias Vorstand Kraetschmer, der im Aufsichtsrat der Bundesliga sitzt, einzuleiten, weil dieser harte Sanktionen gegen Rapid gefordert hat. Sitzt man selbst im Glashaus, macht es da Sinn, mit Steinen zu werfen?

    Krammer Man darf nicht beides gegeneinander aufrechnen. Die Fehlleistung der Reinwerfer wird nicht relativiert durch die Fehlleistung Kraetschmers. Umgekehrt auch nicht. Wir müssen uns darum kümmern, dass nichts mehr reingeworfen wird. Er hat sich als Aufsichtsratsmitglied der Bundesliga darum zu kümmern, dass er nicht seine Stellung dazu missbraucht, andere Klubs schlechtzumachen.

    STANDARD: Es gab unglückliche Aussagen von Verantwortlichen. Nehmen wir Trainer Djuricin. Er sagte, Rapid hat die geilsten Fans, wenn wir gewinnen. Der Umkehrschluss lautet: Wir haben die größten Vollpfosten, wenn wir verlieren. Auch das angedeutete Spucken nach dem Admira-Spiel passt ins Bild. Die Erklärung, in seinem Kulturkreis mache man das, strotzt auch nicht gerade vor Genialität. Wobei sich Djuricin für sein Verhalten entschuldigt hat. Ist er mit der momentanen Situation überfordert?

    Krammer Nein. Nehmen wir die Entschuldigung bitte zur Kenntnis. Das mit dem Kulturkreis war die Erklärung für ein Verhalten, das ihm selbst leidtut und ihn richtig ärgert. Er zieht seine Lehren daraus und aus.

    STANDARD: Bickel hofft auf einen Selbstreinigungsprozess bei den Fans. Glauben Sie, dass das passiert? Es klingt so, als würde man die Verantwortung abwälzen.

    Krammer Nein, er sagte, wir hoffen auch auf einen Selbstreinigungsprozess. Das hat bei Rapid einige Male schon sehr gut funktioniert. Ich erinnere, dass wir Anfang der 1990er-Jahre Probleme mit rechtsextremen Fans hatten. Wir müssen Leute im Block unterstützen, Lösungen zu finden. Es gibt eben Dinge, die Rapid schaden, das müssen sie kapieren. Ich kann nicht Hundertschaften von Ordnern reinstellen, das ist kontraproduktiv. Wir geben nicht auf.

    STANDARD: Ist sportlicher Erfolg die einzige Möglichkeit, damit Ruhe einkehrt? Oder würden Siege die Probleme nur überdecken?

    Krammer Man kann Probleme leichter lösen, wenn der sportliche Erfolg da ist. Wir müssen und werden sie aber trotzdem lösen, auch bei Niederlagen.

    STANDARD: Macht es momentan Spaß, Rapid-Präsident zu sein?

    Krammer Es hat schon einmal mehr Spaß gemacht.

    STANDARD: Wie viele Geldstrafen kann sich der Verein noch leisten? Nach dem Derby mussten 30.000 Euro berappt werden, die Summe vom Admira-Match ist offen.

    Krammer Wir wollen überhaupt keine Strafen mehr haben.

    STANDARD: Haben Sie ein mulmiges Gefühl vor dem Spiel am Samstag gegen Tabellenführer Sturm?

    Krammer Nein.

    STANDARD: Nennen Sie drei Gründe, warum man das Match unbedingt besuchen sollte?

    Krammer Weil Rapid spielt, weil es ein wunderschönes Stadion ist, weil wir gewinnen werden, weil es nach wie vor die beste Stimmung ist, die man in Österreich erleben kann. Das sind sogar vier Gründe. (Christian Hackl, 19.8.2017)

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    Zur Person:

    Michael Krammer (57) aus Wien ist Unternehmer (Mobilfunkbranche) und seit 2013 Präsident von Rapid.

    • Michael Krammer wird am Samstag im Allianz-Stadion applaudieren. Sicher vor der Partie gegen Sturm
      foto: apa / herbert neubauer

      Michael Krammer wird am Samstag im Allianz-Stadion applaudieren. Sicher vor der Partie gegen Sturm

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