Doris Knecht: "Ich glaube an nichts anderes als die Quote"

    19. August 2017, 12:00
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    Im Rahmen der Salzburger Festspiele sprach die Autorin über "Backlash 2.0: Donald Trump und die Frauen" – und ein Foto, das objektiviert, maßregelt und schlichtweg schockiert

    Am 20. Jänner dieses Jahres wurde Donald Trump als Präsident der Vereinigten Staaten vereidigt. Am 21. Jänner demonstrierten im Rahmen des Women's March in den USA und auf der ganzen Welt Millionen von Frauen und Männern gegen die misogynen, frauenfeindlichen Ansichten des neuen Präsidenten und formulierten ihre Sorgen, dass unter Präsident Trump die Rechte von Frauen nicht mehr gewährleistet sind. Am 23. Jänner, schon zwei Tage später, zeigte sich, wie berechtigt diese Sorge war, als Donald Trump seine ersten Executive Orders unterschrieb, darunter ein Dekret, das ausländischen NGOs, die ungewollt schwangere Frauen auch hinsichtlich eines Schwangerschaftsabbruchs beraten, die Subventionen streicht.

    Die Fotos von dieser ersten Amtshandlung zeigen den neuen Präsidenten mit blau-weiß gestreifter Krawatte sitzend an seinem Schreibtisch im Oval Office. Er ist nicht allein: Sieben weiße Männer in Anzug und Krawatte stehen hinter ihm. Donald Trump sitzt dabei auf seinem neuen Präsidentensessel und beugt sich an seinem großen, glänzend polierten Schreibtisch ernsten Antlitzes über das Dekret, auf das er seine Unterschrift setzt. Was man gleich spürt, wenn man das Bild sieht: Das ist kein zufälliger Erster-Schultag-Schnappschuss, nicht nur ein normaler Pressefototermin am ersten Trump-Tag im Oval Office: Das Bild wurde sorgfältig für die Medien und die Öffentlichkeit inszeniert, es ist eine deutliche Botschaft an die Nation und an die ganze Welt. Donald Trump hat eine Botschaft für uns. Für uns Frauen vor allem. Und die Botschaft ist wenig subtil.

    Donald Trump ist ein Mann, wie ihn alle Frauen kennen: der Onkel, der arbeitende Mütter Emanzen nennt, der ungute Typ, der Frauen in der U-Bahn schamlos taxiert, der Chef, der uns sagt, was uns viel besser stehen würde, der Kollege, der weibliche Mitarbeiter ungeniert bewertet, der Lehrer, der die Schülerinnen so gern drückt, der Vorgesetzte, der einem immer Bussi geben will. Dieser Onkel, dieser Chef, dieser Kerl in der U-Bahn, dieser Lehrer, dieser Kollege, dieser Vorgesetzte: Der ist jetzt Leader of the Free World, und er ist beleidigt. Und dass wir ihm das Bussi nicht geben wollen: Das zahlt er uns jetzt heim.

    Ich habe mir die Bilder dieser Unterschriftenaktion immer wieder angesehen, alles, was ich im Netz dazu finden konnte. Das Bild hat mich getroffen, aufgewühlt, auf vielen verschiedenen Ebenen. Ja, verletzt: Genau wie es Trump und sein Stab beabsichtigten. Wir sprechen ja heute über Macht und Gewalt und über Ohnmacht, und alles davon ist auf diesem Bild zu sehen, auf allen Bildern dieses Staatsaktes, ganz speziell durch das, was darauf nicht zu sehen ist: Frauen. Es ist keine einzige Frau anwesend, als Trump dieses Dekret unterschreibt, das über einen Umweg die Rechte von Frauen einschränkt, das Frauen die Selbstbestimmung über ihre Körper abspricht.

    Provoziert mich lieber nicht

    Ich habe Donald Trumps Gesicht auf den Bildern dieses Moments studiert, die Nuancen seiner Mimik. Er blickt vor allem ernst, so wie man es von einem Präsidenten erwartet. Aber auf anderen Bildern dieses Moments schleichen sich neben diesem würdevollen Ernst auch andere Emotionen in seine Miene: fetter Stolz. Eine gewisse Ungläubigkeit, eine Überraschtheit darüber, dass er es tatsächlich ins Oval Office geschafft hat, dass er hier sitzt und unterschreibt, in der Realität, dass er ganz in echt Präsident ist, nicht nur gespielt, wie es eigentlich der Plan war, im dritten Teil der Billig-Horror-Filmreihe "Sharknado", in der es um Monsterhaie geht, die ins Weiße Haus eindringen; aber das ist eine andere Geschichte. Man sieht auch: Schadenfreude, eine satte Befriedigung. Er hat jetzt die Macht. Er ist der Potus, der Leader of the Free World. Provoziert mich lieber nicht, denn ich kann euch bestrafen.

    Der Präsident und sein Stab haben dafür gesorgt, dass dieser Augenblick gut und aus verschiedenen Blickwinkeln und Perspektiven dokumentiert wurde: zwei Tage nach dem Women's March, zwei Tage nach dieser Selbstbehauptungs- und Widerstandsgeste, zwei Tage, nachdem Millionen von Frauen deutlich zur Kenntnis brachten, dass sie Trump nicht gewählt hatten, dass sie Trump, den Pussy-Grabber, nicht als Präsidenten wollen – dass sie Trump nicht akzeptieren. Mit dem Foto sagt Trump den Frauen: Ist mir egal.

    Wobei natürlich die Art der Inszenierung dieses Bildes ein Beweis dafür ist, dass es ihm eben nicht egal ist, dass er auf Revanche aus ist. Und Trump wollte, dass die Welt die Botschaft hört, vor allem die Frauen, die mit ihren pinkfarbenen Pussyhats gegen ihn demonstriert hatten; und all die Frauen, die während seiner Kampagne Geschichten in die Medien brachten, über seinen Umgang mit Frauen und seine Sprüche über Frauen. Trump wollte, dass Hillary Clinton es sieht, und all die depperten Weiber auf der Welt, die sich über ihn lustig machten. Er wollte, dass wir es sehen, dass wir die Botschaft spüren, in der Magengrube, dort, wo man Ohnmacht am deutlichsten spürt; Ohnmacht und Demütigung.

    Das ist ihm gelungen, jedenfalls bei mir. Selbst dermaßen weit weg von Washington habe ich es gespürt, als ich das Foto dieser Männer sah, die jetzt in Amerika bestimmen, und ich spüre es immer wieder: die Rachsucht. Die Unterwerfungsabsicht. Die Überheblichkeit. Die Demütigungsgeste. Die Drohung. Den Druck. Das Ihr-nicht. Ich fühlte mich ohnmächtig, übergangen, reduziert, objektiviert, gemaßregelt. Nebenbei ist man schlicht geschockt, dass so etwas noch möglich ist, wieder möglich ist, nach all den Jahren und all den Kämpfen, nach all dem, was wir Frauen erreicht, geschafft, mühevoll errungen haben.

    Wie in den Neunzigern

    Es ist das typische Ausholen zum Gegenschlag, wie es die Autorin Susan Faludi in ihrem Bestseller "Backlash" beschreibt: "Konterschläge gegen den Feminismus sind in der amerikanischen Geschichte nichts Neues", schreibt Faludi. "Tatsächlich handelt es sich um ein immer wiederkehrendes Phänomen: Es ereignet sich jedes Mal, wenn die Frauenemanzipation irgendwelche Fortschritte zu machen beginnt, ein anscheinend unvermeidlicher Frühfrost, der die kurzzeitige Blüte des Feminismus gleich wieder vernichtet." Faludis Buch erschien übrigens 1991 – was, wenn man es 2017 wieder liest, leider kaum auffällt.


    Ich war 25, als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe. Es war eine Zeit, in der die Feministinnen das Gefühl hatten, viel erreicht zu haben, und zu der junge Frauen sicher waren, dass sie alles konnten und alles schaffen und erreichen würden, wenn sie nur wollen. "Der antifeministische Gegenschlag", schreibt Faludi, "wurde nicht durch den Kampf der Frauen um volle Gleichberechtigung ausgelöst, sondern durch die Tatsache, dass ihre Chancen gestiegen waren, diesen Kampf zu gewinnen. Es handelt sich um einen Präventivschlag, der die Frauen weit vor der Ziellinie stoppt."

    Das könnte auch heute, in der Ära Trump geschrieben werden. Und genau wie in den Neunzigern, wird auch jetzt den Frauen signalisiert, dass es jetzt genug ist, dass sie sich lieber nicht zu frech, zu aufmüpfig und zu selbstsicher gebärden sollen, sonst gibt's auf die Finger.

    Die Formen des Gegenschlags, wie sie Faludi beschreibt, sind erschreckend vertraut: Eine besonders beliebte Strategie ist es, den Frauen die Möglichkeit zu verweigern, über ihre eigene Fruchtbarkeit zu bestimmen, und ihnen zu verbieten, selbst zu entscheiden, ob sie ein Kind bekommen wollen oder nicht. Darauf zielt übrigens auch Margret Atwoods "Der Report der Magd" aus dem Jahr 1985 ab. Dass der Roman gerade jetzt, im Trump-Jahr, in den USA sehr erfolgreich als Serie läuft und in den Medien heftig debattiert wird, wundert überhaupt nicht: In der düsteren Dystopie, die Atwood darin zeichnet, werden modernen, selbstbewussten Frauen aufgrund äußerer Umstände und biologischer Zwänge ganz langsam, zuerst fast unmerklich, die Rechte eingeschränkt und schließlich ganz geraubt – mit extremen, aber erschreckend glaubwürdigen Folgen. Was den Frauen da passiert, ist so realistisch und plausibel gezeichnet, es kann einem den Schlaf rauben.

    Auch das Foto von Trump und den sieben Männern beweist, dass wir in der Gleichberechtigungs-Zeitschleife eben gerade wieder in so einer Backlash-Phase angelangt sind, wie sie Susan Faludi beschreibt. Die acht Männer auf dem Bild stehen repräsentativ für alle Männer, die finden, dass es jetzt dann aber wieder mal genug sei, ja: zu viel, dass es Zeit sei, wieder mal klarzumachen, wo der Bartl den Most holt. Beziehungsweise, wer der Bartl ist. Und dass die Frauen doch lieber viel mehr wie Trumps Tochter Ivanka sein sollen, die doch auch eine selbstbewusste Unternehmerin ist und trotzdem hübsch und nett, es wäre doch für alle viel einfacher und netter, wenn die Frauen allgemein viel ivankischer wären. Susan Faludi spricht in ihrem Buch auch von einer "Wut auf den Feminismus", auch das spürt man in diesem Foto: Wut, Zorn auf die Frauen, sekundiert von dem Willen, etwas dagegen zu unternehmen, und zwar sofort, gleich mit der ersten Amtshandlung.

    Sie tun es, weil sie es können

    Darin steckt eine weitere Botschaft, die sich am deutlichsten am Grinsen im Gesicht des rechtskonservativen "Breitbart"-Chefs und Trump-Beraters Steve Bannon ablesen lässt: Wir tun es, weil man uns lässt. Wir tun es, weil wir es jetzt endlich können. Wir tun es, weil wir es jetzt dürfen, weil wir es so sagen, weil wir bestimmen. Ihr werdet alle noch schön schauen.

    Und das tun wir eigentlich seither: Wir schauen schön. Zum Beispiel auf das US-Health-Care-Panel. Es entspricht ziemlich genau dem Foto aus dem Oval Office: 13 Männer, keine Frau. Und auch hier lässt sich die Formel anwenden: Sie tun es, weil sie es können. So etwas passiert, wenn es möglich ist, wie diese All-Male-Panels, denen sich ein eigener Tumbler-Blog widmet, in dem man sich praktisch tagelang durch Fotos und Flyer von Veranstaltungen scrollen kann, die rein männlich besetzt sind. Weil es immer so war und so immer gut funktioniert hat. Und es könnte auch in Zukunft so weitergehen. Es gibt nur ein Instrument, das das verhindert. Die Quote natürlich.

    Nicht nur im Zusammenhang mit der Gründung einer neuen Partei in Österreich vernahm ich, man könne das ganze Gender-Gerede nicht mehr hören, man halte das ganze Frauen-Getue nicht mehr aus, das sei so anstrengend. Immer Gender, Gender, Gender, manche Frauen redeten ja über gar nichts anderes mehr. Ein Freund hat das kürzlich auch über eine gemeinsame Freundin gesagt: Die interessiert sich nur noch für Gender, ziemlich nervig.

    Das kann schon sein, hängt aber ursächlich damit zusammen, dass es die Männer leider immer noch zu wenig interessiert. Dass man als Frau sehr stark das Gefühl hat, dass niemand darüber reden würde, wenn wir es nicht selber tun, immer wieder, bis man jedem damit auf den Geist geht. Da ist es wieder: Ohnmacht. Das ist ein verzweifeltes Agieren aus der Ohnmacht heraus. Natürlich ist es für die Männer kein wahnsinnig attraktives Gebiet, denn da ist für sie nichts zu holen, sondern nur was herzugeben.

    Aber das wollen wir jetzt einfach endlich. Wir wollen, um den vielgeschmähten Wahlslogan einer Partei zu zitieren, das, was uns zusteht. Interessanterweise findet diese Partei, dass uns nur 40 Prozent zustehen: Das ist jedenfalls die Quote, die man dort propagiert, man hält sich dabei für ziemlich fortschrittlich. Höre ich jedenfalls immer wieder: 40 Prozent, das ist doch eh irre viel! Ja, sicher, im Vergleich zu bisher. Aber es ist nicht das, was uns zusteht.

    Gleichberechtigung? Vielleicht in 170 Jahren

    Der "Global Gender Gap Report" des World Economic Forum ist in diesem Kontext eine interessante Lektüre. Man erfährt zum Beispiel, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter weltweit in 170 Jahren erreicht sein wird, wenn wir im jetzigen Tempo weitermachen, das geht sich nicht einmal für meine Urenkelinnen aus. Das mit der Gleichberechtigung in Österreich schaut leider auch ziemlich traurig aus, wir finden uns im Ranking auf Platz 52, abgerutscht von Platz 19 zwischen Kasachstan und Tansania.


    Frauen haben in Österreich zwar mittlerweile die gleichen Bildungschancen wie Männer, aber nicht annähernd die gleichen Aufstiegschancen, und das ist nicht so, weil es die Frauen so wollen, sondern strukturell bedingt: Das ist reale Ohnmacht. Und ich könnte da jetzt noch sehr lange sehr weit ausholen und seitenweise Zahlen und Fakten auffahren. Aber ich sehe Sie innerlich seufzen. Denn diese Zahlen kennen Sie ja alle. Die Gehaltsschere, unverändert, kennen Sie: Sie wissen, dass Frauen in Österreich im Schnitt 22 Prozent weniger verdienen als Männer, und dass es auch heuer einen Equal Pay Day gab, am 4. März 2017: So lange mussten die Frauen ins 2017er-Jahr hineinarbeiten, bis sie insgesamt gleich viel verdient hatten wie die Männer im Jahr 2016. Das wussten Sie aber eh. Das wissen Sie alles.


    Genauso wie Sie zumindest ungefähr wissen, dass 54 Prozent der Studierenden weiblich sind, aber nur 22 Prozent der Professoren. Anders ist es bei den Kindergartenpädagoginnen, von denen sind 98 Prozent weiblich, auch in anderen sozialen und erziehenden Berufen liegt der Frauenanteil bei 70 Prozent. Im Parlament dagegen, auch das ist Ihnen bekannt, sind nur 31 Prozent der Abgeordneten weiblich, also nicht einmal ein Drittel, obwohl die Wähler in Österreich zu 52 Prozent Frauen sind. Aber eh. Keine Neuigkeiten für uns alle. Überrascht mich nicht, überrascht Sie nicht. Wissen Sie alles. Langweilig.

    Weil Sie und ich das alles wissen, müssen wir eigentlich nicht mehr darüber reden. Wir müssten nicht darüber reden. Wir müssten nicht, wenn dieses Wissen automatisch zu einer Aufholbewegung führte, zu einem Konsens darüber, dass das natürlich nicht so sein und bleiben kann, zu Taten, die wiederum dazu führen, dass diese Ungerechtigkeiten endlich effizient korrigiert werden. Und was könnte es korrigieren? Quoten. Da stöhnen Sie auch gleich innerlich. Ach, immer diese Quotendebatte.

    Leider können wir Frauen so lange nicht aufhören, über eine Quote zu reden, solange wir nicht endlich die Quote bekommen, und zwar eine vernünftige. Weil wir jetzt schon so lange auf die Gleichberechtigung warten. Und so lange hat sich nichts bewegt ohne Quote, obwohl uns das immer wieder versprochen wurde. Weil nichts anderes sich bis jetzt bewährt hat. Wir sollten das jetzt wirklich einmal ausprobieren. Richtig, nicht 30 Prozent. Nicht 40, was viele für völlig überzogen halten, ich dagegen, ehrlich gesagt, für respektlos den Frauen gegenüber.

    Aber wer wie ich eine 50-prozentige Frauenquote in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kultur fordert, gilt als fundamentalisitische Fanatikerin, als verblasen und weltfremd. Das habe ich alles schon gehört, weil eine Forderung nach einer vernünftigen – nämlich: gerechten – Quote auch im Jahr 2017 noch völlig utopisch und überzogen ist, offenbar. Völlig gaga. Dabei ist es nichts anderes als der, denke ich doch, berechtigte Wunsch nach Gerechtigkeit, nach einer Gleichberechtigung, die man uns jetzt schon seit Jahrzehnten verspricht, und die sich schon von selber und ganz ohne Quote einstellen werde. Wenn wir nur noch ein kleines bisschen Geduld haben. Das werde sich ALLES von selbst einrenken. So was wie: Die Natur wird hier schon für ein natürliches Gleichgewicht sorgen, das wird schon!
    Aber alle Erfahrung zeigt, dass es das nicht tut. So was macht die Natur nicht, in der Natur des Menschen liegt es bekanntlich vielmehr, dass er sich gern mit ähnlichen Menschen umgibt und dass das Andere, das Fremde ihm Angst macht.

    Das gleicht sich von selber aus: Irgendwie, irgendwann

    Apropos, das renkt sich alles ein: Unlängst las ich auf orf.at die Nachricht, dass sich derzeit unter 196 Vorstandsmitgliedern börsennotierter Unternehmer genau elf Frauen finden: Immerhin – wir dürfen uns freuen – um zwei mehr als vor einem Jahr. Leider ist gleichzeitig in Aufsichtsräten der Frauenanteil gesunken. Mit Stichtag 31. Juli fand sich, analysierte ein Beratungsunternehmen, nur in 14 Prozent der 63 im Wiener Börse Index (WBI) notierten Unternehmen überhaupt ein weibliches Vorstandsmitglied, die restlichen 86 Prozent kamen ohne Frauen aus. In den Vorständen wird es ab 2018 tatsächlich eine Frauenquote geben: 30 Prozent der Chefinnen sollen dann weiblich sein. Das halten sehr viele für völlig für aufgesetzt, für erzwungen, für widernatürlich: Das gleicht sich doch alles von selber aus, irgendwie, irgendwann.

    In Wirklichkeit ist man mit den Ohnmachtsverhältnissen zufrieden, so war es immer. Die Frauen bleiben bei den Kindern, die Männer machen Karriere. Macht und Ohnmacht gleichen sich nie von selber aus, weil es auf der Seite der Macht daran kein Interesse geben kann und weil die Ohnmächtigen, no na, zu wenig Kraft haben.

    Wobei: Ich will nicht sagen, dass die Frauen in Österreich ohnmächtig sind. Ich denke, was Sie denken: Den Frauen in Österreich geht es vergleichsweise eh gut, also jetzt im Vergleich dazu, wie es Frauen in anderen Ländern geht, im Vergleich dazu, wie unterdrückt und entrechtet und wertlos sie woanders sind. Aber dieses "Vergleichsweise gut" funktioniert eben dann nicht mehr, wenn man den Vergleich mit den Männern herzieht. Dann ist es Ungerechtigkeit, und sie geht nicht von selber weg. Und sie tut so weh wie das Foto von Trump. Und dass sie nicht weggeht, das wissen wir alle, das wissen die, die für Quoten sind, und die, die dagegen sind, die wissen es auch.

    Deshalb fordern wir Frauen die Quote. Deshalb unterstütze ich das Frauenvolksbegehren, auch wenn vielleicht einige der Forderung ein bisschen viel sind. Aber: Wer wenig fordert, bekommt auch wenig. Und eine entschiedene Forderung zu stellen, bedeutet auch ein entschiedenes Heraustreten aus der Opferrolle. Aus der Ohnmacht. Ich glaube an die Quote. Ich glaube an nichts anderes als die Quote, weil nichts anderes bislang auch nur annähernd was gebracht hat, im Gegenteil. Und ich glaube an gerechte Quoten, nicht an halbe, und solange es die nicht gibt, werden wir immer und immer wieder darüber sprechen müssen, über Dinge, die wir alle längst wissen.

    Weil warum. Noch einmal zu dem Foto von Trump. Nein, halt. Vorher zu einem Gesetzesentwurf, den die russischen Staatsduma im Jänner, nur ein paar Tage, nachdem das Trump-Foto aufgenommen worden war, einbrachte: Häusliche Gewalt sollte künftig nur dann strafbar sein, wenn das Opfer sichtbare Schäden davontrage oder mehr als einmal im Jahr verprügelt werde.

    Wie so ein Gesetzesentwurf entsteht, ist klar: Wenn von den Abgeordneten eines Parlaments, wie in der russischen Duma, nur zehn Prozent weiblich sind, 45 Abgeordnete von 450, dann entsteht so was, dann ist so was möglich, dann geht so etwas. Bei 31 Prozent, wie wir es haben, wird so ein Vorstoß signifikant schwieriger. Aber ich möchte, dass so etwas unmöglich, ganz undenkbar ist: Und das erreicht man, wenn mindestens so viele Frauen im Parlament sitzen wie Männer, das erreicht man mit einer Quote von 50 Prozent: Nur sie verhindert, dass man Frauen, wie Trump es gerade versucht, übergehen, regieren, verwalten kann, dass man über Frauen, ihre Körper und ihre Reproduktionsorgane bestimmen kann.

    Die Quote verankern, einbetonieren

    Deshalb will ich noch mehr. Ich will nicht nur diese vermessene 50-Prozent-Quote, nicht nur Gerechtigkeit, ich will, dass diese Gerechtigkeit Recht wird. Sicheres Recht. Rechtssicherheit. Ich möchte, dass diese Quote in der Verfassung verankert wird, einbetoniert, so tief und so stabil, dass kein möglicher österreichischer Donald Trump und keine Buberlpartie sie so einfach wieder abschaffen können. Ich will sie sichern für meine Töchter und für meine Enkelinnen. Ich will eine Art von Einbruchssicherung, so wie sie Sicherheitsspezialisten für eine Wohnungstür empfehlen. Die darf sich, wenn der Eindringling sich dagegen wirft, keinen Millimeter bewegen. Dem Einbrecher muss es gleich zu anstrengend und aufwendig sein, und allein der Versuch muss so viel Kraft erfordern und derart enorm viel Lärm produzieren, dass gleich das ganze Haus darauf aufmerksam wird und zusammenläuft.

    Genauso eine stabile Quote wünsche ich mir, so eine einzementierte Sicherheit. Dass schon das kleinste Rütteln an den Rechten und an der Mitsprache der Frauen so einen Krach verursacht, so einen Alarm auslöst, dass gleich das ganze Haus Österreich und seine Institutionen zusammenlaufen und es verhindern.

    Auch die Männer, und das wünsche ich mir besonders: dass auch die Männer viel mehr über Gender reden. Und dass auch den Männern die Rechte der Frauen so wichtig sind, dass sie nicht sagen: Jetzt seid ihr aber mal ruhig. Jetzt reicht's aber auch mal. Heast, 40 Prozent! Jetzt seid mal zufrieden mit dem, was ihr habt. Jetzt reden wir mal über andere Dinge, wichtigere Dinge, Konjunktur, Klimawandel, Zuwanderung.

    Es tut mir leid: Solange die Frauen bei all diesen Themen nicht gleichberechtigt mitsprechen können, können wir keine Ruhe geben. Solange unsere Rechte immer noch und immer wieder bedroht werden, können wir keine Ruhe geben. Selbst wenn es nur so kleine, ganz minimal Eingriffe sind, wo man sagt: Ach, das spürt ihr gar nicht, das macht gar keinen Unterschied. Zehn Prozent weniger: Das ist doch nichts. Oder wenn es nur ein Foto vom Oval Office ist, mit nichts als Männern drauf. Ist doch nur ein Foto! Nur ein Foto von ein paar Kumpels bei der Arbeit. Nein, das ist es eben nicht. (Doris Knecht, 19.8.2017)

    Doris Knecht hielt diesen Vortrag am 10. August auf Einladung von Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler bei den Salzburger Festspielen. Unter dem Titel "Backlash 2.0: Donald Trump und die Frauen" sprach die Autorin im Rahmen des Symposions "Macht und Gewalt, Ohnmacht und Widerstand", an dem auch Ilija Trojanow und Konrad Paul Liessmann teilnahmen.

    • Ein Foto vom Oval Office mit nichts als Männern drauf und einer Botschaft – vor allem für uns Frauen.
      foto: imago/zuma press/imago stock&people

      Ein Foto vom Oval Office mit nichts als Männern drauf und einer Botschaft – vor allem für uns Frauen.

    • Doris Knecht ist Schriftstellerin. Ihre Romane "Gruber geht", "Besser", "Wald" und "Alles über Beziehungen" sind bei Rowohlt Berlin erschienen. Sie schreibt seit 2001 eine wöchentliche Kolumne für den "Falter", die in mehreren Bänden bei Czernin gesammelt wurde, sowie weitere Kolumnen unter anderem für die "Vorarlberger Nachrichten" und das "Servus Magazin". Sie lebt mit Familie und Freunden in Wien und im Waldviertel und arbeitet an ihrem nächsten Roman.
      foto: heribert corn

      Doris Knecht ist Schriftstellerin. Ihre Romane "Gruber geht", "Besser", "Wald" und "Alles über Beziehungen" sind bei Rowohlt Berlin erschienen. Sie schreibt seit 2001 eine wöchentliche Kolumne für den "Falter", die in mehreren Bänden bei Czernin gesammelt wurde, sowie weitere Kolumnen unter anderem für die "Vorarlberger Nachrichten" und das "Servus Magazin". Sie lebt mit Familie und Freunden in Wien und im Waldviertel und arbeitet an ihrem nächsten Roman.

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