Irakische Schiitenführer erfinden sich neu

Analyse3. August 2017, 07:00
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Die religiöse Identität scheint in der arabischen Politik momentan keine Konjunktur zu haben: Vom Golf kommt eine Säkularismus-Empfehlung, und im Irak distanzieren sich Turbanträger von ihrer schiitischen Agenda

Bagdad/Wien – Dieser Schuss ging nach hinten los: Als der Botschafter der Vereinigten Arabischen Emirate in Washington, Yousef al-Otaiba, am Samstag in einem Interview mit PBS den Säkularismus pries – den das böse Katar verweigere -, kam das in gewissen Kreisen im wahhabitischen Saudi-Arabien gar nicht gut an. "Aufruf zum 'regime change', Verschwörung gegen den Islam", solche Stimmen kamen vom saudischen Klerus, aber auch aus der Königsfamilie.

Die Affäre erhellt die schizoide Situation der neuen Führung in Riad, die sich so gibt, als habe Saudi-Arabien – das die Front gegen Katar anführt, dem die Unterstützung der Muslimbrüder vorgeworfen wird – mit dem politischen Islam nichts zu tun.

Versuch des "Rebranding" auch im Irak

Aber nicht nur in der saudischen Führung ist der Versuch eines "Rebranding" im Gange, bei dem die religiöse Identität vom Vorder- in den Hintergrund gerückt werden soll. Das Phänomen ist auch im Irak zu beobachten: vor allem bei den schiitischen Parteien und ihren Exponenten. Ob das allerdings aus einer echten Einsicht aus den Katastrophen der letzten Jahre geschieht – oder nur mit den Parlamentswahlen 2018 im Auge -, das bleibt zu sehen.

Das meiste Aufsehen erregte am Wochenende der Besuch des irakischen schiitischen Mullahs Muqtada al-Sadr beim saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman: Der Name Sadr wird bei vielen sunnitischen Muslimen noch immer vor allem mit den Verbrechen seiner schiitischen "Mahdi-Armee" an Sunniten während des irakischen Bürgerkriegs ab 2006 in Verbindung gebracht.

Sadr in Saudi-Arabien

Sadr (44), Spross einer berühmten klerikalen Familie, ist jedoch für die Saudis heute deshalb interessant und akzeptabel, weil er sich schon seit einiger Zeit als irakischer Nationalist stilisiert – was einer Absage an den iranischen Einfluss im Irak gleichkommt.

Die Saudis verfolgen neben ihrer harten Linie gegen den Iran und dem Emirat Katar, dem sie zu große Nähe zu Teheran vorwerfen, auch eine diplomatische Öffnung in Richtung Bagdad. Bevor er nach Riad eingeladen wurde, hatte Muqtada al-Sadr Ende Juni eine "parlamentarische Front" gemeinsam mit Ayad al-Allawi gebildet: ein Säkularer schiitischer Herkunft, der als Mann Saudi-Arabiens in der irakischen Politik gilt. Als Premier führte Allawi 2004 Krieg gegen Sadr, als dieser die heilige schiitische Stadt Najaf übernehmen wollte.

Was die beiden verbindet, ist der Wunsch, eine Rückkehr Nuri al-Malikis, jetzt Vizepräsident, als Regierungschef zu verhindern. Maliki steht Iran-abhängigen schiitischen Milizen nahe. Allawi und Sadr werden den Wählern ein Angebot machen wollen, bei dem keine religiöse, sondern die nationale Identität im Vordergrund steht. Immer öfter schickt Sadr dazu seinen 31-jährigen Neffen Ahmed vor, der kein Turbanträger ist.

Eine neue Hakim-Partei

Aber auch ein anderer Exponent einer wichtigen schiitischen klerikalen Familie ist dabei, sich neu zu erfinden: Ammar al-Hakim. Der 46-Jährige hat Ende Juli die Führung des "Höchsten Islamischen Irakischen Rats" (ISCI) zurückgelegt und die "Nationale Weisheitsbewegung" gegründet. Auch er wirbt um Sunniten, Christen und Kurden: eine neue allirakische Partei. Dass die Kurden angesprochen werden, ist typisch für die Neuaufstellungen: nationale Idee versus kurdischen Separatismus. Sadr versucht gar, den Kurden ihr Unabhängigkeitsreferendum auszureden.

Hakims Schritt hat auch mit langen innerparteilichen Querelen zu tun: Er konnte sich bei der alten Garde im ISCI nach dem Tod seines Vaters Abdelaziz 2009 nie ganz durchsetzen und scheiterte daran, sie loszuwerden. Aber wenn Hakim den ISCI verlässt, dann ist das mehr als eine Parteispaltung: Zumindest nach außen läuft es auf einen Bruch des wichtigsten Sprosses der Hakim-Familie mit dem Iran hinaus.

Revolutionsexport

Dort war die Partei 1982 gegründet worden: ganz explizit als Instrument für den Export der islamischen Revolution in den Irak. Bis zu seinem Tod, bei einem der ersten großen Attentate nach dem Sturz Saddam Husseins im August 2003, wurde sie von Mohammed Baqer al-Hakim geleitet, danach von dessen Bruder Abdulaziz, dem Vater Ammars.

Der ISCI – früher SCIRI, da trug er noch die "Islamische Revolution" im Namen – war die einzige irakische schiitische Partei, die Sympathien für das politische islamische System des Iran zeigte, die "Herrschaft des Rechtsgelehrten" ("velayat-e faqih"), die den politischen Institutionen einen religiösen Führer überstülpt.

Zu Hakims Programm gehört die "Entmilitarisierung" des Irak, – was als Ansage an die schiitischen Milizen gesehen werden kann, die sich dem staatlichen Gewaltmonopol entziehen. Vergessen sind die Zeiten, in denen die Badr-Miliz der militärische Arm der SCIRI war. Die Schiitenführer erfinden sich neu. (Gudrun Harrer, 3.8.2017)

  • Muqtada al-Sadr, der irakische Schiitenführer, beim saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman. Sadr stilisiert sich als irakischer Nationalist – was einer Absage an den Iran gleichkommt.
    foto: reuters / saudi royal court

    Muqtada al-Sadr, der irakische Schiitenführer, beim saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman. Sadr stilisiert sich als irakischer Nationalist – was einer Absage an den Iran gleichkommt.

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