Studie über Erdferkel wird zum ungeahnten Drama

4. August 2017, 17:06
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Südafrikanische Forscher versahen Erdferkel mit Sensoren und mussten mitansehen, wie fast alle Tiere starben

foto: ap/benjamin rey/university of the witwatersrand

Johannesburg – Das Erdferkel (Orycteropus afer) ist ein einzigartiges Tier: Es hat die Ohren eines Kaninchens, den Schwanz eines Kängurus, eine röhrenförmige Schnauze, die wie ein verlängerter Schweinerüssel aussieht, ein schütteres Fell und kurze Säulenbeine mit kräftigen Krallen.

Kein anderes Säugetier verfügt über diesen Merkmalsmix, und tatsächlich ist das Erdferkel der einzige lebende Vertreter aus der Ordnung der Röhrenzähner. Es hat nur noch weitläufige Verwandte unter den Afrotheria, zu denen unter anderem Elefanten, Seekühe und die wie übergroße Spitzmäuse aussehenden Rüsselspringer gehören.

foto: wits university

Klein ist das Erdferkel nicht: Rechnet man Körperlänge und Schwanz zusammen, können dabei an die zwei Meter herauskommen. Trotzdem ist es weitgehend unbekannt. In Anlehnung an die berühmten "Big Five" des Safari-Tourismus (Elefanten, Nashörner, Kaffernbüffel, Löwen und Leoparden) haben findige Reiseveranstalter es zusammen mit Erdwölfen (einer Hyänenart), Löffelhunden, Erdmännchen und Stachelschweinen unter dem Marketingbegriff "Shy Five" zusammengefasst.

Dass man Erdferkel so selten zu Gesicht bekommt, obwohl sie über praktisch das gesamte Afrika südlich der Sahara verbreitet sind, liegt an ihrer nächtlichen Lebensweise: Den Tag verbringen sie in selbstgegrabenen Erdhöhlen. Nachts kommen sie hervor, um mit ihren Krallen Ameisen- und Termitenbauten aufzugraben und die Insekten ganz ähnlich wie ein Ameisenbär mit der langen Zunge einzusammeln.

Und sie sind flexibler, als man ihnen angesichts ihrer Behäbigkeit zutrauen würde: Erdferkel bevorzugen zwar Savannen, kommen aber auch in Wäldern, Halbwüsten und Gebirgsregionen vor. Dank dieser weiten Verbreitung über verschiedene Lebensräume gilt die Spezies als nicht bedroht. Nun allerdings berichten Forscher der südafrikanischen University of the Witwatersrand im Fachjournal "Biology Letters", dass auch die Flexibilität von Erdferkeln Grenzen kennt.

foto: ap photo/detroit zoo,mark m. gaskill

Das Team um Andrea Fuller versah eine Gruppe von Erdferkeln in der Kalahari mit sogenannten "Biologgers", Chips mit Mini-Sensoren. Damit sollten die Aktivitätsmuster und biometrischen Werte der Tiere gemessen werden, über deren Metabolismus man nach wie vor nur wenig weiß. Diese eigentlich beschauliche Studie geriet aber zum ungeahnten Drama, an dessen Ende bis auf ein einziges Exemplar alle mit Implantaten versehenen Tiere tot waren. Und es war die ganze Population der Region betroffen: Eine Reihe von Artgenossen ohne Chip hatte dasselbe Schicksal ereilt.

Ursache war eine Hitze- und Dürreperiode, unter der die Region während des Untersuchungszeitraums litt. Den Erdferkeln selbst machten diese Bedingungen nichts aus – wohl aber ihrer Nahrung, den Ameisen und Termiten. Das stark verringerte Nahrungsangebot führte dazu, dass die Erdferkel allmählich verhungerten. Und die Forscher mussten den Prozess auf ihren Messgeräten mitverfolgen, die ihnen anzeigten, wie die Körpertemperatur der Erdferkel sukzessive sank. Zuletzt betrug sie nur noch etwa 25 Grad.

foto: wits university

Kampflos ergaben sich die Tiere nicht in ihr Schicksal: Fullers Team konnte einige Verhaltensänderungen feststellen, die die Flexibilität der Erdferkel unterstreichen. So stellten sie die Insektenjagd von den kalten Wüstennächten auf die Tage um, um Energie zu sparen. Und sie wurden dabei beobachtet, wie sie damit begannen, Sonnenbäder zu nehmen. Keine dieser Energiesparmaßnahmen reichte letztlich aber aus.

Die – wenn auch indirekte – Empfindlichkeit gegenüber Hitze und Trockenheit verheißt nichts Gutes für die Erdferkel der Region, denn der Trend geht dort laut Prognosen klar in Richtung heißer und trockener. Als Trost bleibt, dass die weit verbreitete Spezies ausreichend Rückzugsgebiete auch in feuchteren Regionen hat. (jdo, 4. 8. 2017)

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