Rundschau: Abenteuer in Retropolis

    Ansichtssache30. September 2017, 10:00
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    Neues und/oder Kultiges von Daryl Gregory, Ray Bradbury, Rainer Erler, Stephen Baxter und Daniel H. Wilson auf dem Büchermarkt

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    fotos: mantikore, fischer tor, heyne

    Neuaufgelegte Klassiker:

    Larry Niven & Jerry Pournelle: "Extraterrestrial – Die Ankunft"

    Broschiert, 400 Seiten, € 15,40, Mantikore 2017 (Original: "The Mote in God's Eye", 1974)

    Philip K. Dick: "Blade Runner"

    Klappenbroschur, 272 Seiten, € 15,50, Fischer Tor 2017 (Original: "Do Androids Dream of Electric Sheep?", 1968)

    Ursula K. Le Guin: "Freie Geister"

    Klappenbroschur, 432 Seiten, € 15,50, Fischer Tor 2017 (Original: "The Dispossessed", 1974)

    David Gerrold: "Zeitmaschinen gehen anders"

    Broschiert, 176 Seiten, € 10,30, Heyne 2017 (Original: "The Man Who Folded Himself", 1973)

    Am 8. September ist US-Autor Jerry Pournelle im Alter von 84 Jahren verstorben. Pournelle war ein Leben lang auf der konservativen Seite des politischen Spektrums aktiv, unter anderem arbeitete er an der unter der Präsidentschaft Ronald Reagans berühmt gewordenen SDI-Initiative (vulgo Star Wars) mit. Er schrieb Artikel und Kolumnen über Computertechnologie, über Militärtaktik und über Survivalism – also die Vorbereitung auf Katastrophenfälle wie beispielsweise den in seinem Weltuntergangsroman "Lucifer's Hammer".

    Als SF-Autor begann Pournelle 1973 bescheiden mit einer Adaption des Films "Flucht vom Planet der Affen". Es folgten zahlreiche weitere Romane, kürzere Erzählungen und von ihm gestaltete Anthologien, die er parallel zu seiner journalistischen und politischen Arbeit veröffentlichte. Ungewöhnlich hoch ist der Anteil an Kooperationen in seinem Werk. Pournelles bevorzugter Schreibpartner war dabei Larry Niven, mit dem ihm auch seine größten Erfolge gelangen: "Inferno", "Lucifer's Hammer" und "The Mote in God's Eye".

    Splitter im Auge

    Letzteres, im Original 1974 und auf Deutsch ein paar Jahre später als "Der Splitter im Auge Gottes" veröffentlicht, ist nun im Mantikore-Verlag unter dem Titel "Extraterrestrial – Die Ankunft" neu herausgegeben worden; neu übersetzt, sprachlich ok, aber einmal zu wenig durchs Korrektorat gelaufen.

    "Extraterrestrial" ist der ideale Lesestoff für Fans der populären SF-Formel von Space Operas und Sternenkriegen. Die Handlung, angesiedelt im frühen 4. Jahrtausend, ergibt sich aus dem Kontakt des wiederauferstandenen Imperiums der Menschheit mit einem Volk von Aliens, das aus einer Reihe spezialisierter Subspezies besteht und nicht so freundlich ist, wie es der erste Anschein vermuten ließ. Der Roman gehört zur "CoDominium"-Future-History, in der Pournelle einen großen Teil seiner Erzählungen verbunden hat, kann aber problemlos als Einzelwerk gelesen werden.

    Den nächsten Klassiker aus dem Hause Niven & Pournelle, "Lucifer's Hammer" aus dem Jahr 1977, wird Mantikore im November unter dem Titel "Komet – Der Einschlag" folgen lassen. Und der Name ist Programm: So glimpflich wie in den Filmen "Deep Impact" und "Armageddon" kommt die Menschheit hier nicht davon ...

    We love Dick

    Bald ist es so weit: Das von vielen SF-Fans gleichermaßen herbeigesehnte wie bang erwartete "Blade Runner"-Sequel kommt in die Kinos. Da weiß man echt nicht, ob man sich mehr freuen oder fürchten soll: Immerhin gilt es den Ruf des Originals aus dem Jahr 1982 zu wahren – das wohl immer noch die beste aller Verfilmungen von Philip K. Dicks Werken ist. (Und gibt es hier irgendjemanden, der sich nach der 2012er Version von "Total Recall" nicht die Augen mit einer Drahtbürste reinigen wollte?)

    Im Vorfeld des Kinostarts hat Fischer Tor den "Blade Runner" zugrundeliegenden Roman "Do Androids Dream of Electric Sheep?" aus dem Jahr 1968 unter dem mittlerweile wohl unumgänglichen Filmtitel wiederveröffentlicht. Unbedingt lesenswert! Ob vor oder nach dem Film, spielt übrigens keine Rolle. Wer den Klassiker noch nicht gelesen hat, wird bei der Lektüre nämlich feststellen, dass es sich bei Ridley Scotts Film um eine recht freie Bearbeitung des Originalstoffs handelte.

    U wie Ursula und Utopie

    Schon etwas früher, ebenfalls neuübersetzt, ist bei Fischer Tor "Freie Geister" erschienen, die jüngste Version des Klassikers "The Dispossessed" aus dem Jahr 1974 (auf Deutsch zuvor unter anderem schon als "Planet der Habenichtse" veröffentlicht). Ursula K. Le Guins Roman gilt als eines der wenigen gelungenen Beispiele für eine Utopie, die nicht langweilig ist – im Allgemeinen gibt Negatives (also eine Dystopie) ja spannenderen Stoff ab als Positives.

    Das gelang freilich vor allem dadurch, dass Le Guin ihren Protagonisten aus dem postrevolutionären Idyll seiner Heimatwelt Anarres auf den Nachbarplaneten Urras reisen lässt, der mit seinen hierarchischen und konfliktären Verhältnissen der uns vertrauten Welt wesentlich ähnlicher sieht. There and back again: Im Nachwort der aktuellen Ausgabe verweist Übersetzerin Karen Nölle darauf, wie sich in "Freie Geister" Form und Inhalt verbinden, wie die Rundreise des Wissenschafters Shevek sowohl mit seinen physikalischen Theorien als auch dem Aufbau der Erzählung und dem doppelten Gesellschaftsentwurf des Romans korrespondiert: Das ist schlicht und einfach elegant.

    Der Irrsinn des Zeitreisens

    Mein persönlicher Liebling unter den Wiederveröffentlichungen dürfte zugleich der am wenigsten bekannte der vier Titel hier sein. "The Man Who Folded Himself" aus dem Jahr 1974 habe ich vor vielen Jahren mit großem Vergnügen gelesen und empfehle die Lektüre daher gerne weiter. David Gerrold gelang es darin nämlich, dem alten und stets ein wenig problematisch gewesenen Thema Zeitreisen ganz neue Aspekte abzugewinnen.

    Als Romanheld Daniel von seinem Onkel eine äußerst einfach zu handhabende Zeitmaschine geschenkt bekommt, ist dies der Auftakt eines ungewöhnlichen Abenteuers. Und das geht erst so richtig los, als sich Daniel de facto zu multiplizieren beginnt, indem er sich beim Herumhüpfen durch die Zeit immer öfter selbst begegnet (in jedem Sinne des Wortes ...). Begriffe wie "ichbezogen" oder "selbstverliebt" erhalten hier eine ganz neue Bedeutung. Und sollte noch jemand Zweifel hegen, ob das unterhaltsam sein kann: David Gerrold ist der Mann, der für "Star Trek" die Tribbles erfunden hat.

    Ganz war's das übrigens noch nicht mit den Wiederveröffentlichungen: Auf den folgenden Seiten sind auch noch ein paar Bände mit Kurzgeschichten von anno dunnemals enthalten. Der Rest dieser Rundschau ist aber brandneu ... wenn auch auf die eine oder andere Weise rückwärtsgewandt.

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