ÖFB-Frauen sensationell im EM-Halbfinale

    30. Juli 2017, 20:55
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    5:3-Sieg im Elfmeterschießen gegen Spanien – Donnerstag um 18 Uhr gegen Dänemark um Finaleinzug

    Tilburg – Das Fußballmärchen von Österreichs Frauen-Nationalteam hat auch im EM-Viertelfinale seine Fortsetzung gefunden. Die ÖFB-Auswahl setzte sich am Sonntag in Tilburg gegen den Weltranglisten-13. Spanien nach torlosen 120 Minuten im Elfmeterschießen mit 5:3 durch und ist damit bei der eigenen Endrunden-Premiere unter den besten vier Teams Europas vertreten.

    Die ÖFB-Frauen fanden nicht so gut ins Spiel wie in den Vorrundenpartien, die Spanierinnen zeigten sich deutlich verbessert. Viktoria Schnaderbeck stand, anders als zuletzt gegen Island (3:0), in der Startformation. Die Kapitänin, die in der Partie gegen Frankreich (1:1) eine Rissquetschwunde am Knöchel erlitten hatte, nahm ihre angestammte Position in der Innenverteidigung ein. Virginia Kirchberger musste auf der Bank Platz nehmen. Der spanische Coach Jorge Vilda nahm gegenüber den Vorrundenspielen zahlreiche Änderungen vor, so stand Starstürmerin Jennifer Hermoso nicht in der Startelf.

    Hohe Bälle, keine Adressatinnen

    Bei Sonnenschein und vor nur 3.500 Zuschauern im König-Wilhelm-II.-Stadion geben die Spanierinnen den ersten Schuss (3.) ab – kein Problem für Torfrau Manuela Zinsberger. Vicky Losada schießt aus der Distanz (7.), Zinsbeger pariert. Eine Minute später verfehlt Irene Paredes aus kürzerer Distanz nur knapp das Tor. Die ballsicheren Spanierinnen verstärken den Druck, Österreich gerät zunehmend in die Defensive. Es dauert bis zur 17. Minute, als Österreich erstmals gefährlich vor das Tor von Sandra Panos kommt, ein Torschuss schaut aber nicht heraus, weil die Hereingabe von Nina Burger keine Abnehmerin findet. Wenig später haut Nicole Billa (18.) aus kurzer Distanz drüber. Amanda Sampedro zielt auf der Gegenseite knapp daneben (19.). Die Österreicherinnen verlieren zu häufig den Ball, am positivsten fällt Laura Feiersinger am rechten Flügel auf. Die hohen Bälle nach vorne finden oft keine Abnehmerin. Nach etwa 25 Minuten sind sie aber etwas besser im Spiel. 33. Minute: Billa schießt drüber – wurscht, weil aus Abseitsposition.

    Lisa Makas verlässt in Minute 42 unter Tränen den Platz. Die 25-Jährige hatte sich ohne Fremdeinwirkung verletzt (Verdacht auf Kreuzbandriss). Für sie kommt Nadine Prohaska ins Spiel. Silvia Meseguer haut wenig später von der Strafraumgrenze aus daneben. Mit einem 0:0 geht es in die Pause. Die Spanierinnen hatten deutlich mehr Spielanteile.

    Nerven bewahrt

    Wiederanpfiff. Nadine Prohaska findet die bislang beste Torchance vor, nach einem Eckball köpfelt sie aber direkt auf Spaniens Torfrau Panos (53.). Auf der Gegenseite köpfelt Mariona Caldentey (54.) daneben. Nina Burger stürmt alleine Richtung Tor (62.), verpasst es aber abzuschließen. Die Österreicherinnen sind nun gefährlicher, aber die Spanierinnen nicht aus dem Spiel. Es steht auf Messers Schneide. Unmittelbar vor dem Schlusspfiff gibt die eingewechselte Jennifer Hermoso noch einen gefährlichen Weitschuss ab. Es bleibt beim 0:0, aber es braucht eine Entscheidung, also Verlängerung. Eine Energieleistung ist gefragt. Feiersinger kommt nach einer Burger-Hereingabe nicht mehr ordentlich an den Ball (94.). Auch wenn beide Teams gelegentlich in die gegnerischen Strafräume vorstoßen, bleiben Torschüsse eine Rarität. Nach 105 Minuten steht es noch immer 0:0. Eine Flanke der eingewechselten Alexia Putellas zieht am Tor vorbei (108.), Viktoria Pinther ersetzt Sarah Zadrazil (110).

    Die eingewechselte Torrecilla versucht die weit vor dem Tor stehende Zinsberger zu überlisten – gelingt nicht (114.). Gegen Ende drängen die Spanierinnen auf das Tor, Zinsberger ist aber stets zur Stelle. Es geht ins Elfmeterschießen, das Teamchef Dominik Thalhammer bewusst nicht üben hat lassen. "Elfmeter sind eine mentale Sache", hatte er gesagt.

    Und Österreich schafft es tatsächlich, jeder Elfer landet im Tor. Zinsberger pariert den Schuss von Meseguer. Sarah Puntigam haut den entscheidenden letzten Elfer rein. Halbfinale! Unfassbar. Am Donnerstag geht es in Breda um 18 Uhr gegen die Däninnen, die Sonntagnachmittag völlig überraschend Deutschland aus dem Turnier geworfen haben (2:1). Gegen Dänemark hat Österreich im letzten Test vor der EM in Wiener Neustadt mit 4:2 gewonnen. Thalhammer: "Die mentale Stärke war ungeheuer. Ich bin sehr stolz." (Birgit Riezinger, 30.7.2017)

    Fußball-Frauen-EM, Viertelfinale, Sonntag

    Österreich – Spanien 0:0 n. V., 5:3 im Elfmeterschießen
    Willem-II-Stadion Tilburg, 3.500 Zuschauer, SR Stephanie Frappart (FRA)

    Elfmeterschießen:
    1:0 – Feiersinger trifft
    1:1 – Garcia trifft
    2:1 – Burger trifft
    2:2 – Sampedro trifft
    3:2 – Aschauer trifft
    3:2 – Meseguer scheitert an Zinsberger
    4:2 – Pinther trifft
    4:3 – Corredera trifft
    5:3 – Puntigam trifft

    Österreich: Zinsberger – Schiechtl, Wenninger, Schnaderbeck, Aschauer – Zadrazil (110. Pinther), Puntigam – Feiersinger, Billa (81. Kirchberger), Makas (42. Prohaska) – Burger

    Spanien: Panos – Corredera, Torrejon, Paredes, Leon – Meseguer, Sampedro, Losada (68. Putellas) – Caldentey (56. Garcia), Paz (112. Torrecilla), Latorre (76. Hermoso)

    Gelbe Karten: Wenninger, Aschauer bzw. Leon, Torrejon

    Halbfinale:

    Donnerstag, 3. August:

    Dänemark – Österreich in Breda (18 Uhr)

    Niederlande – England in Enschede (20.45 Uhr)

    Stimmen:

    Dominik Thalhammer (Teamchef Österreich): "Wir haben das erwartet schwere Spiel erlebt. Wir sind nicht ganz so oft in diese Pressingsituation gekommen, wie wir wollten. Aber wir haben extrem gut verteidigt und mit extrem viel Herz gespielt. Auch in der Verlängerung und im Elfmeterschießen haben wir eine unglaubliche mentale Stärke gezeigt. Das ist ein unglaublicher Moment. Ich bin einfach stolz, was da in den letzten Jahren passiert ist.

    Wir haben dieses Spiel letztendlich vielleicht auch verdient im Elfmeterschießen gewonnen. Wir haben in den letzten vier Spielen bei einer Europameisterschaft gegen Topgegner nur ein Tor bekommen. Wir haben hervorragend verteidigt, das muss man auch anerkennen. Man muss das natürlich auch erst verdauen. Dass wir jetzt im Semifinale stehen, ist unglaublich. Unschlagbar ist auch Dänemark nicht. Das wird wieder ein sehr, sehr enges Spiel werden."

    Manuela Zinsberger (Torfrau Österreich): "Es ist unglaublich, einfach, was meine Mannschaft hier wieder gezeigt hat. Es war ein hartumkämpftes Spiel. Mehr kann ich gar nicht dazu sagen, ich bin sprachlos. Man muss sich eine Ecke aussuchen und mit vollem Elan in die Ecke springen, dann kann man ihn halten. Bei uns haben alle fünf getroffen, das macht mich auch stolz. Auf welchem Level wir mental sind, ist einfach unglaublich."

    Sarah Puntigam (Mittelfeldspielerin Österreich, entscheidender Elfmeter): "Wir waren generell alle voll locker drauf. Irgendwie war ich mir sicher, dass ich ihn reinmache. Ich habe ein paar Mal durchgedacht, wie ich ihn schieße. Dass er dann reingeht, ist einfach nur geil. Wir konnten das Pressing nicht so spielen, wie wir uns das vorgestellt haben. Wir waren dann schon viel am Verteidigen. Wir haben es dann aber trotzdem gut gemacht. Wir können es selber noch nicht glauben. Das ist für uns selber noch ein Wahnsinn. Wir sind mental richtig stark und als Team."

    Viktoria Schnaderbeck (Kapitänin Österreich): "Es ist eigentlich nicht in Worte zu fassen. Nach einem Elfmeterschießen ins Halbfinale einzuziehen ist unglaublich. Es war intensiv. Die Spanierinnen haben einen sehr gepflegten Ballbesitz gehabt, wir haben aber defensiv sehr gut gearbeitet und keine wirklich großen Chancen zugelassen. Irgendwie haben wir alle eine gewisse Gelassenheit gespielt, auch beim Elfmeterschießen waren wir noch locker. Großes Lob an alle Spielerinnen, die da Verantwortung übernommen haben und den so souverän versenkt haben."

    Jorge Vilda (Spanien-Teamchef): "Ich habe die Startformation verändert, und die Mannschaft hat eine großartige erste Hälfte gespielt. Wir haben insgesamt alles versucht, aber es war nicht genug. Wir hatten, wie auch schon zuvor, Probleme damit, unsere Chancen zu verwerten. Es ist aber auch schwer, gegen diese österreichische Mannschaft ein Tor zu erzielen. Die Mädels haben einen guten Job gemacht, genauso wie jene von Österreich. Wir haben eine große Möglichkeit ausgelassen, das Semifinale zu erreichen."

    • Der Moment der Entscheidung.
      foto: apa/punz

      Der Moment der Entscheidung.

    • Sarah Puntigam blieb cool beim letzten und alles entscheidenden Elfmeter.
      foto: imago/revierfoto

      Sarah Puntigam blieb cool beim letzten und alles entscheidenden Elfmeter.

    • Die Vorentscheidung: Manuela Zinsberger pariert.
      foto: apa/punz

      Die Vorentscheidung: Manuela Zinsberger pariert.

    • Das EM-Märchen der österreichischen Frauen-Nationalmannschaft geht weiter.
      foto: apa/punz

      Das EM-Märchen der österreichischen Frauen-Nationalmannschaft geht weiter.

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