Karl Heinz Bohrer: Vom Abenteuer des radikalen Denkens

    24. Juli 2017, 12:35
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    Der deutsche Literaturwissenschafter und Intellektuelle legt den zweiten, großen Teil seiner Autobiografie vor

    Wer sich professionell mit Fantasie beschäftigt, dem fehlt es in seinem Leben in der Regel an solcher. Denn welche Professorin für Germanistik, welcher Ordinarius für Literaturwissenschaft führt schon ein Leben voller Fantasie? In der Regel ist es so, dass die akademische Orthodoxie jeden Funkenflug der Fantasie- und Sprachkraft austritt.

    Wie sieht denn auch ein solches Leben aus? Matura. Studium. Promotion. Assistentenzeit. Habilitation. Professur an einer kleinen Hochschule in der Provinz. Professur an einer mittleren Universität. Vielleicht noch Ordinarius an einer namhaften Universität.

    Dagegen steht der 1932 in Köln geborene Karl Heinz Bohrer. Seine intellektuelle Biografie Jetzt ist ein gewaltiges Buch und tatsächlich ein Abenteuer mit der Fantasie. Gewaltig im Umfang ist es, gewaltig im Anspruch, gewaltig in seiner Diktion; und gewaltig langweilig sind auch einige Passagen.

    Es setzt Granatsplitter von 2012 fort. War dieses eine Kindheits- und Jugenderinnerung, so ist jenes nun die Schilderung des intellektuellen Erwachens, Aufblühens, Wirkens und, auch das, Verglühens. Zu erzählen hat Bohrer vieles, auf das einzulassen sich lohnt, auch wenn es mitunter geduldiger Langmut bedarf.

    Die Anfänge

    Man folgt ihm durchs Studium in Göttingen und Heidelberg einschließlich erotischer Eskapaden. Schon damals erwies er sich als radikal individualistisch. 1968 wurde er Leiter der Literaturredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Selbst bei diesem damals äußerst bildungsbürgerlichen Blatt stand er an der Tête des hochfahrend Elitären. Noch nach vier Jahrzehnten rapportiert er seinen damaligen Spitznamen: "Lord Extra".

    Ende 1973 wurde er ersetzt durch das genaue Gegenteil an Temperament und Attitüde, durch Marcel Reich-Ranicki, den er mit herablassender Arroganz in wenigen Sätzen abtut. Von 1974 bis 1982 war Bohrer Kulturkorrespondent in London. Dabei kam ihm der journalistische Impuls abhanden, er strebte zurück an die Universität. Mit einer Abhandlung über die Ästhetik des Schreckens habilitierte er sich, wurde 1982 Professor in Bielefeld, lehrte dort bis 1997.

    Einzelgänger

    Ein Einzelgänger seines Faches Literaturwissenschaft war er von Anbeginn. Einzelgänger blieb er, auch weil er in Paris lebte und nach Deutschland pendelte. Als Einzelgänger widmete er sich ästhetischen Theorien, ignorierte alle modischen Wellen, kaprizierte sich auf Interpretationen von Literatur und Philosophie zwischen Friedrich Schlegel, Novalis, Hölderlin, Baudelaire und der Hochmoderne. Er organisierte keine Konferenzen, sondern schrieb anspruchsvolle Bücher. Und spann ein Lebenswerk über das Motiv der Plötzlichkeit, des Jetzt, über die bis zum Äußersten konzentrierte Intensität des Lebens in der Kunst im Einfallsmoment.

    Zudem übernahm Bohrer 1984 die Herausgeberschaft des Merkur, der "Zeitschrift für europäisches Denken", so der stolze Untertitel. Er war somit, ungewöhnlich genug in Deutschland, Professor und schneidend formulierender öffentlicher Intellektueller, der Debatten anstieß und von hoher, äußerst belesener Warte aus polemisierte.

    Berühmt seine Antwort an Peter Glotz, damals Bundesgeschäftsführer der SPD und deren "Vordenker", der Bohrer als Neokonservativen gebrandmarkt hatte: Solange Glotz nicht Friedrich Schlegels Text Über die Unverständlichkeit gelesen und verstanden habe, sei er für ihn, Bohrer, nicht satisfaktionsfähig. Besonders berührend ist dann die Schilderung des ansonsten emotional diskreten Autors, wie er sich in Undine Gruenter (1952-2002) verliebte, mit ihr zusammenlebte, wie sie zur gerühmten Autorin wurde und einer heimtückischen Krankheit erlag.

    Aufregende Reflexionen

    Im Schlusskapitel, mit knapp 50 Seiten die schmalste Sektion, die mit dem Rückzug vom Merkur 2012 einsetzt, ist Bohrer ganz in der Gegenwart. Aufregend sind seine Reflexionen über Europa und die aktuelle Politik. Zweifach aufregend. Weil die Analyse des heute in London Lebenden unverstellt ist. Wie er mit Furor den Komplex von provinziellem Nicht-denken-Können und Nicht-reden-Wollen kontinentaleuropäischer Politbürokraten ausleuchtet, ist imposant – es wird nur ohne jedes Echo sein, sind doch seine Sätze stets länger als 160 Zeichen. Zum anderen steigert sich der Erzliberale hier in einen etwas befremdlichen kulturreaktionären Pessimismus.

    Das Elitäre als das einzig Mögliche. Das Herausfordernde als geistiger Normalzustand. Erkenntnisarbeit als oberste Norm der Existenz. Dies klingt antiquiert, besonders in Zeiten, in denen infolge der fatalen Bologna-Reform die geisteswissenschaftlichen Fakultäten zu Minderleistungsabteilungen herabgefahren wurden. So strahlen auch um so stärker seine Schilderungen der Stanford University, an der er nach seiner Emeritierung jahrelang lehrte.

    Ins Schwärmen gerät Bohrer, wenn er über die interpretatorischen Höhenflüge der wenigen, höchstbegabten Teilnehmer schreibt. So beschwört dieses Buch bereichernde, glückhaft intensive Geisteszustände im Leben, Nachdenken und Kunstbetrachten. Deswegen ist es so lesenswert. Gerade heute, gerade jetzt. (Alexander Kluy, Album, 24.7.2017)

    • Herausforderung als Normalzustand: der Intellektuelle und Kulturkritiker Karl Heinz Bohrer.
      foto: imago / manfred segerer

      Herausforderung als Normalzustand: der Intellektuelle und Kulturkritiker Karl Heinz Bohrer.


    • Karl Heinz Bohrer, "Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie". € 26,80 / 544 Seiten. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2017
      cover: suhrkamp

      Karl Heinz Bohrer, "Jetzt. Geschichte meines Abenteuers mit der Phantasie". € 26,80 / 544 Seiten. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2017

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