Chinesen kaufen weniger Firmen in Europa – in Österreich aber mehr

18. Juli 2017, 10:38
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Im Vorjahr wurden alle Rekorde gebrochen, heuer kaufen chinesische Firmen weniger

Wien – Die Einkaufslust chinesischer Investoren in Europa war im ersten Halbjahr gedämpft. Die Transaktionen waren mach dem Rekordjahr 2016 rückläufig, wie aus einer Analyse des Beratungsunternehmens EY hervorgeht. Lediglich in Österreich und in Schweden stieg die Zahl der Deals. Für das Gesamtjahr sind europaweit keine Rekorde in Sicht.

Im Fokus chinesischer Käufer stehen Industriefirmen, gefolgt von Technologie- und Finanzunternehmen. Das Mergers & Acquisitions-Volumen erreichte heuer in den ersten sechs Monaten mit 26,3 Mrd. Euro zwar den zweithöchsten Stand für ein Halbjahr überhaupt, im Vorjahreszeitraum wurde aber mit rund 73 Mrd. Dollar fast drei Mal so viel investiert.

Die Zahl der Transaktionen sank im Berichtszeitraum um ein Drittel von 176 auf 117 Zukäufe. In Deutschland ging die Zahl von 35 auf 25 zurück, in Großbritannien von 27 auf 24, in Italien von 18 auf 12 und in Frankreich von 23 auf 10.

Mehrheitseigentümer bei C-Quadrat

Einen Anstieg bei den Transaktionen gab es in Schweden (von zwei auf fünf) und in Österreich von zwei auf drei. In Österreich wurde der Mischkonzern HNA Group – seit kurzem auch größter Anteilseigner der Deutschen Bank – Mehrheitseigentümer bei der Wiener Fondsgesellschaft C-Quadrat. Die im Eigentum von Ningbo Joyson Electronic stehende PIA Automation Holding übernimmt den Automationsspezialisten M&R Automation aus Grambach bei Graz und die chinesische Haier Group steigt bei dem Kärntner Solar-Unternehmen Greenonetec ein. Bei allen drei Transaktionen wurde der Wert laut EY nicht veröffentlicht.

"Österreich befindet sich nach wie vor nur am Rande des Radars chinesischer Investoren", so Eva-Maria Berchtold, Leiterin Transaction Services bei EY Österreich laut Pressemitteilung. Daher wirke sich die abebbende Kauflust hierzulande kaum aus. Die vereinzelten M&A-Aktivitäten chinesischer Investoren verdeutlichten aber, dass sie auch in Österreich gezielt nach einzelnen Top-Betrieben mit starker Spezialisierung und führenden Technologien Ausschau hielten, so Berchtold.

Kauf von Logicor der größte Deal

Der europaweit größte Deal war im ersten Halbjahr in Großbritannien der Kauf der Blackstone-Tochter und Logistikplattform Logicor durch den chinesischen Staatsfonds China Investment Corporation für rund 13,7 Mrd. Dollar. Die zweitgrößte Transaktion war der etappenweise Einstieg von HNA bei der Deutschen Bank, der über die Wiener C-Quadrat läuft. Zum Zeitpunkt der letzten Aufstockung Ende April hatte das Aktienpaket laut EY einen Wert von knapp 3,4 Mrd. Euro. Auch die Nummer drei betraf Deutschland: das Übernahmeangebot der Creat Group für die Biotest AG steht noch unter dem Vorbehalt der Behördenzustimmung und beläuft sich auf knapp 1,3 Mrd. Dollar.

Generell gehe die Shoppingtour chinesischer Unternehmen zwar weiter, allerdings pendelten sich die Aktivitäten langsam wieder auf Normalmaß ein, so Berchtold. Chinesische Unternehmen schauten sich Übernahmekandidaten heute viel genauer an. Spekulative Investitionen gehörten eher der Vergangenheit an. In den Fokus gerückt seien vor allem Zukunftstechnologien – wenn sich Gelegenheiten ergeben, stünden chinesische Investoren nach wie vor bereit. "Deswegen ist das chinesische Interesse an europäischen Firmen nach wie vor enorm."

Zugang zu Hochtechnologie

Chinesische Unternehmen wollten durch Übernahmen in Europa Zugang zu den westlichen Märkten und konkurrenzfähigen Hochtechnologien erhalten, so Yi Sun, Leiterin der China Business Services Deutschland, Österreich und Schweiz bei EY. Auf dem Heimatmarkt seien die Wachstumsperspektiven begrenzt. Gerade im industriellen Bereich sei der Wirtschaftsraum Europa weiterhin sehr attraktiv für Chinesen. Zusätzlich rückten auch mögliche Ziele in den Sektoren Energie und Pharma mehr in den Fokus, weil es in China in diesem Bereich großen Nachholbedarf gebe. "Nur im Bereich der kommerziellen Immobilien sind die Chinesen noch im Beobachtungsmodus."

Neue Rekorde seien aber nicht in Sicht, so Yi Sun. Es gebe eine Reihe limitierender Faktoren. So würden von europäischer Seite Angebote für Technologieführer "kritisch begleitet, weil ein Ausverkauf wichtiger Technologien befürchtet wird". China wolle durch verschärfte Kontrollen die Kapitalflucht verhindern.

Beim Transaktionsvolumen lag das Vereinigte Königreich heuer im ersten Halbjahr (mit 15,8 Mrd. Dollar, nach 2,7 Mrd. Dollar im Vorjahreszeitraum) an erster Stelle, gefolgt von Deutschland (6,5 Mrd. Dollar, nach 10,5 Mrd. Dollar) und Italien (1,8 Mrd. Dollar, nach 0,5 Mrd. Dollar). (APA, 18.7.2017)

  • Chinesische Übernahmen von europäischen Firmen gehen etwas zurück.
    foto: reuters / bensch

    Chinesische Übernahmen von europäischen Firmen gehen etwas zurück.

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