"Deutsche Tugenden 2.0" und kein Ende in Sicht

3. Juli 2017, 17:52
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"Unser Weg", so heißt das Video, in dem der DFB sein Konzept beschreibt. Die Siege im Confed Cup und bei der U21-EM zeigten, dass der Plan aufgegangen ist

Frankfurt/Wien – Manche Videos im Internet sind durchaus sehenswert. David Bowie und Annie Lennox mit Under Pressure kann man sich immer wieder reinziehen. Auch die Homepage des Deutschen Fußballbunds (DFB) ist zu empfehlen. Auf dfb.de findet sich unter dem Titel "Der DFB" neben Verbandsstruktur, Verbandsrecht, Verbandsservice und DFB-Geschichte der Punkt "Sportliche Strukturen". Hier geht's weiter zum "Sportlichen Leitbild", und dort findet sich das Video "Unser Weg".

Binnen 3:25 Minuten wird erklärt, wie der deutsche Fußball dorthin gekommen ist, wo er steht – ganz oben. Das wurde nach dem WM-Titel 2014 nun mit dem Gewinn des Confed Cups und der U21-EM unterstrichen. Da, beim 1:0 gegen Chile in St. Petersburg, wie dort, beim 1:0 gegen Spanien in Krakau, siegten die Deutschen ersatzgeschwächt. "Unser Weg", das Video, liefert dazu folgende Erklärung: In Deutschland würde sich niemand "auf Erfolgen ausruhen", man müsse sich stets "weiterentwickeln" , es würden "alle an einem Strang ziehen".

DFB-Teamchef Joachim Löw, der sechs Debütanten nominiert hatte, nannte sein Confed-Cup-Aufgebot ein "Perspektivteam". Nur drei Spieler (Draxler, Ginter, Mustafi) aus dem WM-Kader 2014 waren dabei. Die erste Garnitur erholt sich und kuriert Verletzungen aus, die zweite bis dritte Garnitur sprang ein, als wäre das gar nichts. Beobachter waren begeistert. "Auf Jahre hinaus unschlagbar", wurde getwittert.

Mag sein, das stimmt, und vielleicht hat's mit dem "Weg" zu tun. Laut Video will man eine "Orientierung" geben, aber Trainern und Spielern auch "Freiraum" lassen. "Oberstes Ziel ist die Freude am Fußball", heißt es. Das Spiel solle aber "nicht zum Selbstzweck werden". Der DFB will "nicht nur die Fußballerin und den Fußballer, sondern den Menschen individuell fördern", meint: "ganzheitliche Ausbildung". Dahinter stehen Verbände und Vereine, aber auch Schulen und Kindergärten.

"Enorm entwickelt"

Der deutsche Fußball habe sich "in den letzten zehn Jahren", also wohlgemerkt erst nach dem WM-Sommermärchen 2006 mit dem Semifinalscheitern gegen Italien, "enorm weiterentwickelt". Da seien "typisch deutsche Tugenden" wie Ehrgeiz und Disziplin "im spielerischen und mentalen Bereich erweitert" worden, durch "Offenheit, Teamgeist und Kommunikation". Das alles ergebe "die deutschen Tugenden 2.0".

Technisch-taktische Qualitäten "unserer Spielerinnen, Spieler und Teams" haben zur Entwicklung einer "Spielvision" noch beigetragen, dabei handle es sich um "unsere Vision des modernen Spiels". Diese Spielvision bedinge klarerweise eine "Ausbildungsvision" im Trainerbereich, was sich in jeder Trainingseinheit niederschlagen soll ("Trainingsvision"). Daran können sich "Trainer und Mitarbeiter im deutschen Fußball orientieren", heißt es abschließend in "Unser Weg". Schließlich wolle man "bleiben, was wir in unserer langen Historie immer waren – Weltspitze".

Kompakt, schnell, variabel

Auf die einzelnen Visionen zu Ausbildung, Training und Spiel wird näher eingegangen, nicht im Video, sondern textlich. Unter "Spielvision" wird auch Teamchef Löw zitiert, der da sagt: "Aggressiver, dynamischer, attraktiver, aktiver Fußball – mit diesen Schlagworten lässt sich unsere Spielphilosophie umschreiben. Im Detail wollen wir eine kompakte defensive Organisation, schnelle Umschaltaktionen und variable Angriffsmuster."

Das alles ist recht ausführlich, und daran wird sich natürlich auch das deutsche U19-Team halten, das seit gestern bei der EM in Georgien spielt. Auch für diese Truppe gelten die Ziele, die DFB-Sportdirektor Horst Hrubesch formuliert: "Spaß haben, Titel gewinnen." Es hilft, wenn man sich an die vom DFB definierte "Spielauffassung" hält. Punkt eins: "Wir wollen den Ball." Punkt drei: "Wir finden unter Zeit-, Raum- und Gegnerdruck die richtige Lösung." Der Rest ergibt sich. (Fritz Neumann, 3.7. 2017)

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Sportliches Leitbild des DFB

  • Lars Stindl (rechts), der Torschütze im Finale gegen Chile, und Timo Werner, der Assistent, sind zwei von etlichen deutschen Offensivhoffnungen.
    foto: apa/afp/cortez

    Lars Stindl (rechts), der Torschütze im Finale gegen Chile, und Timo Werner, der Assistent, sind zwei von etlichen deutschen Offensivhoffnungen.

  • Joachim Löw formte einen zusammengewürfelten Haufen zur Einheit. Er hatte "drei Wochen Spaß", war "megastolz auf die Mannschaft".
    foto: ap/sekretarev

    Joachim Löw formte einen zusammengewürfelten Haufen zur Einheit. Er hatte "drei Wochen Spaß", war "megastolz auf die Mannschaft".

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