Rundschau: Von Xeelee und anderen Superwesen

    Ansichtssache5. August 2017, 10:00
    41 Postings

    Ein Frühwerk George R. R. Martins und neue Phantastik-Romane von Stephen Baxter, Joe Hill, Tom Holt und Hao Jingfang

    Bild 8 von 12
    foto: knaur

    Patrick S. Tomlinson: "The Ark. Die letzte Reise der Menschheit"

    Broschiert, 416 Seiten, € 10,30, Knaur 2017 (Original: "The Ark", 2016)

    Life imitates art! Oder doch art life? "Aluhutträger" ist in unseren Foren zum Modeschimpfwort geworden – in Patrick S. Tomlinsons "The Ark" hingegen wickeln sich manche Menschen wirklich Alufolie um den Kopf, um der allgegenwärtigen freundlichen Überwachung an Bord ihres Generationenschiffs zu entgehen. Selbst der Romanheld wird noch zu diesem Mittel greifen. – Schimpfwörter sind auf der interstellaren Reise dafür ganz andere in Umlauf: Die Besatzung nennt die Passagiere "Vieh", und die bezeichnen die oft in Schwerelosigkeit agierende Crew mit subtilem Humor als "Schweber". Der Originalausdruck floaters macht noch deutlicher, worauf dieses Bild gemünzt ist: auf Scheißeklumpen, die im Wasser treiben.

    Das klingt jetzt allerdings konfliktärer, als das Szenario letztendlich ist. Denn alles in allem geht es an Bord der Arche, die seit 230 Jahren zum System Tau Ceti unterwegs ist, doch sehr zivilisiert zu. Allerdings wurden die Ahnen der aktuell 50.000 Menschen an Bord ja auch danach ausgesucht, dass sie genetisch divers und psychologisch stromlinienförmig sind, das wirkt immer noch nach. 50.000 ... und mehr gibt es auch nicht mehr. Ein Nibiru benanntes Schwarzes Loch ist nämlich ins Sonnensystem eingedrungen und auf die Erde zugesteuert – ein Generationenschiff nach Tau Ceti zu schicken, war eine letzte Verzweiflungstat vor dem Weltuntergang. Dass die Menschen an Bord damit nur eine Teilversion der Wahrheit wissen, werden wir gegen Ende sehen.

    Der Plot

    Gewaltverbrechen kommen an Bord eher selten vor. Da der US-Autor und Stand-up-Comedian Patrick S. Tomlinson sein Romandebüt aber als Weltraumkrimi angelegt hat, ist es genau einer dieser seltenen Fälle, der die Handlung in Gang setzt. Ein Genetiker ist verschwunden und wird später tiefgekühlt an der Außenhülle gefunden. Nach offizieller Lesart war es ein Selbstmord, doch der Polizist Bryan Benson ist anderer Meinung. Dass er seinem Verdacht nachgeht, bleibt natürlich nicht ohne Folgen: Schon bald wird auch auf ihn ein Anschlag verübt. Das alles geschieht ausgerechnet kurz vor der entscheidenden Flugphase, in der die Arche nahe am Ziel ist und ein gewaltiges Bremsmanöver eingeleitet werden soll.

    Detective Benson ist eine erfrischende Abwechslung zum Klischee vom unbestechlichen Ermittlergeist im Körper eines abgesandelten Loners: Vor seiner Polizeikarriere war Detective Benson ein populärer Sportler (mal was Neues!) und hält sich immer noch fit. Und durch Verbitterung vereinsamt ist er auch nicht, stattdessen lebt er in einer zwar nicht legitimierten, aber alles in allem gut laufenden Beziehung mit seiner Kollegin Theresa. Nur in puncto Unbestechlichkeit entspricht er den Erwartungen. Allerdings müssen wir uns ein bisschen Sorgen um seine Kombinationsgabe machen. Tomlinson hat seinen Roman mit einigen überraschenden Twists angereichert – diese haben aber ungewollt auch den Nebeneffekt, die Spürnasenqualität des Helden in Zweifel zu ziehen. Und dass sich Benson mitunter sauber irrt, wird noch katastrophale Folgen haben.

    Auf jeden Fall eine Extraerwähnung verdient hat sich noch die Nebenfigur Devorah Feynman: Eine ebenso verschrumpelte wie resolute Museumskuratorin, die auch im hohen Alter noch jedem zeigt, wo der Frosch die Locken hat.

    Insgesamt betrachtet kein übles Debüt

    "The Ark" ist ein Hybrid aus Krimi und Space Opera. Die Ermittlungen mit allem, was da eben so dazugehört, bestimmen zwar den Ablauf des Plots – doch darf man sich erwarten, dass das Motiv der Tat eines ist, das nur in einem SF-Kontext funktionieren würde (die Buchrückseite deutet meiner Meinung nach schon ein bisschen zu viel an). Es wird eine Auflösung geben und damit die aktuelle Handlung auch abgeschlossen sein. Keine Angst also, wenn jemand im Netz darüber stolpert, dass es bereits einen zweiten Band gibt und der dritte in Bälde folgt: Diese bauen zwar auf "The Ark" auf, doch ist deren Erwerb keine Voraussetzung für eine befriedigende Lektüre des ersten. EsistkeineTrilogieesistkeineTrilogieesistkeineTrilogie.

    Was wiederum die SF-Aspekte anbelangt, hat Tomlinson gar nicht erst versucht, das alte Thema Generationenschiff unbedingt mit neuen Aspekten versehen zu müssen. Die Arche ist nach zwei Jahrhunderten zwar schon ein wenig abgenutzt – aber weit entfernt von den Visionen einer pilzverseuchten Todesfalle, der der Reihe nach alle Ressourcen ausgehen, wie sie Kim Stanley Robinson jüngst in "Aurora" heraufbeschwor. Wie um zu unterstreichen, dass sein Ansatz eher Old School ist, lässt Tomlinson seine Arche nach dem fast schon vergessenen Konzept des Orion-Antriebs (also mit seriell gezündeten Atombomben) fliegen. Und auch die wie schon erwähnt zivilisierte Bordgesellschaft hat eine gewisse Anmutung von Mitte 20. Jahrhundert.

    Ja, der Roman erweitert nicht wirklich die Parameter des Genres. Und ja, die Übersetzung hätte an einigen Stellen noch nachgeschärft werden können. Aber ich wollte vom ersten Kapitel an wissen, wie's weiter- und ausgeht. Kernanforderung erfüllt.

    weiter ›
    Share if you care.