Rundschau: Von Xeelee und anderen Superwesen

    Ansichtssache5. August 2017, 10:00
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    Ein Frühwerk George R. R. Martins und neue Phantastik-Romane von Stephen Baxter, Joe Hill, Tom Holt und Hao Jingfang

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    foto: fischer tor

    Seth Dickinson: "Die Verräterin. Das Imperium der Masken"

    Klappenbroschur, 557 Seiten, € 17,50, Fischer Tor 2017 (Original: "The Traitor Baru Cormorant", 2015)

    Was er sagt: "Es wird Turbulenzen geben und Verwirrung und Verderben. Das passiert, wenn etwas Kleines Teil von etwas Gewaltigem wird." Was sie sieht: [...] in diesen Augen erahnte sie ein ganzes Imperium, einen Mechanismus der Herrschaft, der sich aus der Arbeit vieler Millionen Hände selbst errichtete. Gnadenlos, nicht aus Grausamkeit oder Hass, sondern weil er zu gewaltig und zu fest auf seine Bestimmung ausgerichtet war, um sich für die kleinen Tragödien zu interessieren, die seine Ausbreitung mit sich brachte. – Perspektiven auf eine schleichende Invasion durch eine Großmacht ...

    Hard Fantasy

    Baru Kormoran ist noch ein Kind, als ihre Heimatinsel Taranoke dem Imperium der Masken einverleibt wird. Es geschieht nicht durch einen Eroberungskrieg, sondern ganz "sanft" durch sukzessives wirtschaftliches Abhängigmachen. Als eine Seuche ausbricht (es wird offengelassen, ob sie absichtlich verbreitet wurde) und das zuvor bestens funktionierende Gesellschaftssystem Taranokes zusammenbricht, übernimmt das Imperium von Falcrest die Verwaltung, krempelt die Insel zur Rohstoffquelle um und lässt auf die ökonomische Unterwerfung eine kulturelle folgen: In der rigiden Sexualmoral der Masken ist kein Platz mehr für die polyamorösen Traditionen Taranokes.

    Es ist Kolonialismus wie aus dem Lehrbuch, den US-Autor Seth Dickinson hier in seinem Roman-Debüt beschreibt. "Die Verräterin" liest sich, als hätte er vorab die Thesen des Ökonomen und Anthropologen Jared Diamond ganz genau studiert. Dessen populärstes Werk heißt auf Deutsch "Arm und Reich", viel besser ist aber der Originaltitel, der die Vorteile der europäischen Kolonialherren gegenüber den indigenen Bevölkerungen der Neuen Welt griffig zusammenfasste: "Guns, Germs, and Steel".

    Für Romane wie den vorliegenden gibt es im Englischen mittlerweile den Begriff "Hard Fantasy". Er bezeichnet Fantasy-Werke, die ohne Magie, übernatürliche Wesen, Drachen usw. auskommen und stattdessen ganz auf handfeste Realpolitik (Englisch: realpolitik) setzen – lediglich versetzt in eine fiktive Welt. Ein gutes Beispiel dafür sind die meisten Werke K. J. Parkers, auf deren Humoranteil Dickinson allerdings verzichtet hat. Wenn man will, könnte man "Die Verräterin" als Parker-Geschichte beschreiben, die mit den Mitteln von Ann Leckie erzählt wird. Zur Illustration, was Hard Fantasy bedeutet: Wenn Hauptfigur Baru, mittlerweile zur imperialen Beamtin geworden, zu einer "magischen Wunderwaffe" greift, handelt es sich dabei nicht um irgendein göttliches Artefakt, sondern um ... eine künstlich ausgelöste Inflation.

    Werdegang einer Verräterin

    Baru wird auf eine der neuen Schulen im Falcrester Stil geschickt und dort mit entsprechendem Gedankengut indoktriniert. Über die Jahre erweist sie sich als hochbegabt und erhält nach dem Abschluss einen bemerkenswert hochrangigen Posten: Man schickt sie als Reichsbuchhalterin in ein schon vor längerer Zeit annektiertes Gebiet, das notorisch aufrührerische Aurdwynn – ein Sammelsurium konkurrierender Herzogtümer, denen nur die Eigenschaft gemeinsam ist, dass sie sich schlecht beherrschen lassen.

    Dort knüpft Baru eine Reihe von Beziehungen, die allesamt einen recht zweischneidigen Eindruck machen: etwa zur Herzogin Tain Hu (ein potenzielles Love Interest) oder zur Jurispotenzia Xate Yawa. Die Trennlinie zwischen FreundIn und FeindIn ist kaum je auszumachen – ein Spiegel der undurchsichtigen politischen Verhältnisse in Aurdwynn. Eindeutig ist nur eines: Von heroischer Gut-Böse-Fantasy sind wir hier Lichtjahre entfernt. Wenn es später zum Aufstand kommt und ein Krieg folgt, dann wird dieser so dreckig ausfallen, wie es nur geht: Realpolitik von ihrer allerhässlichsten Seite.

    Innerer Konflikt

    Mindestens ebenso wichtig wie die äußere Handlung ist aber der Konflikt, der sich in Barus Psyche abspielt. Auf der einen Seite sind ihr die Werte des Imperiums eingetrichtert worden; darüber hinaus ist sie von dessen wissenschaftlichen Fortschritten und nicht zuletzt seiner schieren Macht ehrlich fasziniert. Auf der anderen Seite hat sie nicht vergessen, dass das Imperium ihre Familie und ihre Kultur zerstört hat: ein guter Grund für Rache. Die Aufständischen wären damit eigentlich ihre natürlichen Verbündeten. Für welche Seite soll sie sich also entscheiden?

    Schon früh hat sie den Beschluss gefasst, das Spiel des Imperiums mitzuspielen, um sich im System hochzuarbeiten und es dann von innen zu verändern. Und wie jeder, der sich für die Doppelagenten-Strategie entschieden hat, steht sie damit vor dem alten Dilemma: Wie weit soll sie fremde Interessen vertreten, um zu kaschieren, dass sie eigentlich das genaue Gegenteil erreichen möchte? An welchem Punkt kann sie es wagen, ihr wahres Gesicht zu zeigen? Tain Hu warnt sie, dass es irgendwann zu spät sein wird: "Du wirst keine Macht hinter der Maske finden. [...] Sie wird dich tragen, nicht du sie. Sie wird dir dein eigenes Gesicht wegfressen."

    Ein faszinierendes Debüt, das Seth Dickinson hier hinlegt – wenn auch eines, für das man sich etwas Zeit nehmen muss. Und Zeit genommen hat sich auch der Autor selbst: Der Untertitel der deutschen Ausgabe suggeriert zwar, wie er da so steht, dass es sich um eine Reihe handeln würde, vorläufig gibt es aber nur diesen Roman. Dickinson ist den alten, ehrenwerten Weg gegangen und hat erst einmal eine Kurzgeschichte veröffentlicht, die er dann in den folgenden Jahren zum vorliegenden Roman ausarbeitete, anstatt gleich eine Trilogie aus dem Boden zu stampfen. Ebenso geruhsam kann es dann weitergehen: Den Entwurf für ein Sequel hat er erst vergangenen Monat bei seinem Verlag eingereicht.

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