Rundschau: Von Xeelee und anderen Superwesen

    Ansichtssache5. August 2017, 10:00
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    Ein Frühwerk George R. R. Martins und neue Phantastik-Romane von Stephen Baxter, Joe Hill, Tom Holt und Hao Jingfang

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    foto: tor books

    Martha Wells: "The Murderbot Diaries 1: All Systems Red"

    Broschiert, 154 Seiten, Tor Books 2017, Sprache: Englisch.

    Ein Prospektorenteam in Nöten: Erst wird eines der Mitglieder fast von einem Sarlacc-artigen Monster gefressen, dann stellt sich heraus, dass ein Warnhinweis auf diese Gefahr absichtlich aus der Datenbank gelöscht wurde. Weitere Unstimmigkeiten tauchen auf und schließlich reißt der Kontakt zu einem Konkurrenzteam auf der anderen Seite des neuerkundeten Planeten ab. Irgendjemand scheint das Projekt sabotieren zu wollen – aber wer und warum?

    Murderbot hütet ein Geheimnis

    So weit, so bekannt. US-Autorin Martha Wells stellt in ihren "Murderbot Diaries" aber nicht die menschlichen Mitglieder der Expedition in den Vordergrund, sondern die halbrobotische Sicherheitseinheit, die von einer Firma zusammen mit der übrigen Ausrüstung geleast wurde. Diese SecUnit ist im Grunde ein Cyborg, der auch organische Komponenten aus geklontem menschlichem Material enthält – zusammen mit Strahlenwaffen in beiden Armen und einem am Rücken montierten Geschütz (man sieht förmlich die Actionfigur vor sich). Was das Team nicht weiß: Die SecUnit überwacht es im Auftrag des Unternehmens. Und was weder das Team noch das Unternehmen weiß: Sie hat ihr Steuerungsmodul ausgeschaltet. Murderbot steht unter niemandes Kontrolle mehr.

    Das klingt auch noch bekannt? Abwarten, genau hier setzt Wells' origineller Zugang zum Thema ein. Die SecUnit hat ihr Modul nämlich nicht etwa deshalb gehackt, um ihre Besitzer abzuschlachten und die Weltherrschaft an sich zu reißen ... sondern um ungestört durch die zahllosen Kanäle des galaktischen Unterhaltungsnetzwerks surfen zu können. Denn das ist es, was sie am liebsten tun würde: Den ganzen Tag lang Serien glotzen, in denen sie aus sicherer Entfernung die Irrungen und Wirrungen der seltsamen Menschen mitverfolgen kann, die ihr im realen Leben schwer auf die cybertronischen Nerven gehen.

    Dieses gewisse Gefühl von Peinlichkeit

    Wells legt ihrem/r geschlechtslosen Ich-ErzählerIn folgende Formel in den Mund, die zugleich das Erfolgsrezept des Kurzromans ist: murderbot + actual human = awkwardness. Und die gilt beiderseits. Dem Team wird's ungemütlich, als es sich der Tatsache stellen muss, dass unter dem getönten Visier der SecUnit ein menschliches Gesicht steckt. Nicht dass diese es unbedingt zeigen möchte, im Gegenteil. Sie zieht es jederzeit vor, im Frachtraum statt auf einem Passagiersitz mitzufliegen, um Konversation zu entgehen. Und wenn ihr das Gemenschel zu viel wird – manchmal wollen sie sogar mit ihr über ihre Gefühle sprechen, *schauder* –, dann dreht sie sich einfach zur Wand wie ein überfordertes Kind.

    Das ist streckenweise hochkomisch. Aber nicht dass wir uns falsch verstehen: Wells hat hier keinen Schenkelklopfer abgeliefert. Die Pointen sind genauso unaufdringlich gesetzt wie die Spannungselemente – vom oben erwähnten Sarlacc-Pendant etwa erhalten wir nur einen flüchtigen Eindruck. "All Systems Red" vermittelt einen durchgängigen Eindruck von Leichtfüßigkeit: Als hätte die Autorin, die normalerweise in Fantasy-Reihen macht, zwischendurch mal etwas ganz anderes, etwas Kurzes und erfrischend Anstrengungsloses schreiben wollen. Ist hervorragend geglückt!

    "As a heartless killing machine, I was a terrible failure"

    Wenn wir alle Faktoren zusammenzählen, haben wir es im Grunde mit der Erzählstimme eines Blue-Collar-Workers in akademischem Umfeld zu tun. Sie klingt bei oberflächlicher Betrachtung schlicht gestrickt ("They don't give murderbots decent education modules on anything except murdering, and even those are the cheap versions."). Doch die SecUnit durchschaut auch vieles, das ihren hochgebildeten Schützlingen entgeht, kommentiert nüchtern die Firmenpolitik und gibt sich ganz allgemein keinen Illusionen hin. Ausdruck dafür ist nicht zuletzt die Bezeichnung "Murderbot" selbst: Die hat sie sich nämlich zwecks treffender Selbstbeschreibung ganz allein ausgedacht.

    In den lästigen Pausen zwischen ihren Lieblingsserien spult sie ihr Arbeitsprogramm ab, gibt (selbstverständlich nur vor sich selbst) zu, dass sie einen halbherzigen Job macht, und tut doch alles Notwendige. Und sollte sie am Ende des Tages sogar noch in die Heldenrolle schlüpfen, dann selbstverständlich nicht, weil ihr ihre Schützlinge am Herzen liegen würden, sondern nur deshalb, weil es sich in ihrer Akte schlecht machen würde, wenn alle draufgehen. Sagt sie zumindest. Sie sagt aber auch, dass sie bei früheren Aufträgen schon jede Menge Leichen produziert hat. Es ist eine gelinde gesagt interessante Persönlichkeit, die Martha Wells hier für uns geschaffen hat. Weitere Facetten davon werden wir hoffentlich Anfang 2018 kennenlernen, wenn ein neuer Auszug aus den "Murderbot Diaries" erscheint. Der ist schon mal vorbestellt.

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