Rundschau: Von Xeelee und anderen Superwesen

    Ansichtssache5. August 2017, 10:00
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    Ein Frühwerk George R. R. Martins und neue Phantastik-Romane von Stephen Baxter, Joe Hill, Tom Holt und Hao Jingfang

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    foto: gollancz

    Stephen Baxter: "Xeelee: Vengeance"

    Broschiert, 432 Seiten, Gollancz 2017, Sprache: Englisch.

    Stephen Baxter gibt den J. J. Abrams, wer hätte das gedacht! "Vengeance" ist der erste Xeelee-Roman seit zwölf Jahren und kommt als waschechtes Reboot daher. Und wie bei den neuen "Star Trek"-Filmen steckt auch hier ein folgenschwerer Besuch aus der Zukunft dahinter. Da Baxter aber zugleich sein eigener Gene Roddenberry bleibt, werden Altfans hier auch viele Kontinuitäten und Anknüpfungspunkte an die frühen Xeelee-Romane sowie an die "Destiny's Children"-Reihe finden. Sowie zum Drüberstreuen Verbeugungen vor Edgar Rice Burroughs' "Barsoom"-Abenteuern sowie ein bisschen sogar vor "Star Trek" selbst: Das Cover zeigt eine Xeelee-Waffe, die doch ziemlich an den Käfig der Tholianer aus der Original-Serie erinnert.

    Aus der sage und schreibe Jahrmilliarden umfassenden Future History der Xeelee-Sequenz hat sich Baxter eine Phase herausgegriffen, die einerseits ein Schlüsselmoment der Menschheitsgeschichte ist und andererseits den Neueinstieg sehr leicht macht. Denn die Welt des Jahres 3646 entspricht ganz dem, was man sich als Leser von klassischer, positiv ausgerichteter Science Fiction erwartet: Die menschliche Zivilisation ist friedlich unter der UN-Flagge vereint, hat einige Himmelskörper im Sonnensystem kolonisiert und die vom Klimawandel verwüstete Erde wieder begrünt. Auf das vernünftige Maß von einer Milliarde abgeschlankt, erfreuen sich die Menschen dank Anti-Senescence-Behandlungen einer fast unbegrenzten Lebensspanne. Und sie leben in gewaltigen Hightech-Türmen, damit sich draußen die sorgfältig bis ins Pleistozän rückgezüchtete Tierwelt tummeln kann. Freie Fahrt für freie Mammuts!

    Ab jetzt alles anders

    Um die Vernetzung des Sonnensystems voranzutreiben, hat der junge Visionär Michael Poole ein Wurmloch-Portal zwischen Jupiter und Erde gebaut. Noch vor der offiziellen Eröffnung bricht daraus jedoch etwas hervor, das Michael und seinen Zeitgenossen völlig unbekannt ist, das wir LeserInnen jedoch sofort als ein Raumschiff der Xeelee wiedererkennen – jener Spezies, gegen die die Menschheit einen unendlich lang erscheinenden und letztlich vergeblichen Krieg führen wird. Doch sollte das erst viel später geschehen. Beim Anblick des schwarzen, wie der Samen eines Berg-Ahorns geformten Schiffs geht Michael nur ein Gedanke durch den Kopf: "You do not belong." Als wüsste er, dass sich mit diesem vorzeitigen Kontakt die Zeitlinie, wie wir sie bisher aus der Xeelee-Sequenz kannten, radikal geändert hat.

    Und durchs Portal kommt noch ein weiteres zu diesem Zeitpunkt nur uns bekanntes Wesen: ein Silbergeist, Angehöriger einer lange mit der Menschheit verbündeten und später fast von ihr ausgelöschten Spezies. Er kündet vom großen Krieg der Zukunft und nennt explizit Michael Poole, dem zu Ehren man auf einem Planeten im Herzen der Milchstraße eine zwei Kilometer hohe Statue errichtet habe. Ob Michael es will oder nicht – nach dieser Ansage muss er sich damit abfinden, dass er ganz persönlich in Ereignisse von kosmischer Bedeutung involviert ist.

    Und immer wieder Michael Poole

    Michael Poole spielte bereits in den wegweisenden Xeelee-Romanen "Das Geflecht der Unendlichkeit" (1992) und "Ring " (1994) eine zentrale Rolle. Immer wieder wurde er von Baxter aufgegriffen – und wenn nicht er selbst, dann jemand aus seiner Familie: zum Beispiel ein ebenfalls Michael heißender Poole, der die Welt im 21. Jahrhundert vor der Klimakatastrophe rettete.

    Diese ständige Verwicklung der Pooles in großmaßstäbliche Ereignisse ist speziell der Pilotin Nicola Emry unheimlich. Sie wird zur Weggefährtin und treuen Kritikerin Michaels in diesem Roman. Wie jener Sklave, der im alten Rom bei Triumphzügen im Wagen des Imperators mitfuhr und ihm ständig "Denke daran, dass auch du ein Mensch bist" zuflüsterte, holt sie Michael immer wieder auf den Boden zurück. Er hat zwar keinerlei Interesse an Ruhm oder Macht, neigt aber dafür zu waghalsigen und folgenschweren Alleingängen. "This plan of yours. I imagine it's megalomaniac." He shrugged, tense. "I'm a Poole. Of course it's megalomaniac."

    First Contact mit zunehmenden Turbulenzen

    Also heften sich die beiden dem Xeelee-Schiff an die Fersen, das auf dem Merkur mal eben so einen gigantischen Würfel aus dem Boden zieht, der dort offenbar Milliarden von Jahren verborgen lag, und ihn anschließend in die Sonne tunkt. Auch dorthin folgen Michael und Nicola nach – ihre Pionier-Tauchfahrt ins Innere der Sonne erinnert an den Jupiter-Abstieg in "Die Medusa-Chroniken" in größerem Maßstab: And so they descended through great fountains, themselves hundreds or thousands of kilometres across, their structure and their cycling flows dimly visible in the neutrino images. Towers taller than worlds, all around them.

    Das ist ziemlich atemberaubend und gibt Baxter wieder einmal Gelegenheit, jüngste astronomische Erkenntnisse einzubauen: Von neu erschlossenen Details der Merkuroberfläche bis zum Ring um Chiron finden wir hier einiges wieder, was in den vergangenen Jahren Schlagzeilen im Wissenschaftsjournalismus gemacht hat. Trotz des physikalischen Parforceritts, auf den uns Baxter hier mitnimmt, liest sich "Xeelee: Vengeance" aber leicht verständlich – auch auf Englisch. Daraus können wir getrost schließen: Der Mann weiß eben, wovon er schreibt.

    Ein weiterer Charakterzug des Romans, der NeueinsteigerInnen entgegenkommt, ist der Umstand, dass Baxter ihn als klassische First-Contact-Geschichte angelegt hat: Menschen sehen sich mit den rätselhaften Aktivitäten einer technologisch weit überlegenen Spezies konfrontiert und versuchen sich mit ihr zu verständigen. Kennen wir. Freilich wissen wir aus früheren Werken Baxters auch, dass die Xeelee nicht für ihre Kommunikationsfreude bekannt sind. Und wir wissen weiters, dass es bei Baxter selten ohne Gewaltakte in weltenzerstörendem Ausmaß abgeht: Das sind leider keine guten Aussichten für unsere noch ahnungslosen Hauptfiguren.

    Tolles Schmökererlebnis!

    Baxter verschwendet nicht viele Worte auf die Charakterisierung seiner ProtagonistInnen, zeichnet sie aber – entgegen seinem Ruf – in indirekter Weise ganz plastisch: den immer wieder ungewollt zum Helden werdenden Michael, dessen manipulativen Vater Harry, der mit der Alien-Ankunft seine Chance gekommen sieht, nach der Macht zu greifen, und die skeptische, aber treue Nicola. Und nicht zu vergessen den knorrigen Weltraumveteranen Highsmith Marsden, der in seinem Kometenhabitat umsichtigerweise sofort die Lichter ausgehen lässt, um es vor den Aliens zu verbergen. Der alte Haudegen ist damit sogar Michael einen Schritt voraus:

    "We have to plan for the worst case." Poole frowned. "Which is?" Marsden glared at him. "'Which is?' 'Which is?' What kind of question is that? Have you no vision at all, man? And they built you a statue at the centre of the Galaxy, did they? What does it have you doing, looking for your own arse by supernova light?"

    "Xeelee: Vengeance" ist einmal mehr ein typisch Baxter'sches Breitwanderlebnis: Superhuman energies were being wielded on a superhuman scale. Das bereitet großen Spaß und zugleich großes Schaudern angesichts der Dinge, die da auf die Menschheit zukommen werden. Es endet mit einem Knalleffekt, der alles in eine neue Bahn lenkt, und das Schönste ist: Noch haben wir die Xeelee damit nicht zum letzten Mal gesehen. Für Mai 2018 ist bereits der Nachfolger "Xeelee: Redemption" angekündigt.

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