Rundschau: Von Xeelee und anderen Superwesen

    Ansichtssache5. August 2017, 10:00
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    Ein Frühwerk George R. R. Martins und neue Phantastik-Romane von Stephen Baxter, Joe Hill, Tom Holt und Hao Jingfang

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    foto: idw publishing

    Cullen Bunn, Jimmy Johnston, Max Dunbar & Chris Mercier: "Micronauts Volume 2: Earthbound"

    Graphic Novel, broschiert, 152 Seiten, IDW Publishing 2017, Sprache: Englisch.

    "Firefly" und "Guardians of the Galaxy" meets "Kampfstern Galactica" (die Originalserie): Der zweite Sammelband der neuen "Micronauts"-Comicreihe ist voll, und in dem werden die Titelhelden endlich ihrem Namen gerecht. Denn nachdem sie ihr Raumschiff Heliopolis in die Entropiewolke gesteuert hatten, die ihr heimatliches Universum langsam auffrisst, wurden sie in einer anderen Welt wieder ausgespuckt. Auf der Giganten leben ... nämlich wir.

    Damit haben die sechs Micronauts jetzt exakt die Größe, in der das gleichnamige Spielzeug in den 70ern in den Regalen stand. Und mit diesem Handicap müssen sie die verwirrenden Verhältnisse auf der Erde auskundschaften wie weiland Alt-Starbuck & Co. Groß die Erleichterung, als sie auf ein planetenumspannendes Informationsnetzwerk stoßen, das ihnen die Orientierung erleichtern könnte, aber dieses sogenannte Internet hat auch seine Tücken: "The information is corrupted with pictures of some sort of small furry mammal and many images of naked females."

    Wie der Plot weiterläuft

    In Band 1, "Entropy", haben wir das halbe Dutzend Antihelden kennengelernt, das sich auf der Suche nach dem nächsten Coup plötzlich in einer Mission von kosmischer Bedeutung wiederfand. Der streitbare Cyborg-Krieger Acroyear, das für Komik sorgende Roboter-Duo Biotron und Microtron, die etwas chaotische Space-Gliderin Phenolo-Phi und die unnahbare Larissa mit ihrer Fähigkeit, Energieschilde zu projizieren: Es ist ein Ensemble, das schwerer zu bändigen ist als ein Sack voller Flöhe, weshalb der nominelle Anführer Oz auch seine liebe Not hat. Als Macho-Leader kommt er ohnehin nicht gerade rüber – mit seinem "ägyptischen" Kinnbärtchen sieht er jedenfalls eher wie ein Hipster-Barista aus als wie der parapsychisch begabte Pharoid, der er ist. Aber wenn's drauf ankommt, kann selbst der friedliebende Oz mal auf den Putz hauen: "Being a pacifist isn't a full-time decision."

    Gut so, denn schon zu Beginn geht's ums Überleben. Auf der Erde finden sich die sechs in einer (para?)militärischen Einrichtung wieder und sehen einer Vivisektion entgegen – wäre da nicht die Wissenschafterin Rhonda Conway, die ihrem Gewissen nachgibt und den Winzlingen zur Flucht verhilft. Autor Cullen Bunn setzt also ganz auf einen Plot, der in der SF schon viele, viele Male verwendet worden ist. Zu den zwangsläufigen Verfolgungsjagden gesellen sich aber rasch weitere Elemente, die den künftigen Weg abstecken: Unser Sextett stößt auf andere Besucher aus dem Mikro-Universum, die schon viel früher auf der Erde angekommen sind. Und es zeichnet sich ab, dass die Erde ins Visier der Mächtigen daheim geraten ist. Ein Krieg zieht auf.

    Was man (nicht) erwarten darf

    Natürlich wäre es absurd, eine tiefschürfende Handlung von etwas zu erwarten, das auf einem alten Spielzeug-Franchise beruht. Zumal einem, das nicht einmal eine einheitliche Marke war wie die späteren "Transformers", sondern eine willkürliche Zusammenstellung verschiedener japanischer Produktlinien für den Vertrieb im Westen. Trotzdem interessant, wie sich der Ton verändert hat: Fußten die Original-"Micronauts"-Comics um 1980 noch auf einem traditionell-fantasyesken Helden-Schurken-Schema, so geht es die Neuausgabe weniger moralisch und dafür deutlich lockerer an.

    Dazu gehört auch die notwendige Prise Humor: Ob nun Phenolo-Phi mit ihren Jetflügeln gegen die Windschutzscheibe eines verfolgenden Humvees klatscht wie eine Mücke, inmitten von Spielzeug ein tödliches Gefecht im Kinderzimmer tobt ("Toy Story" lässt grüßen) oder Acroyear auf der Suche nach versteckten Feinden den Klodeckel lüpft: Kleine Gags lockern die sechs hier versammelten Episoden auf und hauchen dem "Micronauts"-Universum trotz seiner Entstehungsgeschichte tatsächlich ein bisschen Leben ein. Selbst wenn Max Dunbars Zeichnungen immer wieder in Erinnerung rufen, worum es sich hier letztlich wirklich handelt: um perfekt in Szene gesetztes Spielzeug.

    Und dieser knallbunte Retro-Spaß ist zugleich die geeignete Überleitung für die nächste Rundschau: Auch in der werden sich Zukunft und Vergangenheit mehrfach die Hände reichen. Die Palette reicht von einer jahrhundertealten Geheimgesellschaft von Robotern über ein Raumschiff namens Titanic bis zur Glorie der böhmischen Raumfahrtgeschichte. (Josefson, 5.8.2017)

    Nachlese
    Alphabetische Liste aller seit 2008 rezensierten Bücher

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