E-Wirtschaft kann Zeitplan für Smart-Meter nicht einhalten

3. Juli 2017, 12:46
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Elektrizitätswirtschaft will Aufschub für Rollout, der Austrozeitplan sei nicht zu halten

Wien – Die Elektrizitätswirtschaft kann den ehrgeizigen Austro-Zeitplan für Smart Meter, der strenger ist als der EU-Rahmen, nicht einhalten und bemüht sich beim neuen Wirtschaftsminister um einen Aufschub. Zudem beschäftigen die Branche derzeit Stromnetzsicherheit und Netzreserve, wofür die kleine Ökostromnovelle eine Regelung enthält. Die Strompreise sieht man die nächsten Jahre nur seitwärts gehen.

Für die geplante Ausstattung von 95 Prozent der heimischen Stromabnehmer wolle man bis 2022 Zeit haben, also um zwei, drei Jahre länger, sagte der neue Präsident des Branchenverbandes Oesterreichs Energie, Leonhard Schitter, am Montag vor Journalisten. Die bis Ende des laufenden Jahres 2017 angepeilten 70 Prozent seien sicher nicht zu schaffen, meinte die Verbandsgeneralsekretärin Barbara Schmidt. Die EU-Richtlinie hatte 80 Prozent bis 2020 vorgesehen, Österreich wollte bis dahin jedoch schon 95 Prozent installiert sehen. Man sei sehr zuversichtlich, dass die Verordnung über eine zeitliche Erstreckung noch vor der Wahl im Oktober komme, so Schmidt.

Mehr Strom, mehr Effizienz

Schitter, seit Mitte Juni neuer Präsident der Interessenvertretung der E-Wirtschaft – als Nachfolger von Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber -, hat sich für seine dreijährige Funktionsperiode vor allem die Umsetzung der drei Kernpunkte der Stromstrategie von Oesterreichs Energie auf die Fahnen geheftet: mehr Strom und mehr Effizienz ins Energiesystem zu bringen, mehr auf Erneuerbare Energien zu setzen sowie mehr aktive Marktteilnehmer zu mobilisieren, indem etwa immer mehr Stromabnehmer auch als Stromerzeuger tätig sein können. Dekarbonisierung, Dezentralisierung und Digitalisierung seien die drei großen Herausforderungen für die E-Wirtschaft.

Aktuell brennt freilich das Thema Versorgungssicherheit unter den Nägeln, weil die Kosten zur Netzstabilisierung heuer bis Juni schon so hoch waren wie im gesamten Vorjahr. "Die Versorgungssicherheit ist uns extrem wichtig. In Österreich sind wir zu 99,99 Prozent ausfallsicher, das müssen wir weiterhin absichern. Die hohe Verfügbarkeit muss bleiben." Zur Netzreserve wird positiv gesehen, dass mit der vorige Woche doch noch vom Nationalrat beschlossenen kleinen Ökostromnovelle ein Rahmen für den Betrieb systemrelevanter Kraftwerke geschaffen wird. Mit Wirtschaftsministerium und Regulator E-Control werde geklärt, durch welche Kraftwerks-Parks die Reserve gesichert werden könne und um welches Leistungsvolumen und welchen Anteil thermischer Erzeugung es dabei gehen solle. Die Frage des Abrufens von Reserven werde zwischen dem Übertragungsnetzbetreiber APG und der E-Control geklärt, so Schitter.

Neue Kraftwerksbauten

Die Versorgungssicherheit werde aber "nicht ohne zusätzliche Erzeugungsanlagen" aufrechterhalten werden können, "die Kapazitäten müssen und werden ausgebaut", betonte der neue Verbandspräsident. Mehr heimische Stromerzeugung sei auch nötig, um die Importe wieder auf ein früheres Maß reduzieren zu können, betonte Schmidt, denn 2016 hätten die Stromimporte im Jahresschnitt bereits 15 Prozent ausgemacht. 6 bis 8 Terawattstunden (TWh) sollen bis zum Jahr 2030 laut den im März vorgelegten Branchendaten die rund 140 Mitgliedsunternehmen (mit über 21.000 Mitarbeitern) an PV-, Wind- und Wasserkraftwerken dazubauen, also nur Erneuerbare Energie. Und wenn die voestalpine noch in die elektrobasierte Stahlerzeugung gehe, "werden wir noch mehr brauchen", meinte Schmidt.

Trotz der niedrigen Strompreise setze die E-Wirtschaft sehr wohl neue Kraftwerksbauten um, etwa in Westösterreich oder auch in der Steiermark, betonte Schitter: "Die Branche ist bereit zu investieren." Durch die Integrierung der Erneuerbaren werde aber die Preissetzung eine andere werden. Bei Wasserkraft gehe es neben neuen Anlagen auch um Effizienzsteigerungen bestehender. Die Stromgroßhandelspreise sieht der Salzburg-AG-Chef auch in den nächsten Jahren nur um die 30 Euro pro Megawattstunde (MWh): "In den nächsten vier, fünf Jahren wird sich sicher die Seitwärtsbewegung fortsetzen, und es wird keine Ausschläge nach oben geben."

Aktionsprogramm

Für die nächste Regierung, die sich nach dem 15. Oktober formieren wird, bastelt Oesterreichs Energie schon an einem Aktionsprogramm mit Vorschlägen an die Politik zur Energiepolitik. Das wolle man im Herbst präsentieren. Und von der neuen Regierung erwartet man sich auch endlich die an sich bis Ende Juni angekündigt gewesene neue Klima- und Energiestrategie. An der kleinen Ökostromnovelle begrüßt man auch die Öffnung von Photovoltaik für Mehrfamilienhäuser – womit PV auch in die Städte kommen könne -, Regelungen zur Kleinwasserkraft und ein PV-Sonderprogramm im Zusammenhang mit Speichern. Mit dem, was durch diese Novelle angereizt werde an Neuem, sei man aber erst bei 10 Prozent der Untergrenze, die man in der eigenen Stromstrategie angesetzt habe, so Schmidt.

Wichtige energiepolitische Weichenstellungen europäischer Dimension sind unter österreichischer Ägide für das zweite Halbjahr 2018 zu erwarten. So dürfte dann unter EU-Ratsvorsitz Österreichs das neue EU-Energiepaket – genannt Winterpaket, weil es die EU-Kommission im November 2016 vorgestellt hat -, legistisch verabschiedet werden. Das EU-Winterpaket versteht sich als großer energiepolitischer Wurf Brüssels für weniger CO2-Ausstoß, mehr Energieeffizienz und mehr Erneuerbare Energien in der Europäischen Union.

Auch in Österreich sieht Schitter den Zug eindeutig in Richtung Erneuerbare Energien fahren, da ja noch mehr Strom nötig sein werde. "Die Zukunft ist elektrisch, denn alle Aufgaben werden elektrisch abgebildet werden können. Ohne Strom steht Österreich still." (APA, 3.7.2017)

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