Fußball: Der Werdegang der goldenen Generation

29. Juni 2017, 13:41
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Vor zehn Jahren sorgte die ÖFB-U20-Auswahl bei der WM für Furore. Aber was wurde aus den Protagonisten?

Wien – Was sich zum größten österreichischen Erfolg auf Fußball-Nachwuchsebene entwickeln sollte, hat am 3. Juli 2007 relativ unspektakulär seinen Anfang genommen. Die ÖFB-U20-Auswahl startete in Edmonton mit einem 1:1 gegen Kongo in die WM, beklagte danach die mangelnde Chancenauswertung, freute sich aber über die am Leben erhaltene Chance auf den Achtelfinaleinzug.

Nicht einmal drei Wochen später endete das wichtigste Junioren-Turnier der Welt mit Rang vier – die heimischen Jung-Kicker waren in der Zwischenzeit zu den Lieblingen der ganzen Nation avanciert und im Herbst zur Mannschaft des Jahres in Österreich gewählt worden.

Starker Output

Insgesamt schafften es neun Kicker aus dem 21-Mann-WM-Kader in die Nationalmannschaft – einen derartigen Output hat es bisher noch bei keinem ÖFB-Nachwuchsteam gegeben. Sebastian Prödl, Zlatko Junuzovic und Martin Harnik sind nach wie vor fixe Bestandteile der A-Auswahl, in der außerdem Veli Kavlak, Erwin Hoffer, Rubin Okotie, Markus Suttner, Michael Madl und Andreas Lukse zum Einsatz kamen.

foto: apa/ap/gunn
2:1 gegen die USA: Michael Madl, Rubin Okotie, Veli Kavlak und Sebastian Prödl.

Ihr damaliger Teamchef Paul Gludovatz verfolgte die Karrieren in den zehn Jahren seit Kanada mit großem Interesse und auch mit großer Genugtuung. "Ich freue mich sehr über ihre Erfolge", erklärte der mittlerweile 71-Jährige.

Gludovatz gelang es, aus unterschiedlichen Gruppen innerhalb der Mannschaft eine echte Einheit zu formen. "Der Trainerstab hat den Zusammenhalt vorgelebt, und die Spieler sind mitgezogen", erinnerte sich der ehemalige Ried-Coach. Zur guten Stimmung trug auch bei, dass Gludovatz seine Schützlinge zumeist an der langen Leine hielt. "Ich habe nie jemandem verboten, dass er vielleicht ein Bier trinkt."

Selbstkritischer Gludovatz

Penible Zapfenstreich-Kontrollen gab es nicht. "In die Zimmer bin ich nie reingegangen. Die Burschen haben genau gewusst, wo die Grenzen sind", betonte Gludovatz.

foto: reuters/cassese
Die Stimmung auf dem Höhepunkt.

Zumindest auf dem Platz schienen den ÖFB-Youngsters lange keine Grenzen gesetzt. Auf die Kongo-Partie folgten ein ungefährdetes 1:0 gegen Gastgeber Kanada und ein starker Auftritt beim 0:0 gegen den Turnier-Mitfavoriten Chile mit dem nunmehrigen Bayern-Star Arturo Vidal. Im Achtelfinale wurde Gambia 2:1 besiegt, danach schlugen die Österreicher die hoch eingeschätzten US-Amerikaner um Freddy Adu und Jozy Altidore in einem spektakulären Match mit 2:1 nach Verlängerung.

Im Semifinale platzte der Traum vom WM-Titel – beim 0:2 gegen Tschechien war man chancenlos. In dieser Partie fehlten drei Stammspieler, was Gludovatz aber nicht als Ausrede gelten lässt. "Ich habe dieses Spiel mitverloren, weil die Burschen gespürt haben, dass ich nicht an den Sieg geglaubt habe. Ich habe ihnen zu viel Respekt eingeimpft und nicht glaubhaft vermittelt, dass wir gewinnen können", zeigte sich der Burgenländer selbstkritisch.

Große Enttäuschung

Trotz vieler gelungener Auftritte wie auch beim abschließenden 0:1 um Platz drei gegen Chile ist die Niederlage gegen Tschechien jenes Match, an das Gludovatz' Erinnerung am stärksten sind. "Weil die Enttäuschung danach sehr groß war. Wir sind ja nach Kanada gefahren, um Weltmeister zu werden."

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Jimmy Hoffer und die große Enttäuschung nach dem Ausscheiden.

Dass man es tatsächlich in die Nähe des Titelgewinns schaffte, lag laut dem Trainer neben der Qualität der Kicker vor allem an der starken Physis. "Alle Spieler haben sich körperlich sauwohl gefühlt, weil wir vom Trainerteam genau darauf geschaut haben. Dadurch konnten wir technische Mängel leichter kompensieren, und durch die körperliche Fitness ist die mentale Fitness dazugekommen." (APA, 29.6.2017)

Die Entwicklung der österreichischen Fußball-U20-Teamspieler, die bei der WM 2007 in Kanada den vierten Platz erreicht haben:

TOR:

Bartolomej Kuru:
Der gebürtige Tscheche war nach Vertragsende bei der Austria im Sommer 2008 ein halbes Jahr ohne Engagement, danach folgten die Stationen Grödig, Dunajska Streda, Vienna, Bohemians Prag, Parndorf, Austria Klagenfurt und St. Pölten. Derzeit ist er bei Bruck/Leitha engagiert.

Andreas Lukse:
Der Wiener wurde bei Rapid groß, hatte dann Engagements bei Leoben und Sturm Graz, ehe er es bei Rapid verpasste, sich als Nummer eins zu etablieren. Nach Verträgen bei der Vienna, FC Lustenau und Kapfenberg begann in Altach seine Renaissance, die ihm im November 2016 zum A-Team-Debüt verhalf. Derzeit laboriert Lukse an einer Schulterverletzung, die ihn wohl noch Monate außer Gefecht setzen wird.

Michael Zaglmair:
Der Oberösterreicher begann seine Karriere beim LASK und spielte bis 2012 für den SV Horn, ehe er seine Karriere beendete. Derzeit arbeitet Zaglmair als Tormanntrainer beim deutschen Kreisliga-Club FSV Prüfening.

ABWEHR:

Daniel Gramann:
Der Neffe von Andreas Herzog und Sohn des früheren ÖFB-Mediendirektors Wolfgang Gramann ging nach der U20-WM zum damaligen Bundesligisten SCR Altach. Zwei Jahre später heuerte er bei Austria Kärnten an, 2010 folgte ein einjähriges Gastspiel in Grödig. In der Folge spielte Gramann für Sollenau, Ostbahn XI und zuletzt ASK Elektra.

Michael Madl:
Der Steirer wurde nach der WM von der Austria für ein Jahr an Wacker Innsbruck verliehen. Danach stand er wieder bei der Austria unter Vertrag, ehe es den Abwehrspieler nach Wiener Neustadt zog. 2012 kam es zum Wechsel zu Sturm Graz, wo sich Madl etablierte und zum Kapitän aufstieg. Seit Jänner 2016 ist er beim englischen Zweitligisten Fulham unter Vertrag, im vergangenen November debütierte er im A-Team.

Thomas Panny:
Der Niederösterreicher erlitt kurz vor dem WM-Semifinale einen Wadenbeinbruch und Bänderrisse im Knöchel und musste lange pausieren. Im Jänner 2009 verließ er die Admira, es folgten Gastspiele bei FAC, Vösendorf, Wiener Neudorf, Ostbahn XI, Schwechat und zuletzt Kottingbrunn.

Thomas Pirker:
Der Kärntner ging nach der WM zu Austria Kärnten, danach machte er bei Vöcklabruck, WAC, Austria Klagenfurt, Villacher SV, SG Steinfeld, SV Sachsenburg und Dellach/Drau Station. Sein aktueller Verein heißt Wölfnitz.

Sebastian Prödl:
Der WM-Kapitän verabschiedete sich 2008 von Sturm Graz in Richtung Bremen. Dem deutschen Bundesligisten kehrte er nach sieben Jahren den Rücken und verteidigt seit 2015 für den Premier-League-Club Watford. Im A-Team brachte es der Steirer bisher auf 63 Länderspiele (4 Tore).

Siegfried Rasswalder:
Der Linksverteidiger spielt nach Stationen bei Leoben, LASK, Horn und Austria Klagenfurt derzeit für Erste-Liga-Aufsteiger Hartberg.

Markus Suttner:
Der Linksverteidiger schaffte es vom Nachwuchs der Austria bis zum Kapitän der "Veilchen", auch beim deutschen Bundesliga-Abstieger Ingolstadt ist er seit dem Transfer nach Bayern 2015 Stammspieler. Im vergangenen Mai trat er nach 20 Länderspielen aus dem ÖFB-Team zurück.

MITTELFELD:

Ingo Enzenberger:
Der Oberösterreicher wechselte nach der WM von den Salzburg Juniors für ein Jahr nach Schwadorf, kehrte danach zu den Juniors zurück. Es folgten Engagements beim irischen Club Galway United sowie bei Anif und TSV Neumarkt.

Peter Hackmair:
Der Mittelfeldspieler kehrte seinem Stammclub SV Ried 2011 den Rücken und ging zu Wacker Innsbruck. Im August 2012 beendete er nach vielen Knieverletzungen seine Karriere, mittlerweile arbeitet er als ORF-Experte.

Martin Harnik:
Der deutsch-österreichische Doppelstaatsbürger ging 2009 von Bremen zu Fortuna Düsseldorf und wechselte ein Jahr später zum VfB Stuttgart. Von dort ging es 2016 zum deutschen Zweitligisten Hannover 96, mit dem vor wenigen Wochen der Wiederaufstieg ins Oberhaus gelang. Seine A-Team-Bilanz steht bei 66 Spielen und 15 Toren.

Thomas Hinum:
Der Oberösterreicher ging nach seiner Rückkehr aus Kanada von Pasching zu Austria Kärnten, seine weiteren Arbeitgeber hießen Rapid, Ried und LASK. Seit 2016 steht er bei BW Linz unter Vertrag.

Zlatko Junuzovic:
Wechselte nach der WM zu Austria Kärnten. Zwei Jahre später ging er zur Wiener Austria und von dort im Jänner 2012 zu Werder Bremen, wo er mittlerweile zum Publikumsliebling und Kapitän avancierte. Im A-Team brachte er es bisher auf 55 Partien (7 Tore).

Veli Kavlak:
Der Mittelfeldspieler verließ Rapid 2011 in Richtung Besiktas Istanbul und stieg am Bosporus zum Führungsspieler und Kapitän seines Clubs auf, ehe ihn eine Schulterverletzung zu einer jahrelangen Pause zwang, die bis heute andauert. Seine A-Team-Bilanz: 31 Spiele, 1 Tor.

Bernhard Morgenthaler:
Nach Engagements bei der Admira, Schwadorf und Pasching landete der Niederösterreicher zuletzt beim SC Brunn/Gebirge.

Tomas Simkovic:
Der gebürtige Slowake wechselte im Jänner 2008 von den Austria Amateuren zu Schwanenstadt und war ein halbes Jahr später Spieler des SC Wiener Neustadt. Es folgte ab Jänner 2012 ein zweijähriges Engagement bei der Austria, ehe es ihn zu Tobol Kostanay in die kasachische Liga zog.

Michael Stanislaw:
Der Steirer schnürte nach der WM für Schwanenstadt, Wiener Neustadt, Egri (HUN), Horn, Ritzing und zuletzt für Bad Sauerbrunn seine Fußballschuhe.

STURM:

Erwin Hoffer:
Der Stürmer vollzog im Sommer 2009 den Wechsel von Rapid zum SSC Napoli. In Süditalien war der Niederösterreicher ein Jahr lang zumeist Tribünengast, es folgten Wechsel zu Kaiserslautern, Eintracht Frankfurt, Düsseldorf und Karlsruhe. Beim KSC wurde sein Vertrag nicht verlängert, derzeit befindet sich Hoffer auf Vereinssuche. Im A-Team schaffte er 28 Länderspiele (4 Tore).

Rubin Okotie:
Bei Austria Wien avancierte der Angreifer einige Monate nach der WM zum Stammspieler, allerdings erlitt er im August 2009 einen Knorpelschaden im Knie, der ihn fast ein Jahr außer Gefecht setzte. Okotie erholte sich lange nicht davon, spielte ohne überwältigenden Erfolg für Nürnberg, St. Truiden, Sturm Graz und Austria, ehe es bei SönderjyskE (DEN) und vor allem 1860 München wieder bergauf ging und der Stürmer den Weg zurück ins A-Team fand. Dort schaffte er 18 Länderspiele und 2 Tore. Derzeit besitzt Okotie einen Vertrag beim chinesischen Zweitligisten Beijing Enterprises. (APA; 29.6.2017)

Österreichs Spiele bei der U20-WM 2007 in Kanada:

Gruppenphase:
Kongo 1:1 (1:0). Tor: Hoffer
Kanada 1:0 (0:0). Tor: Okotie
Chile 0:0

Achtelfinale:
Gambia 2:1 (1:0). Tore: Prödl, Hoffer

Viertelfinale:
USA 2:1 n.V. (1:1,1:1)
Tore: Okotie, Hoffer

Semifinale:
Tschechien 0:2 (0:2)

Spiel um Platz 3:
Chile 0:1 (0:1)

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