"Men Talk": Gegen Angst, Wut und Aggression anreden

    23. Juni 2017, 07:00
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    Workshops für geflüchtete Männer sollen einen "Austausch auf Augenhöhe" über Gesetze, Sex und Gleichberechtigung bieten

    Graz – Gewaltbereite Sexisten und Frauenfeinde? Oder zumindest Machos durch und durch? Spätestens seit den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht in Köln 2015 gerieten junge geflüchtete Männer unter Generalverdacht, und der Ruf nach "Nachhilfe" in Sachen Frauenrechte und Gleichberechtigung wurde lauter. Auch in Männerberatungsstellen wurde durch Anfragen von MitarbeiterInnen verschiedenster NGOs ein wachsender Bedarf nach Dialog mit geflüchteten jungen Männern über Gesetze, Gleichstellung, Sexualität oder Beziehungen deutlich.

    Die neue Dialogreihe "Men Talk" soll nun dabei helfen, diesem wachsenden Bedarf gerecht zu werden. Entwickelt wurden die Workshops vom Verein für Männer- und Gleichstellungsthemen Steiermark (VGM) in Zusammenarbeit mit facheinschlägigen NGOs, den Männerberatungsstellen und dem Dachverband Männerarbeit Österreich (DMÖ). Die Zwölf Workshopmodule für männliche Asylwerber ab 18 Jahren werden nun erstmals in Wien, Niederösterreich, Salzburg und der Steiermark angeboten. Finanziert wird das Projekt vom Bundesministerium für Inneres.

    Gespräch statt Vortrag

    Gespräche auf Augenhöhe sind das Ziel dieser Workshops, die von Männern und Frauen mit Erfahrung in der Durchführung solcher Workshops mit geflüchteten Männern haben. Bisher fehle oft der gleichwertige Dialog über Werte und Einstellungen mit den betroffenen Männern selbst, sagt Elli Scambor, Soziologin beim VGM.

    Für "Men Talk" wurde auf ein bereits erprobtes Modell zurückgegriffen, das die norwegische Einrichtung für Täterarbeit "Alternatives to Violence" erarbeitet hat: Die Module sind so aufgebaut, dass die Teile mit Informationen relativ kurz sind und der Großteil im Dialog erarbeitet wird. "Zum Beispiel wird dann im Gespräch mit den Teilnehmern erfragt, was man unter Gewalt versteht", erklärt Scambor.

    Da Unwissen über Sexualität oder auch die Unterschiede zu hiesigen Umgangsformen mit Problemen teilweise sehr groß sind, erzählt Wolfgang Obendrauf, Systemischer Lebens- und Sozialberater und Sexualberater in der Männerberatung Graz, im Gespräch mit dem STANDARD. "Ein junger Mann aus Pakistan dachte, seine Rückenschmerzen kommen von der Selbstbefriedigung", erzählt Obendrauf von einem Beratungsgespräch. Ein anderer Klient wollte sich scheiden lassen, doch dass seine Frau ihn betrogen hat, war für ihn ein derart tabubehaftetes Thema, dass er es nicht mal aussprechen konnte.

    Ankommen, auch sozial

    Gewaltprävention ist neben Information ein weiteres Ziele der "Men Talks". Erlebte Traumata, das zermürbende Warten auf behördliche Bescheide oder eine unsichere Zukunft – das alles seien "gewaltfördernde Faktoren", sagt Erich Lehner, Vorsitzender vom DMÖ. Gewaltprävention sei daher einer der zentralen Inhalte der Module.

    Scambor wünscht sich zudem, mit diesen Workshops nicht nur Bewusstsein und gleiche Chancen für geflüchtete Männer zu stärken, sondern möchte darüber hinaus auch das "soziale Ankommen dieser Männer in der österreichischen Gesellschaft" unterstützen. (beaha, 23.6.2017)

    Info

    Weitere Informationen zu Men Talk

    Die Dialogreihen können hier kostenlos angefordert werden.

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    • Beratung, Information und vor allem Dialog. In der Workshopreihe "Men Talk" können männliche Geflüchtete über ihre Werte, Ängste oder auch Hilflosigkeit sprechen.
      foto: apa/bernd thissen

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