Rundschau: Tolkien in Love

    Ansichtssache1. Juli 2017, 10:00
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    Die größte Liebesgeschichte Mittelerdes und neue Phantastik-Romane von Ian McDonald, Cory Doctorow und Sylvain Neuvel

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    foto: fischer tor

    Mats Strandberg: "Die Überfahrt"

    Klappenbroschur, 508 Seiten, € 15,50, Fischer Tor 2017 (Original: "Färjan", 2015)

    Für alle, die als Kind mangels Alternativen mit ihren Eltern "Das Traumschiff" anschauen mussten und insgeheim hofften, die kitschige Sülze möge zur Abwechslung mal in einem Blutbad enden, kommt hier das richtige Buch. Geliefert wird's vom schwedischen Autor Mats Strandberg, der sich seinerseits noch kaum auf einen geraden Kurs festlegen lässt: Er begann seine schriftstellerische Karriere mit Büchern über die Liebes- und Entertainmentnöte junger Schweden und ließ darauf eine Fantasy-Trilogie für Teenager folgen, die auch ins Deutsche übersetzt wurde ("Engelsfors"). Und bevor er mit Kinderbüchern auf ein noch jüngeres Publikum abzielte, haute er zwischendurch mit "Färjan" ("Die Überfahrt") einen waschechten Horrorroman raus.

    Vorab hatte ich mich köstlich über eine Leserrezension auf der Seite mit A amüsiert: "Zuweilen hatte ich als Leser den Eindruck, als würden die Reisenden aus einem Pfuhl von sittenlosen Alkoholikern bestehen ..." Ja, was soll man sagen: Der Eindruck ist berechtigt – willkommen in der Welt der Finnlandfähren! In Mitteleuropa, wo selbst Hochprozentiges im Supermarkt zu kulanten Preisen erhältlich ist, kann man es sich kaum vorstellen, dass es in Schweden als Freizeitspaß gilt, mit einer Fähre über die Ostsee und gleich wieder zurück zu schippern, nur um billigen Alk zu konsumieren. Man muss am "Zielort" nicht einmal an Land gehen, sondern fährt einfach direkt wieder zurück und säuft weiter. Wer noch nie so einen Trip mitgemacht hat – am besten in einer der fensterlosen Billigkabinen, die heimeligerweise noch unterhalb des Autodecks liegen –, für den wird "Die Überfahrt" ein fremdartiges Ambiente bieten. Für jeden mit Skandinavienbezug hingegen ist es wie heimkommen (und dann abgeschlachtet werden).

    Leinen los

    Schauplatz des Romans ist die schon etwas abgenudelte Fähre "Baltic Charisma", die mit 1.200 Passagieren und 200 Besatzungsmitgliedern von Stockholm nach Åbo aufbricht. Wie beim "Traumschiff" oder "The Love Boat" beginnt die Geschichte damit, dass der Reihe nach die künftigen Hauptfiguren an Bord gehen und erste Einblicke in ihre jeweiligen Problemchen geben. Mit stolzen 500 Seiten bietet der Roman natürlich wesentlich mehr Platz als die diversen TV-Formate und macht uns deshalb auch mit einem entsprechend größeren Ensemble vertraut. Innerhalb dieser großen Gruppe wechselt Strandberg in kurzen Kapiteln laufend die Erzählperspektive und lässt uns Point-of-View-Charaktere auch aus den Augen anderer sehen.

    Da hätten wir etwa die schon etwas ältere Marianne, die den Trip aus einer spontanen Laune heraus gebucht hat und nun ihren zweiten Frühling erlebt. Oder Feierbiest Madde, die's mal wieder so richtig krachen lassen will, um ihre Arbeitsplatzsorgen zu verdrängen. Oder den präpubertären Albin, der den Kontakt zu seiner besten Freundin aus Kindertagen verloren hatte – nun trifft er sie wieder, doch ist Lo mittlerweile zum Grufti-Teenager mutiert und ihm eine gefühlte Generationenkluft voraus.

    Zu Crew gehören unter anderem die patente Sicherheitschefin Pia und der zynische Dan Appelgren. Früher war er mal einen Hit lang ein Popstar, nun leitet er die Karaoke-Bar der "Baltic Charisma" und hasst seinen Job und sein Publikum wie die Pest. Calle schließlich hat früher auf der Fähre gearbeitet und ist nun als Passagier zurückgekehrt, um seinem Freund auf hoher See einen Heiratsantrag zu machen. All diese Figuren (plus weitere) werden die Handlung tragen und Strandberg gibt sich große Mühe, dass wir ihre persönlichen Geschichten, ihre Sorgen und Hoffnungen, trotz all der Dinge, die da noch angerollt kommen, nie aus den Augen verlieren.

    Ungebetene Gäste

    An Bord gehen ganz heimlich aber auch eine alte Frau und ein kleiner Junge mit körperlichen Verfallserscheinungen, die einen unangenehmen Geruch verbreiten. Wer in Sachen Horror nicht vollkommen jungfräulich ist, ahnt damit schon zu Beginn, dass das Szenario auf eine von zwei Möglichkeiten hinauslaufen dürfte, die beide einen Anfangsbuchstaben weit hinten im Alphabet haben ...

    Nach sehr gemächlichem Beginn kommt die Eskalation der Handlung allmählich ins Laufen. Noch im ersten Fünftel wird der erste Passagier attackiert werden. Danach schaukelt sich alles recht schnell hoch und erreicht dann bald ein gorelastiges Terror-Level, das Strandberg über erstaunlich lange Zeit hinweg aufrechterhält. Das Thriller-Publikum mag damit Probleme haben, für Horror-Fans hingegen bewegt sich "Die Überfahrt" innerhalb der Standardabweichung.

    Wer Horror-Routine hat, für den hält der Roman zwar nichts Überraschendes, aber viel Unterhaltsames bereit – perfekte Sommerlektüre. Und alle diejenigen, die Erfahrung mit den billigen Vergnügungen von Finnlandfähren haben, können sich daran ergötzen, wie treffsicher Strandberg diese (Zitat Calle) Seifenblasenwelt zwischen Bars, Buffets und Besäufnissen, zwischen kotzeresistenten Teppichen und Karaoke beschreibt. Ein Pub an Bord heißt "McCharisma" ... also besser kann man es wirklich nicht auf den Punkt bringen.

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